bedeckt München 23°

Nobelpreisträger:Wie ich Schriftsteller wurde

Orhan Pamuk schreibt, warum man in Istanbul als Künstler nicht überleben kann - und weshalb er dieses Wagnis trotzdem eingegangen ist.

Jahrelang saß meine Mutter abends allein im Wohnzimmer und wartete auf meinen Vater, der nach dem Bridgeclub meist noch woanders hinging und erst sehr spät nach Hause kam, wenn meine Mutter schon längst resigniert zu Bett gegangen war.

Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk schreibt für die SZ auf, wie alles angefangen hat.

(Foto: Foto: dpa)

Nachdem meine Mutter mit mir zu Abend gegessen hatte (mein Vater rief an, er habe noch zu tun, wir sollten schon mal alleine essen), breitete sie eine cremefarbene Decke auf den Tisch und begann Patiencen zu legen. Sie benutzte dazu zwei Päckchen zu je zweiundfünfzig Spielkarten, die sie der Reihe nach aufdeckte und je nach Farbe und Wert in einer bestimmten Weise auslegte.

Es ging ihr dabei - im eigentlichen Wortsinne von ,,Patience'' - mehr um eine Geduldsübung als darum, aus den Karten irgendwelche Hinweise auf ihre Zukunft herauszulesen.

Böse Streitereien

Deswegen hatte sie, wenn ich ins Zimmer kam und fragte, ob sie schon etwas gesehen habe, immer ihre Standardantwort parat: ,,Junge, ich mache das nur zum Zeitvertreib und nicht als Wahrsagerei. Wie spät ist es denn? Eine lege ich noch, dann gehe ich ins Bett.''

Im Hintergrund lief (Staatsfernsehen, ein einziges Programm, schwarzweiß) irgendein alter Film oder eine Diskussion darüber, wie anders und schöner doch früher der Ramadan gewesen sei, doch meine Mutter sah kaum hin und sagte: ,,Kannst ruhig ausschalten, wenn du willst.''

Ich setzte mich stattdessen davor und starrte auf die im Film gezeigten schwarzweißen Straßen meiner Kindheit oder auf ein Fußballspiel, doch interessierte auch mich das wenig. Ich wollte nur wieder mal aus meinem Zimmer heraus, in dem ich voller Zweifel und Groll immer vor mich hinbrütete, und ich wollte auch mit meiner Mutter reden, wie wir das nun oft abends taten.

Manchmal arteten unsere Gespräche in böse Streitereien aus. Dann schloß ich mich wieder in mein Zimmer ein, bereute, was ich gesagt hatte, und vertiefte mich bis tief in die Nacht hinein in ein Buch. Oder ich ging nach einem Krach hinaus ins kalte Istanbul, lief rauchend so lange ziellos durch dunkle Gassen in Beyoglu, bis ich völlig durchgefroren war und die Stadt und meine Mutter schon schliefen.

Ich nahm damals eine Gewohnheit an, die ich dann zwanzig Jahre lang beibehielt, nämlich um vier Uhr morgens schlafen zu gehen und erst um zwölf Uhr mittags langsam wieder aus dem Bett zu kriechen.

In den Gesprächen und Diskussionen mit meiner Mutter ging es damals direkt oder indirekt immer um ein und dasselbe Thema: Im Winter 1972, mitten im zweiten Studienjahr, ging ich plötzlich so gut wie nicht mehr in den Unterricht. Die Ausnahme bildeten lediglich ein paar Kurse, die ich noch besuchte, um nicht exmatrikuliert zu werden.