Niklaus Meienberg (XXVIII) Störrische Saftwurzel

Charmeur und Störenfried - Der Schweizer Niklaus Meienberg fürchtete nur den öffentlichen Konsens.

Von CHRISTIANE KÖGEL

(SZ v. 16.06.2003) Da ist einer jung, und kann zuhören. Kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann formulieren, das heißt denken. Er hat Mut und hängt nicht am Geld. Er geht unter die Journalisten. In der Redaktion macht man ihn mit dem Hausgeist vertraut. Bläut ihm das Alphabet der Zeitungssprache ein.

Dennoch eckt er an mit seinen Texten, beim Lokalpolitiker und beim Polizeipräsidenten, und damit auch beim Chefredakteur, denn beide sind dessen Kegelbrüder.

Der Chefredakteur ordnet an, den jungen Mann als Reporter einzusetzen, da kann er beobachten und muss nicht immer gleich Stellung beziehen.

Man schickt ihn zu Festakten und Einweihungen. Nach einigem Vegetieren bittet er um Versetzung ins Feuilleton. Da darf er dann schreiben, was er will. Aber es dämmert ihm bald, dass das am Gegenstand liegt: Künstler sind keine pressure group.

Nach ein paar Jahren also sitzt der Journalist an seinem Pültchen: gestriegelt und geputzt, heruntergeputzt, brauchbar, gereift, ein angesehenes Mitglied der Redaktion. Er sieht ein, dass Journalismus eine Möglichkeit ist, sein Geld zu verdienen. So wie Erdnüsschenverkaufen oder Maronirösten.

Niklaus Meienberg, Schweizer Journalist und Schriftsteller, geboren 1940 in St. Gallen und freiwillig aus dem Leben geschieden 1993 in Zürich, hat diese - hier nur nacherzählte - Polemik über die Sozialisation eines Zeitungsredakteurs geschrieben.

Meienberg fing auch mal so an: Anfang der 60er Jahre, nach einem Geschichtsstudium, ging er - jung, mutig und nicht am Geld hängend - unter die Journalisten. Er konnte zuhören, das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, konnte formulieren, also denken.

So weit die Gemeinsamkeiten. Alles andere in Meienbergs Text "Wer will unter die Journalisten?" hat nichts Autobiographisches. Meienberg selbst saß nie hinter dem Pult einer Redaktionsstube, ließ sich mit keinem Hausgeist vertraut machen. 1967 bis 1970 schrieb er als Paris-Korrespondent für die Züricher Wochenzeitung Weltwoche, anschließend wurde er freier Mitarbeiter des ebenfalls in Zürich erscheinenden Tagesanzeiger und dessen Magazin.

1982 schließlich machte die Hamburger Wochenzeitschrift Stern Meienberg zu ihrem Pariser Berichterstatter, eine Arbeitsbeziehung, die bereits nach neun Monaten wieder beendet war.

Über seine Zeit auf dem "fremden Stern" schrieb Meienberg später: "Rebellion, also demokratische Debatte, war der Redaktion von ihren Chefs mit dem eisernen Besen der Chefarroganz abgewöhnt worden". Der Stern sei organisiert wie eine Kaserne, spottete er, eine "luxuriöse allerdings, mit prima Psycho-Folter".

Meienberg hat sich jedoch mit seinem Spott nicht, wie man vielleicht denken würde, zurückgehalten, bis er mit dem Stern brach. Legendär, sagen solche, die dabei waren, sei sein Auftritt in der Redaktionskonferenz gewesen, als er dem Chefredakteur vor versammelter Mannschaft vorhielt, völlig unvorbereitet, aber in einem eigens gecharterten Learjet zu einem Interview mit dem spanischen Ministerpräsidenten gereist zu sein.

Kollegen, Freunde, schließlich auch seine Totenredner haben Niklaus Meienberg als mächtige, zerklüftete Persönlichkeit beschrieben. Als einen Mann von gewaltigen Ausmaßen, mit großem Eierkopf, störrischem Haar und ausgefranstem Bart. Als einen leidenschaftlichen Motorradfahrer und Charmeur. Als einen Kämpfer, Wüterich, Moralisten, nicht nur unbequem, sondern geradezu aggressiv - wütend gegen Macht, die er als missbräuchlich empfand, gegen Feigheit, wo er sie zu entdecken glaubte, wütend gegen eine ihm unerträgliche Schönfärberei von Vergangenheit und Gegenwart.

Er sei das Schweizer "enfant terrible der Anklage und Beschimpfung" gewesen, hieß es 1993 in einem Nachruf, ein Rächer dort, wo ihm jemand vergessen, verjagt oder ausgegrenzt vorkam.

Neben seinen Frankreich-Reportagen waren die Zustände der Schweiz Meienbergs großes Thema, beispielsweise die Erschießung angeblicher Vaterlandsverräter im Zweiten Weltkrieg und die Haltung seines Heimatlands gegenüber Hitler-Deutschland. "Die beste Zigarette seines Lebens" - die Geschichte des jungen, als Spion hingerichteten Schweizers Johann Schläpfer, die Meienberg akribisch genau recherchierte und rekonstruierte - ist ein gutes Beispiel für seinen Journalismus: Gründend auf harten Fakten und intensiver Recherche, aber gleichzeitig kilometerweit davon entfernt, das Produkt eines nur beobachtenden Reporters zu sein. Meienberg schrieb ironisch, mit kalter Wut. "Das Kassationsgericht lehnte die Beschwerde (Anm.: den Revisionsantrag des Angeklagten Schläpfer) in vollem Umfang ab. Jetzt musste Schläpfer in vollem Umfang den Tod erwarten".

Meienberg veröffentlichte 14 Bücher, in erster Linie Reportagensammlungen und Gedichte. Sieben Jahre nach seinem Tod hat seine Biographin Marianne Fehr für den Züricher Limmat-Verlag noch einmal Reportagen in einer zweibändigen Ausgabe zusammengestellt.

Die Texte sind teilweise viele Jahre alt (die ältesten mehr als ein Vierteljahrhundert), und haben doch nichts verloren. Literarische Produkte müssen, wenn sie gut sind, auch über die Zeit und Stimmung hinaus bestehen, in der sie verfasst wurden. Aber journalistische?

Bei Niklaus Meienberg, schrieb sein Freund Christoph Kuhn, mache die Unterscheidung zwischen Journalismus und Literatur keinen Sinn. Meienberg habe sich als Journalist verstanden, sich aber gleichzeitig - gerade bei journalistischen Auftragsarbeiten - seine eigenen Gesetze geschaffen, die wenig bis nichts mit denen des Auftraggebers zu tun hatten.

Für diese seine Freiheit nahm Meienberg sogar Ächtung in Kauf: 15 Jahre lang, von 1976 bis 1991, durfte er für den Züricher Tagesanzeiger nicht mehr schreiben. Die Geschäftsleitung begründete die Sperre so: Den von Cortison aufgeschwemmten, todkranken französischen Präsidenten Pompidou als Beispiel für die Verfressenheit der Bourgeoisie zu bezeichnen, verstoße gegen die publizistische Grundhaltung des Blattes. Proteste von Kollegen, ja sogar einiger Politiker, man dürfe die "journalistische Saftwurzel" Meienberg nicht ausjäten, halfen nicht.

Die Themen der Neunziger haben Niklaus Meienberg nicht mehr so sehr gelegen. Er fand keine Position zur Globalisierung oder den Gefahren des Ozons. Das muss ihn getroffen haben, denn gerne wäre er der große Störenfried geblieben, gleichzeitig geliebt und gehasst von seinen Landsleuten. Er sei ein Hetzbruder, und solle das Schweizerbillet, also seine Staatsbürgerschaft, doch endlich abgeben, schrieb ihm einmal ein erboster Leser. Ein anderer schickte ihm ein Glas voll Kot, falls Meienberg neuen Rohstoff für seine Texte brauche.

Dass er so provozieren konnte, gefiel ihm sehr; und es stürzte ihn in die Krise, in den letzten Jahren seines Lebens feststellen zu müssen, dass er längst in den öffentlichen Konsens aufgenommen war, gegen den er immer rebelliert hatte: "Man ist als Schreibender nichts wert, höchstens ein Unterhaltungswert", schrieb er ein paar Wochen vor seinem Tod.

Die Furcht davor, vereinnahmt zu werden, und keine Kraft mehr zu haben, um sich dagegen zu wehren, wird schon Jahrzehnte vorher, im Ende von Meienbergs Geschichte des resignierten Journalisten spürbar. Der nahm sich einen Strick und hängte sich auf, "in einem letzten Aufwallen beruflichen Stolzes".

Im Lokalteil der Zeitung erschien ein Nachruf: "... werden wir den allseits geschätzten, pflichtbewussttreuen Mitarbeiter nicht so schnell vergessen."

Der Pfarrer hielt eine Abdankung, der gemischte Chor sang.

Und Meienberg schloss: "Der Verschiedene wurde versenkt und verfaulte sofort."