New-Age-Guru Castañeda Schlafen mit Carlos

In den Siebzigern rochen seine Bücher nach Räucherstäbchen, Patschuli und Gras: Wie aus dem Peyote-Ethnologen Carlos Castañeda ein Sektenführer wurde.

Von Petra Steinberger

Es waren die Siebziger und die Welt roch nach Räucherstäbchen, Patschuli und Gras. Aber eigentlich gab es die eine Welt gar nicht, sondern viele Welten und noch mehr Bewusstseinsebenen, die man vor allem in Kalifornien zu finden schien, das weit weg war; ersatzhalber kaufte man sich Bücher, die Titel trugen wie "Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens" oder "Die Reise nach Ixtlan". Darin ging es um übersinnliche Mächte und Kriegertum, um Geisterwesen namens Mescalito und Peyote, das es hier zwar so wenig gab wie echte Wüste, was aber nicht schlimm war. Auf die Weisheiten des alten Yaqui-Schamanen Don Juan kam es an.

War ja alles tatsächlich passiert. Dachte man. Und zwar einem nicht mehr ganz jungen Anthropologiestudenten aus Peru namens Carlos Castañeda. Interessant. Entrückt. Man las und überlebte und lachte irgendwann darüber. Erst Jahrzehnte später, nachdem aus dem Anthropologiestudenten der Anführer einer zurückgezogenen Gruppe von Jüngern und Jüngerinnen geworden war, von denen einige seinen Tod nur um Tage oder Wochen überlebten - Jahrzehnte später also kommt heraus, dass sich in dem netten Schriftsteller ein düsterer, machtbewusster Charismatiker verborgen hatte. Ein Mann, der seine Geschichten wohl selbst geglaubt hat am Ende seines Lebens, als er sich gegen die Schmerzen des Leberkrebses mit Morphium und Kriegsfilmen betäubte. Der, wie das Internet-Magazin Salon nun schreibt, einige seiner ihm ergebenen Geliebten vielleicht dazu brachte, ihm in den Tod zu folgen.

Damals, in den sechziger und siebziger Jahren, hatte Castañeda seine Erfahrungen mit dem weisen Don Juan noch in Buchform den Weisheitssuchern weitergegeben - sowie der UCLA, der University of California in Los Angeles, von der er schließlich für "Ixtlan" seinen Doktor erhielt. Reich waren er und sein Verlag nebenher geworden, weil sich die Bücher millionenfach verkauften und bis heute von der University of California Press aufgelegt werden. Als Non-Fiction wohlgemerkt, als Sach- oder Wissenschaftsbücher mithin. Und das war das Problem.

Das Skelett im Death Valley

Denn während viele noch den Traum des Don Juan träumten, war Castañedas Anthropologie längst als Humbug aufgeflogen. Vor allem Richard de Mille, Sohn des großen Filmregisseurs, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dessen "Studien" zu demontieren. Die Yaqui-Indianer, fand er heraus, benutzen Peyote gar nicht. Und Don Juans weise Sprüche hatten merkwürdige Ähnlichkeit mit Zitaten von Wittgenstein, C. S. Lewis und indischen Jogis. "Carlos' Abenteuer", schloss de Mille, "haben ihren Ursprung nicht in der Sonora-Wüste, sondern in der Bücherei der UCLA."

Als er 1973 entzaubert wurde, verstieß Castañeda seine erste Frau und seinen Adoptivsohn, verschwand aus den Medien und machte in Los Angeles eine Art Privatkult auf. Der bestand im Kern aus ihm völlig ergebenen jungen Frauen, die allesamt zur einen oder anderen Zeit Castañedas Geliebte, Ehefrauen oder beides waren. Hexen wurden sie genannt. Ihre Namen ließ er ändern, von ihren Familien mussten sie sich lossagen. Sie lebten mit Castañeda, leiteten Seminare, in denen selbsterfundene Bewegungsrituale namens Tensegrity gelehrt wurden. Sie produzierten Videos, die der Autor und Regisseur Bruce Wagner für Castañeda inszenierte.

Eine der Frauen war Amy Wallace, Tochter des Romanautors Irving Wallace. "Das Schlimmste", schreibt sie in ihren Erinnerungen, "ist, wenn man geliebt und geliebt wird und dann misshandelt und misshandelt, und wenn es keine Regeln gibt oder wenn sie dauernd verändert werden, wenn man nichts richtig macht und dann dafür geküsst wird." Eine reale Bewusstseinsveränderung, die verrückt macht, und "auf die sich Carlos spezialisiert hatte. Er war nicht dumm."

Als der Meister 1998 starb, verschwanden innerhalb weniger Tage fünf der Frauen. 2006 wurde ein Skelett aus dem Death Valley durch DNS-Analyse als Patricia Partin identifiziert, seine Adoptivtochter und Geliebte. Von den anderen weiß man bis heute nichts. Man vermutet Selbstmord.