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Neues Album von U2:Die rollenden Steine aus Irland

Alter ist kein Thema - nur Altern. Bono und U2 sehen sich als die Rolling Stones der Zukunft. Eine Begegnung.

Bono ist entspannt, und vielleicht ist das schon die Nachricht. Seine Laune ist bestens, seine Brille ist orange, er lehnt sich zurück und wartet auf die erste Frage wie ein Gourmet auf einen guten Wein.

"Freude, Ekstase, ein wenig Wut, ein wenig Melancholie" - das neue U2-Album "No Line on the Horizon" hat ein bisschen was von allem.

(Foto: Foto: Reuters)

Also, Gratulation (das sagt man auf jeden Fall bei so einem Interview, egal was!), das neue Album von U2 ist ja tatsächlich ...

Bono schnellt nach vorne. "Überraschend, oder? Unsere erste Single zum Beispiel, "Get On Your Boots", das ist einfach ein toller, schneller Popsong, 150 Beats per Minute, drei Minuten lang, kein großes Statement, nur ein Polaroid, ein kleiner Schnappschuss meiner Familie - wir waren damals in Frankreich in den Ferien und nachts flogen die Kampfjets und die Bomber über uns hinweg, wir lagen draußen in der Sommernacht und hörten das Donnern und hatten diese Vorahnung. Das war der Beginn des Irakkrieges. Seltsam. Aber der Song ist einfach sexy, durchtrieben, verführerisch - all das, was U2 eigentlich nicht sein darf."

... das neue Album "No Line On The Horizon" ist ja tatsächlich wie ein Echo der alten, vielleicht sogar der uralten U2-Platten, man muss bis zum legendären "Joshua Tree" von 1987 zurückgehen, um diese Energie zu finden, mit der Sie hier ... - das wäre in etwa die Frage gewesen. Aber Bono weist den Weg: Mitten hinein in die Widersprüche von U2.

Also, ganz ohne Statement zur Weltpolitik kriegen sie sexy nicht hin? Tja nun. Auf jeden Fall kann man schon mal festhalten: Wer den Weltuntergang oder die Weltrettung erwartet oder Wale oder Waisenkinder, der wird stattdessen ein paar Herren begegnen, die auch schon auf die fünfzig zugehen und ihre Sonnenbrillen und Mützen und Ohrringe nicht zum Spaß tragen und sich mit ihrer Musik aus der Zone der Midlife-Krise gespielt haben. Die meisten Songs sind privatistisch in der Sache und euphorisch im Ton. "Freude, Ekstase, ein wenig Wut, ein wenig Melancholie", das sind die Worte, die Bono benutzt. War das Kalkül? War es eine bewusste Entscheidung, so unpolitisch zu sein in diesen überpolitisierten Krisenzeiten?

"Ja", sagt Bono schnell und freut sich, dass er auch noch den Namen John Maynard Keynes im Gespräch unterbringt. "Das antizyklische Denken hat mir geholfen, als ich die Songs geschrieben habe. Ein kleiner Trick. Es ist so leicht, die Leute in ihren Erwartungen zu verunsichern."

Bono weiß natürlich, dass er nerven kann. "Es ist so einfach", sagt er, "reicher Popstar, verhungernder Afrikaner- fuck off! Aber wie kriegt man denn den verhungernden Afrikaner sonst auf die Titelseiten der Welt? Ich versuche zwar, mein Leben als Aktivist und als Musiker zu trennen - aber im Grunde mache ich doch nur, was mir beigebracht wurde, in der großen Schule des Rock'n'Roll: Diese Musik ist wie ein Lichtstrahl, ist Energie, die sich vorwärts bewegt, ist das, was dich in deinem Bewusstsein auf eine höhere Stufe bringt."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Bono Feinde braucht.

Bilder von der Echo-Verleihung

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