Netz-Depeschen Wer schreibt, schafft an

Trotz aller Bedenken ist die Kritik an Wikipedia bislang großflächig abgeperlt. Doch in Deutschland begegnet man dem Online-Lexikon seit jeher mit ein bisschen mehr Ambivalenz.

Von Michael Moorstedt

Wer sein Wissen im Internet bei Wikipedia zu bereichern sucht, kann sich ja selten sicher sein. Über die Intention der Autoren ebenso wenig wie über die sachliche Richtigkeit der Informationen. Schüler, Studenten, Journalisten und alle anderen sehen eher großzügig über diese Bedenken hinweg. Zwar kann man mit einem Klick auf den History-Button erfahren, was in einem Eintrag von wem geändert wurde. Doch wenn man ehrlich ist, wird diese Option nur sehr selten genutzt.

"Diese Seiten sind kein Utopia, und Wikipedia-Autoren sind keine Engel": Ein neues Buch erklärt Wikipedia für unparadiesich, aber eigentlich ganz nett. Bei einer Diskussion in Deutschland sollte kürzlich ein kritischer Blick auf das Lexikon geworfen werden.

(Foto: ddp)

Noch immer gilt Wikipedia als das größte Erfolgsprojekt des permanent unter dem Verdacht der Geschwätzigkeit stehenden Web 2.0. Ein Projekt, an dem Kritik, und sei sie noch so berechtigt, bislang großflächig abperlte. Joseph Reagle etwa, Mitarbeiter am Berkman Center for Internet and Society der Harvard Universität, steht dem kollaborativen Kosmos wohlwollend gegenüber. "Good Faith Collaboration" heißt dann auch sein Buch, das er Mitte September veröffentlichte.

"Diese Seiten sind kein Utopia, und Wikipedia-Autoren sind keine Engel", schreibt Lawrence Lessig, anerkannter Vordenker in Sachen geistiges Eigentum, zwar im Vorwort. Doch Reagle betrachtet die seltsame Gemeinschaft von Administratoren und Autoren mit dem Blick eines Ethnologen. Wie funktionieren Führungsansprüche und Autorität in einem Kontext, der sich absoluter Offenheit verschrieben hat? Wie wird Übereinstimmung produziert? Wie mit Dissens umgegangen? Das etwas verkürzte Fazit: Eigentlich alles ganz nett hier.

Im deutschen Diskursraum begegnet man dem Online-Lexikon seit jeher mit ein bisschen mehr Ambivalenz. Am Wochenende tagte an der Universität Leipzig nun eine Konferenz mit dem Titel "Wikipedia - ein kritischer Standpunkt". Dort sollte sich die Debatte vor allem auch, und immer noch, um die Anwendbarkeit von Wikipedia als Quelle und zugleich Objekt wissenschaftlicher Forschung drehen.

Doch natürlich herrschen in der Datenbank auch andere Probleme - Sektierertum und Glaubenskriege, giftige Debatten um die Relevanz der eingestellten Artikel sowie die damit einhergehende Abwanderung von Autoren. "Manche Autoren schaffen es, sich durch ihre Edits, eine Reputation zu erarbeiten, auch wenn ihr Umgang mit anderen Autoren dabei auf Kritik stößt. Hier reiben sich dann zwei Ebenen von Wikipedia: die Ebene des Lexikons und seiner Inhalte und die soziale Ebene der Autoren", sagt Christian Pentzold, einer der Referenten in einem Interview mit Telepolis.

Kantiger formulierte es der Mitdiskutant und Historiker Peter Haber: "Wer viel Zeit hat, hat bei Wikipedia das Sagen."