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Netz-Depeschen:Bin ich ein Star?

Aus dem, was der Bruder eines Vergewaltigungsopfers ins Mikro einer Reporterin schrie, machten Comedians einen Song bei YouTube: Der Junge weiß, mit seinem Ruhm umzugehen.

N. Hofmann

Die Reporterin Elizabeth Gentle des lokalen Fernsehsenders WAFF48 interviewte am 28. Juli die Zeugen einer versuchten Vergewaltigung in dem überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel Lincoln Park in Huntsville, Alabama. Ein Unbekannter war in eine Wohnung eingedrungen und in das Bett einer schlafenden Frau gestiegen. Gemeinsam mit ihrem Bruder war es dieser gelungen, den Eindringling zu verscheuchen, und so befragte die Reporterin Gentle nicht nur das Opfer, sondern auch den Bruder, Antoine Dodson. Der emotional aufgewühlte junge Mann schrie der Kamera seine Wut entgegen, drohte dem Täter und richtete eine Warnung an die Menschen seiner Nachbarschaft: "Versteckt eure Kinder, versteckt eure Frauen, versteckt eure Männer, denn sie werden hier alle vergewaltigen!"

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Auch diese Frau ist einmal mit einem Lied im Internet berühmt geworden. Trotzdem liegt der Fall bei der Interpretin von Stefan Raabs Lied über den "Maschendrahtzaun" anders: Antoine Dodson und seine Familie sind keineswegs nur Opfer eines schlechten Scherzes.

(Foto: AP)

Die Mischung aus Dodsons exaltiertem Ton, authentischem Gefühl und zahlreichen Klischees in Sprache und äußerer Erscheinung, wie sie in den USA gemeinhin mit Afroamerikanern, Südstaatlern und Schwulen verbunden werden, machten ihn zu offenbar idealem Rohmaterial für die Art von Instantruhm, die im Internet "Mem" genannt wird. Zunächst nahmen sich die aus New York stammenden Musik-Komiker The Gregory Brothers Antoine Dodsons Ausbruch für ihren auf YouTube betriebenen Comedy-Kanal "Auto-tune the News" an, für den sie O-Ton-Schnipsel aus Fernsehnachrichten zu kleinen satirischen Songs verarbeiten. Sie unterlegten den ohnehin schon sehr melodischen Redefluss mit Musik und ein Lied namens "Bed Intruder Song" war geboren.

Das dazugehörige YouTube-Video ist inzwischen über zwölf Millionen Mal angesehen worden, Cover-Versionen von Blaskapellen oder japanischen Shamisen-Spielern, sind im Umlauf. Bei iTunes wurde der Song ein großer Verkaufserfolg und stieg nun in der vergangenen Woche sogar in die Top 100 der Billboard-Charts ein. Für ein Internet-Mem ein bemerkenswerter Siegeszug.

Nicht allen aber ist wohl dabei, wie hier aus einer versuchten Vergewaltigung ein Pop-Phänomen gemacht wird. Die Gregory Brothers und mit ihr viele Verteidiger des Songs behaupten zwar, dass mittels Komik größtmögliche Aufmerksamkeit auf den ernsten Anlass gelenkt werde. Aber nicht nur das schwarze Online-Magazin The Root hält es für fraglich, ob man so einer Auseinandersetzung mit dem Problem sexueller Gewalt in den afroamerikanischen Ghettos gerecht werden könne: "Das eigentliche Opfer ist doch aus der Diskussion völlig ausgeblendet worden", klagt die Autorin Kellee Terrell, und muss doch eingestehen, wie sehr sie selbst über den Bed Intruder gelacht habe.

Doch wer Antoine Dodson und seine Familie nur als Opfer eines schlechten Scherzes sehen wollte, würde den erheblichen Unterschied etwa zum Schicksal jener sächsischen Hausfrau verkennen, die durch ihre dialektal gefärbte Aussage in einer TV-Gerichtsshow vor gut zehn Jahren zur unfreiwilligen Interpretin von Stefan Raabs Lied über den "Maschendrahtzaun" wurde und an den Rande des Nervenzusammenbruchs geriet. Andy Carvin, der auf der Seite des National Public Radio bloggt, weist darauf hin, wie Twitter und Facebook Personen, die unvermittelt Gegenstand eines derartigen Hypes werden, ganz andere Mittel in die Hand gegeben haben, ihr öffentliches Bild selbst zu formen.

Und so musste auch Jonathan Capehart, Kolumnist der Washington Post, der sich durch die Figur Dodsons anfangs ungut an die Stereotypen einer Eddie-Murphy-Komödie erinnert fühlte, zuletzt bewundernd den Hut ziehen, wie geschickt Dodson mit seinen unverhofften 15-Minuten-Ruhm umgeht und selbst seine Homosexualität mit einer Offenheit behandelt, die in den Südstaaten wie in der schwarzen Community keine Selbstverständlichkeit ist.

Der zweite Unterschied liegt darin, dass neben den Gregory Brothers auch Antoine Dodson nicht nur symbolisch, sondern mit 50 Prozent an allen Einkünften beteiligt ist, die mit dem Song erzielt werden. Und das war bislang offenbar schon genug, um ihm zu ermöglichen, seiner Familie ein Haus zu kaufen. Außerhalb des Ghettos Lincoln Park.

© SZ vom 23.08.2010/kar

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