Mussolini-Renaissance in Italien "Fascho"-Wein und "Duce"-Püppchen

Diese Verharmlosungen besaßen System. Während eines Pressegesprächs gab der "Cavaliere" im Dezember 2005 erneut zu Protokoll, dass der Faschismus nie "kriminell" gewesen sei: "Es gab die fürchterlichen Rassengesetze, weil man den Krieg zusammen mit Hitler gewinnen wollte. Der Faschismus in Italien besitzt einigen Makel, aber nichts dem Nazismus oder Kommunismus Vergleichbares."

Von einem Journalisten auf Paolo Di Canio, den Kapitän von Lazio Rom angesprochen, der die rechtsextremen Anhänger seines Vereins in einem Spiel gegen Juventus Turin zum dritten Mal innerhalb eines Jahres mit dem "römischen Gruß" entzückt hatte, stritt Berlusconi ab, dass dieser Geste eine Bedeutung zukomme.

Er lobte den Stürmer vielmehr als "guten Kerl". Diese Äußerungen waren umso unverständlicher, als es sich bei Di Canio um einen notorischen Mussolini-Verehrer handelt, der als Tätowierung das Wort "Dux" auf seinem rechten Unterarm trägt.

Sympathie für Politik der starken Hand

In jedem anderen westeuropäischen Land hätten Silvio Berlusconi diese Einschätzungen Amt und Würden gekostet. Dass er sich in Italien an der Macht halten konnte, erklärt sich unter anderem damit, dass sich in einem gar nicht so kleinen Teil der Öffentlichkeit ein allzu nachsichtiges "Duce"-Bild abgelagert hat, das sich als immun gegen die von der Forschung erarbeiteten Erkenntnisse zeigt.

Mussolini ist unter anderem deshalb populär, weil er Italien angeblich Respekt in der Welt verschafft habe. Jedenfalls kann man an vielen italienischen Kiosken bis heute Mussolini-Kalender und an einigen Adriastränden auch Postkarten und Kochschürzen mit "Duce"-Porträts erstehen. Selbst Spitzenpolitiker und Intellektuelle meinen hin und wieder, an die angeblichen Verdienste des faschistischen Diktators erinnern zu müssen.

So gab der frühere Staatspräsident Francesco Cossiga in einem Interview zu bedenken, dass das geeinte Italien seit 1861 nur vier wirkliche Staatsmänner hervorgebracht habe: den Staatsgründer Camillo Cavour, den liberalen Reformer Giovanni Giolitti in der Epoche des Ersten Weltkrieges, den DC-Politiker Alcide De Gasperi, der Italien nach dem Zweiten Weltkrieg als demokratische Republik wiederbegründete, und abgesehen vom Zerstörerischen in seinem Charakter und seinem Größenwahn, auch Benito Mussolini, weil dieser das Land in seiner Regierungszeit modernisiert habe.

Die einschlägige Badeanstalt

In der revisionistischen Geschichtspolitik der "Casa delle Libertà" war die Behauptung zentral, dass nicht der Nationalsozialismus und schon gar nicht der italienische Faschismus, sondern der Kommunismus das "unmenschlichste Unternehmen der Geschichte" gewesen sei.

Als Antikommunist ohne Komplexe, wie er sich selbst gerne zu bezeichnen pflegt, hielt es Silvio Berlusconi für eine "moralische Pflicht" zunächst und vor allem die Erinnerung an die Verbrechen der kommunistischen Regime wachzuhalten.

Am 27. Januar 2006, dem Gedenktag für die Opfer der Schoah, bezeichnete er den Massenmord am europäischen Judentum zwar als "Wahnsinn". Doch neben dem Nazismus habe es auch einen kommunistischen Totalitarismus gegeben, der weit mehr Opfer zu verantworten habe als Hitler-Deutschland.

Eine moderne demokratische Nation könne sich lediglich dann wirklich antitotalitär nennen, wenn sie sich zur selben Zeit antifaschistischen und antikommunistischen Werten verpflichtet wisse, wurde Berlusconis Revisionismus in einer Internetzeitung von Forza Italia publikumswirksam umschrieben.

Wie ernst es dem Premier mit seinem antitotalitären Bekenntnis war, zeigte sich während des Wahlkampfes 2006. Um ein paar zusätzlicher Stimmen wegen schloss der Führer der "Casa delle Libertà" Bündnisse mit Parteien am neofaschistischen Rand des politischen Spektrums: mit der Alternativa Sociale von Alessandra Mussolini ("Besser Faschistin als schwul!") und der Fiamma tricolore von Luca Romagnoli. Seit seinem Einstieg in die Politik legte Silvio Berlusconi, der mit Forza Italia das Erbe der Democrazia Cristiana antreten wollte, keine Berührungsängste gegenüber der extremen Rechten an den Tag.

Undenkbar wäre im heutigen Deutschland, dass sich der Obersalzberg ähnlich wie Predappio, Mussolinis in der Romagna gelegene Geburtsstadt, zu einem Wallfahrtsort der extremen Rechten Europas entwickeln könnte. Nicht mehr möglich ist es in der Bundesrepublik Deutschland, dass Städte ehemalige NS-Politiker ehren, wie dies in dem von der "Casa delle Libertà" regierten Italien möglich war.

Im 3. Teil: "Glauben, gehorchen, kämpfen" - alte "Werte" sollen wieder zeitgemäß werden...