Mehrfach in Gefahr Die Überlebende auf dem Altar der Sünde

Im Krieg bombardiert, von der Militärbehörde übertüncht, durch einen Versicherer vom Abriss bedroht. Die Rettung kam dank der Jugendstil-Sammler Amélie und Hans-Joachim Ziersch

Von Evelyn Vogel

Es hätte nicht viel gefehlt und ein Typ namens Oscar wäre in die Villa Stuck einzogen. Womöglich hätte er dann im Empfangssalon die Gäste begrüßt, im Speisesaal das Treiben beobachtet oder im Alten Atelier vom "Altar der Sünde" herab geblickt. Doch so weit kam es nicht. Emil Jannings hatte gerade als erster Schauspieler den Oscar gewonnen, als er 1929 beschloss, nach Deutschland zurückzukehren. Und just in jenem Augenblick stand die Villa Stuck, ein Jahr nach dem Tod ihres Erbauers, zur Versteigerung. Der Erbstreit zwischen der Ehefrau und der Tochter des Künstlers hatte hohe Wellen geschlagen und darüber hatte sogar die Chicago Tribune im fernen Amerika berichtet. So hatte Jannings davon erfahren. Am Ende nahm er Abstand vom Kauf, und die Villa blieb in der Familie, weil Stucks Tochter Mary und ihr Mann Albert Heilmann sie für 351 000 Mark ersteigerten.

Immer wieder gab es Überlegungen, sogar einige Anläufe, die Villa für das Publikum zu öffnen oder zu einem Museum zu machen (siehe Chronik). Doch nichts davon war von Dauer. Hatten die Bomben des Zweiten Weltkriegs und die Witterung dem Gebäude schon arg zugesetzt, so gingen die nachfolgenden Benutzer auch nicht gerade pfleglich damit um. Die amerikanische Militärbehörde beschlagnahmte die Villa 1945 und übertünchte kurzerhand die Wände der unteren Räume, weil sie so düster waren. Und nach ihrem Abzug fehlte allerlei Inventar. Für die nachfolgenden Musikstudenten wurden allenthalben Kanonenöfen aufgestellt, die den Studierenden zwar die Finger wärmten, aber auf den von Stuck entworfenen Seidentapeten und Jugendstilornamenten jede Menge Ruß hinterließen.

Die schlimmste Bedrohung ging aber von einem Berliner Versicherungskonzern aus, der 1963 plante, aus der historischen Villa Vorstandsbüros zu machen, das Neue Atelier abzureißen und durch einen gesichtslosen Neubau zu ersetzen. Die Pläne wurden zum Glück nie verwirklicht. Als Hans-Joachim und Amélie Ziersch 1965 das gesamte Anwesen für 1,1, Millionen Mark kauften, war die Villa in einem kläglichen Zustand - und die Zierschs ihre Retter. Unterstützt von Stadt und Freistaat renovierte der jugendstilbegeisterte Inhaber von "Form im Raum", eines avantgardistischen Einrichtungsgeschäfts in der Maximilianstraße, das Anwesen, baute es im Innern um und vermietete es an private Galerien und ein Restaurant. Das Restaurant muss beträchtlich zur Lebendigkeit des Anwesens beigetragen haben. Franz Josef Strauss war hier ebenso gern zu Gast wie Mike Jagger und Uschi Obermaier.

Es war aber auch die Zeit, in der die Villa Stuck durch die vielen Galerien, die sich eingemietet hatten, zu einer Hochburg der zeitgenössischen Kunst in München avancierte. Schon 1945 hatte Günther Franke seine Galerie im Erdgeschoss des Neuen Ateliers eingerichtet. Mit ihm waren Künstler vor allem der Klassischen Moderne wie Beckmann, Nay, Marc, Schlemmer und Nolde eingezogen. Der Bretterverschlag, der Franke im acht Meter hohen, ehemaligen Bildhaueratelier als Büro diente, ist bis heute legendär. In den Sechzigerjahren zogen weitere bedeutsame Galeristen und Auktionshäuser ein. Wolfgang Ketterer kam aus Stuttgart und hatte hier nicht nur eine Galerie für Moderne Kunst und einen Verlag mit Druckerei und Setzerei, sondern fing hier 1968 mit Kunstauktionen an. Es kam Otto van de Loo mit zeitgenössischen Gruppen wie Wir, Spur und Geflecht, Künstlern wie Wols, Saura und Tàpies. Und Emilio Bertonati, der Galerien in Mailand und Rom betrieb, richtete seine Galleria del Levante hier ein. Christoph Dürr hatte hier seine Galerie und weitere folgten.

1967 übereignen Hans-Joachim und Amélie Ziersch die Villa Stuck und das dazugehörige Grundstück dem Stuck-Jugendstil-Verein. Im selben Jahr eröffnete Gunter Sachs in der Villa Stuck sein "Modern Art Museum (MAM)" mit einer Ausstellung internationaler, zeitgenössischer Kunst aus seiner Sammlung und einem Schaum-Happening des französischen Künstlers César. Endgültig schien die Villa Stuck the place to be der Münchner Kunstszene zu sein. Für die nötige Publicity und den Glamour sorgten er und seine Frau Brigitte Bardot ganz von alleine. Sachs träumte von einer "kulturellen Olympiade in der kulturellen Hauptstadt Deutschlands", bis 1972 sollte das MAM ein eigenes Gebäude erhalten. Dazu kam es nie.

Am 9. März 1968, also an diesem Freitag vor 50 Jahren, wurde die Villa Stuck nach zwei Jahren Umbauzeit offiziell als Museum eröffnet. Werke Franz von Stucks und des Jugendstilkünstlers Herrmann Obrist standen im Mittelpunkt. Doch bald schon setzte sich der moderne Geist, der mit den Galerien Einzug gehalten hatte, auch hier fort. Als schließlich 1991 das Ehepaar Ziersch die historische Villa der Stadt München schenkte und mit der Zustiftung für die weitere Finanzierung sorgte, war die Zukunft des Museums gesichert und der Stuck-Jugendstil-Verein löste sich auf. Die Australierin Jo-Anne Birnie Danzker war die erste Direktorin des städtischen Museums und blieb es bis 2006. Seither lenkt Michael Buhrs die Geschicke des Hauses.

Seitdem die Villa Stuck städtisch ist, ist einiges um- und rückgebaut worden. Unter anderem gab es 1998 eine umfassende energetische Sanierung und Modernisierung. Dabei wurden auf der Kellertreppe auch die letzten Spuren der legendären Kunstperformance "Cleaning the House" von Marina Abramović beseitigt. 1996 hatte sie sich säckeweise blutige Abfälle vom Schlachthof beschaffen lassen, um während der Performance am unteren Ende der Kellertreppe sitzend Knochen zu putzen. Der Gestank, so erinnert sich Michael Buhrs, war bestialisch und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Zu den nachdrücklichen Erinnerungen gehört auch, wie Yoko Ono mit den Besuchern ihrer Ausstellung Schach spielte. Wer gewonnen hat, weiß man nicht - alle Figuren waren weiß. Oder wie Karl Lagerfeld unter entsprechendem Medienrummel sein Faust-Buch vorstellte, Christo nicht müde wurde, Autogramme zu geben, und Christoph Schlingensief bei einem hinreißenden Gespräch zum Thema Provokation glänzte.

Und wie sieht die Zukunft der Villa Stuck aus? Das Münchner Wochenblatt titelte 1968 "Geschaffen, um zu feiern". Das tut der Freundeskreis der Villa Stuck gelegentlich noch immer. Aber vor allem lässt man Künstler mitunter krasse Eingriffe vornehmen. Auch deshalb freut sich Buhrs auf die Intervention von Thomas Hirschhorn, der im Herbst zu Gast sein wird. "Es wird radikal sein", so viel verrät er. Mehr aber auch nicht. Darüber hinaus will Buhrs weiterhin zweigleisig fahren: "Das Zeitgenössische vertiefen und die Auseinandersetzung mit den historischen Räumen der Villa Stuck suchen." Wer weiß, ob dereinst nicht ein Künstler auf die Idee kommt, Hollywood in der Villa zu inszenieren. So könnte eines Tages doch noch ein Oscar in die Villa Stuck einziehen.