Megacitys, die Städte der Zukunft (II): Mexiko-Stadt Eine harte, verlockende Droge

In Mexikos Kapitale wird der Tod als Gottheit verehrt. Dazu gibt es Sex, Gewalt, Schmuggel und das billigste Essen der Welt. Ein Schriftsteller auf einem Streifzug durch seine Stadt.

Von Guillermo Fadanelli

Für unser aller Gesundheit wäre es besser, Mexiko-Stadt existierte gar nicht. Oft hat man den Eindruck, dieser steinerne Wust, der sich einem Ausfall Gottes oder einem furchtbaren Missverständnis verdankt, könnte plötzlich in sich zusammenfallen. Doch die erhoffte Implosion bleibt ewig aus.

Und sie bewegt sich doch, die Stadt, hellwach in ihrem steinernen Sarg, und treibt dich zur Verzeiflung.

(Foto: Foto: dpa)

Einer gängigen Hypothese zufolge ist der Zusammenbruch allerdings längst eingetreten - nämlich vor knapp 50 Jahren, als die Bevölkerung wie ein Krebsgeschwür zu wuchern begann und der damalige Präsident López Portillo erklärte, dass wir lernen sollten, reich zu sein und die Ölfelder auszunutzen, die der Zufall in unsere Erde gesenkt hatte.

Reichtum und Verschwendung, Überfluss und Elend sind die Zeichen unseres Landes, und die Hauptstadt ist dessen Bauchnabel, ein schwindelerregendes schwarzes Loch, in das die Gesellschaft hineinstürzt.

Ich erinnere mich, dass meine Eltern mir gegen Ende der sechziger Jahre, noch bevor ich sieben Jahre alt war, erlaubten, ohne Begleitung Erwachsener zur Schule zu gehen. Seinerzeit herrschte in der Stadt noch nicht die bedrückende Atmosphäre unserer Tage, die jederzeit und überall auch dort in wahrhaftige Bedrohung umschlagen kann. Damals gab es weder so viele Waffen wie heute noch jene vier Millionen Autos, die sich inzwischen über die Avenidas quälen.

Unterirdische Hässlichkeit

In den fünfziger Jahren wünschte sich Präsident Miguel Alemán, dass alle Mexikaner einen Cadillac, eine Zigarre und ein Ticket für den Stierkampf besäßen. Damals konnte man sich die Stadt noch als ein gestaltbares Ganzes vorstellen, und selbst in der Literatur gelang noch so etwas wie ein Gesamtporträt. Heute sind nur noch Teil-Annäherungen möglich, mithilfe breiter Pinselstriche, ausgehend von Motiven, die auf besondere Obsessionen oder Phobien zurückgehen.

Die Plätze, Kirchen und Pflaster der ältesten Viertel - San Angel, Coyoacán, Tacubaya oder Tlalpan - bieten noch immer das traditionelle Panorama: Postkarten für die Erfindung einer Phantasiestadt. Aber daneben gibt es Hunderte trostloser Trabantenviertel, in denen man ohne jedes Gedächtnis lebt, ausgegliedert, und ewig im eigenen kleinen Orbit kreist.

Ich habe fünf Jahre lang im Zentrum gelebt, nahe dem ehemaligen Convento de San Jerónimo. Dort sind eine Menge Kolonialbauten erhalten geblieben, außerdem Monumental-Architektur aus der Revolutionszeit, die eine Zukunft ausstatten sollte, auf die wir immer noch warten. Im Zentrum habe ich fast alles gesehen, Sex-Shows, Gewalt, Schmuggel, das billigste Essen der Welt, Drogenhandel, den blanken Schrecken angesichts der Realität.