Medikamente für die Leistungsgesellschaft:Jeder wie er's braucht

Pillen, Blocker, Kokain: Eine ganze Gesellschaft ist auf Drogen - und erregt sich über gedopte Sportler. Das ist Heuchelei.

Werner Bartens

Der kleine, dicke Mann nahm sich Bauchfleisch vom Grill. Kaum hatte er den ersten Bissen im Mund, begann er sich zu rechtfertigen. Er ist ja nicht der Einzige. Mitarbeiter erklären in der Kantine, dass sie ihr Schnitzel mit Pommes für gesundheitsgefährlich halten. Im Fahrstuhl sagen zerknirschte Kollegen, dass sie besser die Treppe benutzt hätten.

Medikamente für die Leistungsgesellschaft: Jeder wie er's braucht
(Foto: Foto: ddp)

Nun also auch der Mann am Grill. Ein vordergründig reumütiger Sünder. Er redete von versteckten Fetten, zu wenig Bewegung, Stress, so sei das nun mal in Führungspositionen. Während er die sichtbaren Fette seines Grillfleisches verdrückte, wurde er immer zufriedener und streichelte seinen Kugelbauch.

Blockiert, gehemmt, runterreguliert

Er habe für sich den Weg gefunden. Mit vollem Mund raunte er mir zu, als wollte er Drogen verkaufen: "Jeden Tag eine ASS 100! Das mache ich, seit ich 40 bin." Sein Arzt wisse nichts von der Blutverdünnung, das sei seine eigene Strategie im Überlebenskampf. "Was willst du machen, die Maschine muss laufen", sagte er. "Ich stehe ziemlich unter Druck."

Stress, Druck, Überlastung. So klagen die Stützen der Leistungsgesellschaft, wenn sie sich privat geben. Und nicht nur die. Angestellte, Arbeiter, Arbeitslose - alle fühlen sich permanent überlastet und überfordert. Eine Gesellschaft am Rande, immer kurz vor dem Burnout. Die Statistiken über Fehltage belegen das: Während die meisten Krankheiten, die zu Arbeitsausfällen führen, seltener werden, nehmen die psychischen Diagnosen zu.

Wer trotz ständiger Anspannung mehr Erfolg haben will, hilft sich selbst. Besonders beliebt ist pharmakologische Aufbauhilfe, dämpfen oder stimulieren - je nach Bedarf. Andere bevorzugen psychologische Unterstützung, Verhaltenstherapie oder Coaching bis hin zu Kursen, in denen die Selbstenthusiasmierung so lange eingeübt wird, bis es nicht mehr wehtut.

Doping geht durch alle Schichten und Einkommensklassen, nur nennt es keiner so. Hausfrauen nehmen "Mother's little helper", alternde Männer Testosteron, Schüler Ritalin. Jeder wie er's braucht: aufputschen, runterkommen, wachbleiben, einschlafen.

Kaum ein Konzernchef, Leitender Angestellter, Manager - und erst recht kein Politiker -, der nicht mit Betablockern, Kalzium-Antagonisten, ACE-Hemmern oder Cholesterin-Senkern unterwegs ist.

Kein Lehrstuhl ohne Teerstuhl

Nüchtern muss man feststellen: Unser Land ist in den Händen von Leuten, die blockiert, gehemmt oder auf andere Weise runterreguliert sind und in ihrer Freizeit dann Stimulanzien brauchen oder über glühende Kohlen laufen.

Kein Lehrstuhl ohne Teerstuhl - unter Erfolgsmenschen in der Medizin ist das die Kurzfassung für den entscheidenden Schritt in der akademischen Karriere. In der Langfassung bedeutet der Spruch: Der Stress, den die Bewerbung für eine Professur mit sich bringt, ist so groß, dass er die Magenwände angreift. Das kann zu Geschwüren führen, die bluten. Wird das Blut verdaut, färbt es die Fäkalien schwarz. Dagegen helfen Säureblocker und Beruhigungsmittel, siehe oben.

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