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Mario Vargas Llosa:Die Faust und die Leidenschaft

Exhibition Mordzinski Objective. A journey to the hearth of the S

Mario Vargas Llosa.

(Foto: dpa)

Gerade ist seine frühe Erzählung "Sonntag" neu auf Deutsch erschienen - am Montag wird der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa 80 Jahre alt.

Von Ralph Hammerthaler

"Er hielt kurz die Luft an, die Fingernägel in die Handflächen gebohrt, und sagte, ganz schnell: 'Ich bin verliebt in dich.' Er sah, wie sie gleich errötete, als hätte ihr jemand auf die Wangen geschlagen." So direkt und ungeschützt beginnt "Sonntag", eine frühe Erzählung von Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1959. Gerade ist sie auf Deutsch herausgekommen, in der Insel-Bücherei, mit Illustrationen von Kat Menschik (Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Berlin 2016, 64 S., 16 Euro). Wer die junge Flora sieht, dem muss der Atem stocken. In diesem Innehalten liegt der Impuls für alles und nichts. Gleich ist alles gewonnen, gleich alles verloren.

Am kommenden Montag feiert Vargas Llosa seinen 80. Geburtstag. Er hat viel gewonnen und viel verloren, obwohl er selbst die Gewinne hervorkehren würde. Dass er 1990 die Wahlen zum Präsidenten von Peru verloren hat, wird ihm heute nichts mehr anhaben. Dass sein literarisches Werk von großartigen frühen Büchern wie "Das grüne Haus" oder "Gespräch in der Kathedrale" zu immer weniger großartigen späteren führte, wird er höchstens vor sich selber zugeben. Der "novela total", die er einstmals ausrief, dem totalen Roman also, der alles Erdenkliche als Material heranzieht und lustvoll den Plot zersplittern lässt, folgte das immer weniger Radikale, das zugänglich Gemachte und Verdauliche, Krimis zum Beispiel oder erotische Geschichten. Seine Leserschaft wuchs und wiegte ihn in der Gewissheit, das Richtige zu tun. Zu viel Beifall macht taub.

1959, da seine Sprache roh und zupackend war, mag Vargas Llosa von alldem geträumt haben. Noch ohne Bewusstsein dafür, dass die Kraft der jungen und halbjungen Jahre irgendwann erschöpft sein könnte. Geträumt hat er bestimmt auch schon vom Literaturnobelpreis, denn nur wer ganz jung ist oder ganz alt, träumt davon. Im Jahr 2010 nahm er ihn wie selbstverständlich in Empfang.

Flora ist so zart und so schön, dass nicht nur Miguel sich Hals über Kopf verliebt. Auch Rubén ist an ihr dran. Beide gehören zur selben Bande, den Rabengeiern, was es nicht einfacher macht. Am Tisch ist die Stimmung verhalten aggressiv. Sie saufen um die Wette. Genau betrachtet, nicht das Schlechteste. Denn hätte Vargas Llosa seinen Kollegen und ständigen Konkurrenten Gabriel García Márquez zum Wetttrinken aufgefordert - alles hätte sich in lallendes Wohlgefallen aufgelöst. Als die beiden Rivalen einander aber trafen, in einem mexikanischen Kino Ende der 1970er-Jahre, soll Vargas Llosa zugeschlagen haben, mit der Faust.

Es ist nicht wichtig, ob diese Anekdote wirklich stimmt. Denn sie erzählt, was hintergründig vor sich ging. García Márquez war immer ein Linker, noch dazu der große lateinamerikanische Gegenspieler, während Vargas Llosa von den Linken zu den Rechten ging. Für einen Neoliberalen hält er sich immer noch, auch wenn er in seinen Romanen zumeist mit den Schwachen und Unterdrückten sympathisiert. Über seine polemischen und erstaunlich einfältigen Kolumnen braucht man kein Wort zu verlieren. Sie werden schnell vergessen sein.

In "Ein diskreter Held", seinem bislang letzten Roman von 2013, maßvoll, ausgewogen und am Ende versöhnlich, ist vom Blut und Gestank des totalen Romans nichts mehr übrig. Es ist mehr als ein belangloses Detail, dass der Held Felícito jeden Morgen eine Qigong-Übung durchführt, "langsam und konzentriert, so dass das Bemühen um Vollkommenheit in jeder einzelnen Bewegung sein ganzes Bewusstsein in Anspruch nahm". Beim Qigong geht es darum, dass Menschen ihre Mitte finden. Mit diesem Roman hat auch Vargas Llosa seine Mitte gefunden. Viel gewonnen, viel verloren.

In der Erzählung "Sonntag" kommt Mitte nur insofern infrage, als alles auf der Kippe steht, nicht weniger als die Liebe und das Leben. Hier steigen Miguel und Rubén noch ins eiskalte Meer, für ein Wettschwimmen, wobei jeder weiß, dass er insgeheim für Flora schwimmt. Blaue Lippen, steife Muskeln, rasendes Herz. Weit draußen befällt Rubén ein Magenkrampf, sodass Miguel ihn retten muss. "Miguel hat gewonnen", sagt Rubén zu seinen Kumpels am Strand. "Um Handbreite."

© SZ vom 26.03.2016
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