Lothringer 13 Menschen mit Geschichten

"True Self" ist der Titel eines Banners, das Anna Ehrenstein für die Ausstellung geschaffen hat.

(Foto: Lothringer 13)

Eine Ausstellung widmet sich dem Thema Arbeitsmigration

Von Jürgen Moises

- "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen." Dieser eigentlich auf die Schweiz gemünzte, oft aber auch in Bezug auf Deutschland zitierte Satz des Schriftstellers Max Frisch stammt aus dem Jahr 1965. Und damit aus einer Zeit, in der man weniger von Flüchtlingen, sondern von Gastarbeitern sprach. Gemeint waren damit junge Menschen aus Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien oder der Türkei, die von Mitte der 50er Jahre an als Arbeiter nach Deutschland kamen und mithalfen, das Wirtschaftswunder anzukurbeln. Um diese Arbeitsmigration zu orchestrieren wurden sogenannte Anwerbeabkommen geschlossen. Laut manch kritischen Stimmen ging es teilweise aber auch darum, im Raum stehende Reparationszahlungen zu umgehen.

Das letzte Abkommen dieser Art wurde am 12. Oktober 1968 zwischen der BRD und der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien geschlossen, also vor bald 50 Jahren. Ein Jubiläum, an das aktuell im Ausstellungsprojekt "Migration bewegt die Stadt" im Stadtmuseum sowie mit weiteren Veranstaltungen in München erinnert wird. Dazu gehört auch die Ausstellung "no stop non stop" in der Galerie Lothringer 13. Für die am vergangenen Dienstag eröffnete Schau hat die Kuratorin Katja Kobolt rund 50 Künstler und Theoretiker eingeladen, um sich in künstlerischen Arbeiten, Performances, Screenings, Talks und Podiumsdiskussionen dem Thema Arbeitsmigration zu nähern.

Den Kern der Ausstellung bildet dabei das Projekt "Guestures" von Margareta Kern. Die aus Bosnien und Herzegowina stammende, in Großbritannien lebende Künstlerin rückt darin die Geschichten von Frauen in den Blick, die in den 60ern und 70ern als Gastarbeiterinnen aus Jugoslawien nach Westdeutschland kamen. Kern, die an diesem Freitag um 18 Uhr für ein Gespräch in der Galerie sein wird, lässt in einer Videoinstallation eine Schauspielerin die Erinnerungen ehemaliger Gastarbeiterinnen rezitieren und hebt sie damit auf eine kollektive Ebene. Zudem hat sie ein kleines Archiv installiert, bestehend aus weiteren Zitaten der Frauen sowie aus Material über deren damalige Arbeitgeber wie Siemens oder Telefunken.

Auch in Samira Kentrić' Graphic Novel "Balkanalije" geht es um die Erinnerungen einer Ex-Jugoslawin, in dem Fall um ihre eigenen an das sozialistische Land. Ihre Zeichnungen ergeben aber keine autobiografische Erzählung, sondern hier wird eher assoziativ und kritisch über die Geschichte von Bosnien und Herzegowina nachgedacht. Andreja Dugandžić unterzieht mit ihren Collagen, die aus Zeichnungen und Material aus jugoslawischen Zeitschriften und Frauenratgebern bestehen, Klischeebilder vom häuslichen Arbeitsleben humorvoll einer feministischen Kritik. Božena Konćic Badurina und Duga Mavrinac führen diesen Strang auf gewisse Weise weiter, indem sie ein 2011 von der Internationalen Arbeiterorganisation verfasstes "Übereinkommen über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte" mit Texten und Zeichnungen konterkarieren, die auf Erfahrungen von kroatischen Pflegearbeiterinnen in Italien basieren.

Mit Arbeiten wie den Videos und Objekten der Recherchegruppe "Nails", die das Nagelstudio oder im Fall von Anna Ehrenstein Schönheitssalons in Tirana als einen transkulturellen, surrealen Kosmos präsentieren, wird das Thema Arbeitsmigration geografisch ausgeweitet. Darum, die Migration als einen universellen sowie offenen und unumkehrbaren Prozess zu zeigen, soll es insgesamt auch gehen. Das gelingt der Ausstellung auf anregende Weise, auch wenn sich die Zusammenhänge nicht immer eindeutig erschließen. Aber dann heißt es einfach, Fragen zu stellen. Schließlich ist es das Ziel der Kuratorin Katja Kobolt, einen Diskussions- und Resonanzraum für das Thema Migration zu schaffen, und für die Geschichten, die damit einhergehen.

No stop non stop, bis 11. Nov., Lothringer 13, Lothringer Str. 13 (das Programm zu "50 Jahre Anwerbeabkommen" ist unter balkanet.de zu finden)