Literatur und Musik Kurz vor dem Sterben

Die Dokumentation eines manischen Schaffensrauschs, beeindruckend vorgetragen von der Schauspielerin Birgit Minichmayr.

(Foto: Astrid Ackermann)

Birgit Minichmayr, das Ensemble Resonanz und die "Sieben letzte Worte"

Von Egbert Tholl

Kann man das, die Worte eines bekennenden Atheisten an einem Abend zusammenfügen mit Haydns Instrumental-Komposition der "Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz"? Das Werk war eine Auftragsarbeit für Cádiz, für den Karfreitag 1787, und besteht aus einer Einleitung, einem finalen Erdbeben, wie es der Überlieferung nach Jerusalem nach dem Tod Jesu erschütterte, und sieben langsamen Sätzen. Man muss die Worte gar nicht kennen, die der Komposition zugrunde liegen, man versteht diese Musik unmittelbar. Man kann aber, wie Anselm Cybinski in seinem Einleitungsvortrag, in der Musik Entsprechungen zum Gehalt der Worte suchen und finden, die abstrakte Abbildung des zu Sagenden in Klang.

Nun dazu Ausschnitte aus Wolfgang Herrndorfs Blog-Texten "Arbeit und Struktur" zu stellen, führt nicht zu einer Verwunderung. Der Vorgang schafft vielmehr ein neues Kunstwerk - und die Gleichzeitigkeit von Lachen und Weinen. Die Kulturstiftung der Versicherungskammer Bayern holte nun diesen wundervollen Herrndorf-Haydn-Abend nach München, es spielt das Ensemble Resonanz unter Riccardo Minasi, die Texte zwischen den Haydn-Sätzen liest die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Herrndorf begann seinen Blog, nachdem bei ihm ein tödlichen Gehirntumor diagnostiziert wurde. Es ist die Dokumentation eines manischen Schaffensrauschs, in dem Herrndorf auch noch drei Romane schrieb. "Gib mir ein Jahr o Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich vollende alles." Aber dieser Blog ist nur zum Teil eine Ansammlung von eschatologischen Dingen, er ist eine Hymne auf das Leben und dem sukzessiven Verlust des selbigen. Herrndorf wollte nicht die Kontrolle verlieren und brachte sich um, bevor ihm die Krankheit die Möglichkeit des freien Willens raubte.

Birgit Minichmayr versteht es meisterhaft, den Humor, den diese Texte auch enthalten, die Entrüstung, pointiert vorzutragen und dann mit äußerster Würde in die ganz dunkle Verzweiflung hinüber zu gleiten. Ein Gespräch mit einem Arzt wird zum Theaterdialog, Herrndorfs Selbsterkenntnis kurz vor dem Sterben raubt einem den Atem: "Ich kann kein Instrument, keine Fremdsprache, habe Vermeer in Wien nicht gesehen, stand nie auf einer Bergspitze. Ich war fast immer allein. Die letzten drei Jahre waren die besten."

Das Ensemble Resonanz antwortet mit fliegender Leichtigkeit auf Herrndorfs Humor, daneben steht eine außerordentlicher Expressivität, eine beredte Agogik, noch viel unmittelbarer als die eben erschienene, an sich sehr überzeugende Aufnahme. Aber nichts kann diesen Abend ersetzen, der in einem Erdbeben des Zorns endet. Fulminant.