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Literatur:Und immer wird gerade jemand anderes geküsst

Arm an Erfahrung und handwerklich solide geschult: Warum die deutsche Gegenwartsliteratur so brav, ordentlich und monoton ist.

Es gibt ein wunderbares Lied von Rocko Schamoni mit dem Refrain "Wehre dich gegen den Staat" - eine schräge Mischung aus Lebenslust, Alltagsüberdruss und Aufmüpfigkeit. Oder nehmen wir "Tocotronic": "Ich mag den Weg, ich mag das Ziel, / den Exzess, das Selbstexil" singen sie, aber im Refrain wehren sie sich umso heftiger gegen die allgegenwärtige platte Affirmation: "Aber hier leben, nein danke!"

So etwas ist im Mainstream der jungen deutschen Literatur kaum denkbar. Hier befinden wir uns in leergelaufenen Familienverhältnissen, auch in diesem Frühjahr wieder zuhauf: die Beziehungen sind schwierig und die Eltern meist geschieden - egal, ob wir das neue Buch von Ricarda Junge lesen, von Silke Scheuermann oder von Jens Petersen.

Und im Mittelpunkt steht das beliebte Bäumchen-wechsel-dich-Spiel: Der- oder diejenige, um den es geht, küsst immer gerade jemand anderen. Das ist die gegenwärtige Belletristik-Produktion, die Sprache ist dabei genauso überschaubar wie das Sujet. Ab und zu taucht ein slawischstämmiges Dienstmädchen in den Vorstadtvillen auf, als Einbruch einer anderen Welt, und die pubertären Verwirrungen können ein Ziel finden.

Das geht schon seit Jahren so. Man muss den Eindruck haben, die soziale Bandbreite dieses Landes besteht in einer matten Bürgerlichkeit. Unverkennbar aber ist, dass das Zeitgefühl eher in Texten von Popgruppen auftaucht -- eine Melancholie am Abgrund, das Bewusstsein, in einer nicht gerade äußerst erfreulichen Gegenwart zu leben, aber der unbedingte Wille, es trotzdem zu tun. Vermutlich liegt das an konkreten Erfahrungen, also daran, dass man etwas erlebt hat. Und damit sind wir mitten im Hauptproblem der aktuellen Literaturproduktion.

Am meisten Unheil hat dabei der längst verstorbene US-amerikanische Kurzgeschichtenautor Raymond Carver angerichtet. Die beiden größten Erfolge der deutschen Literatur in den neunziger Jahren verdanken sich ihm, seinem schnörkellosen, spröden Stil: Ingo Schulzes "Simple Stories" und Judith Hermanns "Sommerhaus, später".

Beide beziehen sich ausdrücklich auf Carver. Verheerende Auswirkungen hatte vor allem Judith Hermann. Sie nutzte den nüchternen Duktus der Short Story und entwickelte einen eigenwilligen Sound. "Irgendwo sang Tom Waits", heißt es einmal: Irgendwo steckt immer eine Phrase aus einem Popsong, die gerade passt.

Ihr Originalton klingt so: "Die Seen froren zu, wir kauften Schlittschuhe, zogen nachts mit Fackeln durch den Wald und aufs Eis hinaus. Wir hörten Paolo Conte aus Heinzes Ghettoblaster, schluckten Ecstasy und lasen uns die besten Stellen aus Bret Easton Ellis' ,American Psycho' vor. Falk küsste Anna, und Anna küsste mich, und ich küsste Christiane. Stein war manchmal dabei. Er küsste Henriette, und wenn er das tat, schaute ich weg."

Man sitzt zusammen, redet über dies und das, und die Personen verwechseln sich sogar selbst. Es existieren etliche Arrangements des Glücks, eigentlich steht alles zur Verfügung. Doch immer gibt es auch ein merkwürdig klebriges Gefühl am Gaumen, die Luft ist ein bisschen stickig. Judith Hermann war das Original, sie traf das Lebensgefühl in einer ganz bestimmten Zeit.

Mittlerweile kann man die Judith Hermanns aber gar nicht mehr zählen, in jeder Buchsaison kommen ein paar neue dazu. Nehmen wir zum Beispiel einen Debütband mit Erzählungen von Franziska Gerstenberg, 2004 erschienen. Da geht es so: "Wir saßen in Kristianes Küche und tranken Wein, Marcel legte eine Kassette in den Recorder, und irgendwer öffnete irgendwann den Mund, ich glaube, es war Horn, und sagte zusammenhanglos: Tom Waits, wenn man den im Auto hört, fährt man dauernd in Sackgassen. Danach stand er auf und machte neuen Kaffee Coretto. Es war elf, und Kristiane wollte über Biologielehrer reden, aber Horn sagte, er könne sich nicht an seinen erinnern, das sei zu lange her."

Das klingt wie die Nachfolgesingle nach einem großen Hit, und wie immer in solchen Fällen wirkt alles schon ein bisschen schal. Alles dreht sich um immer dieselben Generationserfahrungen, um das ziellose Herumschweifen zwischen Luxus und Leere, um eine Adoleszenz jenseits des Elternhauses, die aber durch den sofortigen Besuch von Creative-Writing-Kursen hinausgezögert wird.

Denn eines fällt bei den heutigen Debütanten auf: Sie belegen oft direkt nach der Schule einen angewandten Studiengang, in dem sie Schreiben und Medientechniken lernen und als praktizierten Beruf mit akademischer Rückendeckung "Schriftsteller" angeben können.

Wenn man aber außer Elternhaus, Schule und Schreibwerkstätten nichts anderes kennen gelernt hat, stellt sich die Frage, worüber man nun eigentlich schreibt. Über eigene Erfahrungen etwa?

Da hilft der suggestive Prosastil von Raymond Carver. Das Beschwören einer bestimmten Atmosphäre durch die Kunst des Weglassens, die Aneinanderreihung von Hauptsätzen, der Verzicht auf die Innensicht der Figuren und der Eindruck von Coolness, der dadurch entsteht - das sieht alles wie Handwerk aus.

Subjekt Prädikat Objekt

Und schürt den Glauben, diese Art zu schreiben einfach lernen zu können. So können Texte entstehen, die ziemlich schnell aussehen, als ob sie gut gemacht seien. Sie wirken nie direkt peinlich. Deswegen probt man in Schreibwerkstätten am effektivsten den Raymond Carver/Judith Hermann-Stil, egal, ob man angewandte Kultur an der Universität Hildesheim studiert oder am Literaturinstitut in Leipzig. Die Absolventen dieser Kurse können alle ganz gut schreiben, und sie machen nichts falsch. Dass sie meistens gar keinen Stoff haben, fällt zunächst nicht auf.

Für die Programmgestalter der Verlage, die jedes halbe Jahr neue Bücher drucken müssen, reduziert sich dadurch das Risiko. Subjekt Prädikat Objekt. Knappe Aussagesätze im Präsens. Beziehungsgeschichten, Beiläufigkeiten, Belanglosigkeit. Am besten girliemäßig und selbstbewusst.

Man kann da wahllos zitieren - etwa Maike Wetzel, Erzählungen aus dem Jahr 2003: "Marcels Freundin war schön, farbig, schlau. Sie sprach mit einer hellen, weichen Stimme. Es klang auf eine falsche Art nachgiebig. Falsch deshalb, weil sie es nicht war. Sie war hart gegen sich selbst. Sie tat mir Leid. Ich wusste, sie hätte mich gehasst dafür, für mein Mitleid und für unseren Betrug. Doch von beidem wusste sie nichts. Wenn du weiter so tiefe Ausschnitte trägst, kann ich mich bald nicht mehr beherrschen, sagte Marcel hinter ihrem Rücken zu mir. Wir schliefen seit einem Jahr miteinander. Vorher hatten wir uns nur verstohlen abgetastet. Manchmal gingen wir zu dritt ins Kino. Marcel, seine Freundin und ich. Marcel saß in der Mitte."

Oder, aus diesem Frühjahr, Annette Mingels mit "Die Liebe der Matrosen": "So trage also ich mein Augurenlächeln alleine, während Jan einfältig grinst. Er muss sich sehr verwegen vorkommen. Bestimmt hält er sich für einen Frauenhelden, wie er Klara mit mir und mich mit Klara betrügt. Aber eigentlich verachten wir ihn beide."

Viele Bücher in den großen Verlagen klingen so, heute und seit Jahren; die Verfasser wirken genauso austauschbar wie ihre Figuren. Aber sie kriegen meist ganz gute Rezensionen, denn etwas anderes bleibt dem Rezensenten kaum übrig. Es ist schwer, immer wieder aufs Neue etwas ganz toll finden zu müssen.

Ein Rezensent, der etwas auf sich hält, ist aber auf Entdeckungen aus. Er will vorne dran sein, am besten sich und seiner Generation zum Durchbruch verhelfen. Bei einigermaßen geübter Schreibschulprosa, das weiß er, kann er nicht danebenliegen. Die Techniken sind da, bevor die Inhalte kommen. Was soll die Nachwuchsliteraten denn sonst umtreiben? Jeder weiß: Wenn einer erst mit dreißig auf die Idee kommt, Schriftsteller zu werden, hat er längst den Anschluss verpasst.

Da sind die Einstiegsluken durch allerlei Boygroups und Fräuleins blockiert, und oft können sie auf erste Medien-Module hinweisen: Wettbewerbe, Stipendien, Auszeichnungen. Dass man vor lauter Praxisbezug gar nicht zum Nachdenken kommt, scheint kein Problem zu sein.

Schreiben kann man lernen. Die Literatur aber nicht. Die Autoren, die wirklich zählen, brauchen lange, damit ihre individuelle Sprache sich durchsetzen kann, sie haben einen anderen Zeitbegriff. Literatur unterliegt ganz anderen Kriterien als der Journalismus, die jeweiligen Moden des Schreibens und des Diskurses dienen ihr allenfalls als Spielmaterial.

Dazu muss man allerdings auch mal etwas anderes gemacht oder erlebt haben, vielleicht sogar etwas ganz und gar Sinnloses, ganz und gar nicht Zielgerichtetes. Manchmal hilft auch ein bisschen Selbstironie. Wie singen doch "Blumfeld": "Wahre Kunst ist ein Produkt der Phantasie / an der dafür vorgesehenen Stelle / erhebe ich meine Stimme: / das ist soziale Marktwirtschaft / langweilig wird sie nie".