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Literatur:Nun schweigen an allen Fronten die Waffen

Dazu kommt die Gleichheit: Kempowskis Technik enthierarchisiert die Zeugnisse. Jünger, Doderer oder Thomas Mann sind nicht "wichtiger" (und auch durchaus nicht immer interessanter) als die Berichte von Hausfrauen, Schülern, Parteigenossen.

Walter Kempowski in seinem Archiv

Verfügt über die größte Sammlung von Tagebüchern in ganz Deutschland - Schriftsteller Walter Kempowski.

(Foto: Foto: dpa)

Angst und Not

Die orthographisch verschriebene Feldpostkarte vermag mehr zu rühren als eine Reflexion von Paul Valéry über die Ähnlichkeit seiner Hand mit der Goethes. Missen möchte man nichts.

Es ist nun offenkundig, dass der Moment der Katastrophe, also das Ineinanderfallen von Heimat und Kriegsschauplatz, beiden Prinzipien - die zunächst als literarische Kunstmittel zu verstehen sind - eine mächtige sachliche Grundlage gibt.

Der Zusammenbruch schafft endgültig einen gemeinsamen Erlebnisraum, an dem alle, ob sie wollen oder nicht, teilhaben müssen; alle reagieren auf dieselben Ereignisse und Umstände, alle teilen Angst und Not. Und alle werden vor der Katastrophe auch annähernd gleich, jedenfalls gleich ohnmächtig und intellektuell ähnlich überfordert.

Hitler als Wurm im Endkampf

Selbst Hitler ist ein Wurm in diesem Endkampf, ein verrückt kreischendes, seine nächste Umgebung zwar immer noch tyrannisierendes Wesen, aber machtloser als jeder sowjetische Offizier zwei Kilometer weiter.

Und allen - den Gebildeten oder Informierten und den Ahnungslosen, den Schlauen und den Naiven, Frauen und Männern, Dichtern und Soldaten - bleibt wenig mehr übrig, als zu notieren, was ist. Der Flug des Gedankens wirkt in solchen Momenten überall gleich lahm, da mögen die Gedanken noch so bedeutend daherkommen.

Kurzum, Kempowskis Konzept eines kollektiven Tagebuchs geht erst hier vollgültig auf. Der Zusammenbruch, der Krieg, die Geschichte selbst - wie immer man es nennen will - erweisen sich als jene Gleichmacher und Vergleichzeitiger, die das symphonische Verfahren seiner Textkollage zum Triumph führen.

Unfehlbarer Trick

Es ist Kempowski, so mag man überspitzen, am Ende seines langen Weges gelungen, den Krieg selbst zu einem ästhetischen Kunstmittel, nämlich zum ganz natürlich wirkenden Strukturprinzip seines titanischen Werks zu machen. Das soll ihm mal einer nachmachen.

Ablesbar ist das auch an einem minimalen Kunstgriff, den mancher Leser zunächst übersehen oder nicht einordnen wird: Zwischen seine Tage hat Kempowski romantische Frühlingsgedichte von Uhland und dem späten Hölderlin gestellt: "Die linden Lüfte sind erwacht,/ Sie säuseln und weben Tag und Nacht,/ Sie schaffen an allen Enden ..." Ein unfehlbarer Trick.