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Literarischer Marktplatz:Ein Verleger mit drei Leben

Das Leben von Hermann Schulz, Erzähler, Verleger, politische Aktivist, würdigt Klaus Humann.

Von Klaus Humann

Erzähler, Verleger, politischer Aktivist - andere Menschen brauchen dafür drei Leben. Hermann Schulz, 1938 als Sohn eines Missionars in Ostafrika geboren, ist alles drei in einem.

Der Vater starb schon bald nach seiner Geburt. Nach der Rückkehr nach Deutschland wuchs er bei Verwandten im niedersächsischen Wendland auf. "Warum wir Günther umbringen wollten" (2013) erzählt von diesen schwierigen Nachkriegsjahren. Ebenfalls autobiografische Erlebnisse verarbeitet er in "Sonnennebel", dessen Held die Jugendzeit nur überleben kann, weil er Tauben züchtet und seine erste Liebe findet. Der gelernte Buchhändler übernahm 1967 den Peter Hammer Verlag, hervorgegangen aus Johannes Raus evangelischem Jugenddienst-Verlag. Er leitete ihn bis 2001, und verlegte die für den politischen Diskurs in Deutschland prägenden Autoren Ernesto Cardenal, Eduardo Galeano, Sergio Ramirez und Gioconda Belli. Dazu gründete er das "Informationsbüro Nicaragua", die wichtigste Nachrichtenquelle über eine der finstersten Diktaturen Mittelamerikas.

1989 wagte er mit Wolf Erlbruchs "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte" (Text: Werner Holzwarth) den Schritt ins Bilderbuch. Erlbruchs Erstling wurde ein Welterfolg. Mit ihm entstand ein Bilderbuchprogramm, das Maßstäbe setzte in der deutschen Kinderbuchszene: Aljoscha Blau, Eva Muggenthaler, Jens Rassmus, Isabel Pin, Henning Wagenbreth und viele andere wurden Peter-Hammer-Illustratoren.

1998 hatte ich das große Glück, als Leiter des Carlsen-Verlags Hermann Schulz als Autor zu entdecken und veröffentlichte seinen Erstling "Auf dem Strom", mit Illustrationen von Wolf Erlbruch . Das Buch erlebte mehrere Ausgaben und Übersetzungen. Es ist die anrührende Geschichte eines Missionars, der mit seiner todkranken Tochter sieben Tage auf dem Fluss unterwegs ist, um das Krankenhaus in der Stadt zu erreichen. Die ungewohnte Nähe der beiden und die Erlebnisse entlang des Stroms helfen der Tochter zu überleben. Die Weisheit der afrikanischen Frauen heilt nicht nur ihre Krankheit, sondern rettet auch den Vater aus seiner Lebenskrise.

Immer wieder kehrte Hermann Schulz in seinen Büchern, die sich auch an junge Leser richten, nach Ostafrika zurück. Erzählte, nach einer wahren Geschichte, in "Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt" von Temeo, dessen Vater, ein deutscher Geologe, einen schweren Unfall hatte und dessen schwarze Mutter ihn nun losschickt, um Geld für seine Genesung bei Freunden und Verwandten zu sammeln. Auch sein Kinderbuch "Mandela & Nelson" hat einen realen Hintergrund, sein Bestreben, deutsche und ostafrikanische Kinder zusammenzubringen. Als Fußballfan organisierte Schulz einen Jugendfußballaustausch zwischen dem Ruhrgebiet und Tansania. Zum Vergnügen der Leserinnen halten die afrikanischen Jungen nur so gut mit, weil ein Mädchen mitspielt.

Ein mutiger Verleger, ein großartiger Erzähler, ein Humanist, der im Juli achtzig Jahre alt wurde.

Der Autor ist Verleger des Alibaba-Verlags

© SZ vom 14.09.2018
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