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Kunstakademie:Selbstbewusste Seitenblicke

Mit Gipsabgüssen menschlicher Füße weist Olga Goloshchapova auf das Schicksal von Flüchtlingen hin.

(Foto: Kilian Blees)

80 Künstler stellen sich in der Diplomausstellung vor

Spricht man vom Friedhof als der letzten Ruhestätte, hat das meist eine metaphorische oder metaphysische Bedeutung. Man kann das aber auch eine Spur neutraler oder diesseitiger sehen und den Friedhof als einen der öffentlichen Rückzugsorte deuten. Von "Rückzugsorten" spricht jedenfalls auch Frank Balve, wenn er seine Installationen "Anlage" und "Kabine III" beschreibt, mit denen er sich als einer von insgesamt 80 Künstlerinnen und Künstlern an der diesjährigen Diplomausstellung der Münchner Kunstakademie beteiligt. Die "Anlage" ist ein eingezäuntes weißes Gräbermeer aus 168 Gipsbeton-Acryl-Kreuzen, die auf dem Rasen vor der Akademie stehen, die "Kabine III" die lebensgroße Nachbildung einer Kapelle vom Nordfriedhof aus Papierzellstoff, die sich im Innern des Gebäudes befindet.

Dass seine Kreuze auch noch andere Assoziationen wecken, das hat Balve bereits erfahren. Ob der Zaun eine Anspielung auf Trumps mexikanische Mauer sein soll, wollte etwa jemand wissen. Weil die Kreuze an die ikonischen Kriegsgräber in der Normandie erinnern, fällt einem auch der Krieg als mögliches Thema ein. Oder die Vorstellung, dass hier jemand die Kunst zu Grabe trägt? Das wäre als "Prolog" für die Diplomausstellung dann doch zu fatalistisch, in der die Künstler mal fragend oder auch neugierig nach vorne, mal kritisch oder auch selbstbewusst zurückblicken. In der es aber auch zahlreiche Blicke über die eigene Kunst und Lebenswelt hinaus gibt.

Geradezu symbolisch für den Diplom-Jahrgang lässt etwa Johanna Schelle ihre bemalte Holzfigur zurück über die Schulter schauen. Dass die Figur optisch an ihre Erschafferin erinnert, ist sicherlich kein Zufall. Fein säuberlich auf Fotos dokumentiert und in Schubladen verpackt hat Zita Schüpferling ihre Studienjahre. Abzüge ihrer Dokumentationsfotos kann jeder mitnehmen. Nicht nur in die eigene, sondern in die allgemeine Kunstgeschichte blickt Rebecca Grollmann mit ihren Blattgold-Arbeiten zurück. Darauf abgebildet sind als Bilderrätsel die Silhouetten von berühmten kunstgeschichtlichen Motiven wie Dürers Hase oder die Seerosen von Monet.

Überhaupt ist die Kunstgeschichte auffallend präsent in diesem Jahr. So zitiert etwa Ünal Gauer Ece Gözen auf einem Gemälde den "Leichnam Christi im Grabe" von Hans Holbein dem Jüngeren und kombiniert ihn mit orientalischer Ornamentik. Caro Jost hat aus Rechnungen von Barnett Newman Gemälde kreiert. Bong Chull Shin hat sich für eine Glasarbeit von den Farben eines Ernst-Ludwig-Kirchner-Gemäldes inspirieren lassen, bei einer anderen stellt er mit Glassplittern einen berühmten Satz von Jenny Holzer dar: "Protect me from what I want." Was viele Flüchtlinge aktuell wollen, das ist ein Leben in Frieden, Freiheit und Würde. Einige davon hat Olga Goloshchapova getroffen und aus ihren Erfahrungen eine eindringliche Arbeit geschaffen. Aus einer Gipswand ragen Teile von menschlichen Füßen. Daneben finden sich Daten und Koordinaten, hinter denen sich menschliche Schicksale verbergen.

Die aktuelle gesellschaftliche Lage spielt auch bei Pio Ziltz hinein, der sich in seinen wie eine Mischung aus Fresken und surrealen Puppenhäusern aussehenden Arbeiten unter anderem mit Pegida auseinandersetzt. Oder bei Pia Winkenstern, die aus Patronenhülsen den Botafumeiro, das Weihrauchfass aus Santiago de Compostela, nachgebildet hat und damit auf den Zusammenhang von Religion und Gewalt verweist. Dass der Mensch seine Instinkte nicht im Griff hat, nicht die Krönung der Schöpfung ist, sondern schlicht und einfach ein Affe, das könnte man aus der Installation von Domino Pyttel herauslesen. Und dass das vor allem für die Männer gilt, das legt die Bühnenbild-Arbeit von Bettina Kirmair nahe. Unter dem Titel "Warten auf Romeo" hat sie einen Balkon konstruiert und will männliche Besucher dort hinauflocken. Dass ihr das gelingt, steht außer Frage, denn auf die "Romeos" warten dort Grillwürstl und Bier.

Diplomausstellung 2017, bis Sonntag, 12. Februar, Akademie der Bildenden Künste, Akademiestr. 2-4