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Kulturfestival:Party zum Weltende

Nina Hoss Manchester

Zuschauen oder zuhören? Nina Hoss spricht in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" lange Passagen aus dem Buch ein; dazu sind auf einer Leinwand über der Bühne Filme zu sehen.

(Foto: Arno Declair)

Das Manchester International Festival trotzt dem Schock des Terroranschlags vom Mai und unterzieht die ganze Stadt einer Kulturtherapie.

Von Alexander Menden

Die Treppe, die von Victoria Station hinauf zum Haupteingang der Manchester Arena führt, ist mit dunkelgrauen Sperrholzplatten abgeriegelt. Vor dem zweiten, ebenfalls verschlossenen Eingang auf der anderen Seite des Bahnhofs hängen hölzerne Herzen mit der Aufschrift "Liebe besiegt Hass". Die Manchester Arena ist in diesen Tagen nicht die größte Konzerthalle der Stadt, sondern Tatort und Gedenkstätte. Am 22. Mai zündete hier ein Mann namens Salman Ramadan Abedi, geboren und aufgewachsen in Manchester, kurz vor dem Ende eines Ariana-Grande-Konzerts eine Sprengladung, die er in die Eingangshalle der Arena geschmuggelt hatte. 23 Menschen starben, darunter Kinder und Teenager, mehr als 100 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Reaktion der Stadt war erstaunlich: Statt alles stillzulegen, rief die Stadtverwaltung am nächsten Tag zu einem öffentlichen Gedenken auf. Die Menge auf dem St Ann's Square sang spontan "Don't look back in Anger" von Oasis; der Dichter Tony Walsh trug "This is the Place" vor, eine sentimentale, aber tief empfundene Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Das führte der Welt vor Augen, dass Manchester nicht zuletzt deshalb liberal ist, weil es eine selbstbewusste kulturelle Identität hat.

Die Werke wirken in diesem Jahr wie die Selbstvergewisserung nach einem Trauma

Das ist der Hintergrund, vor dem jetzt, nur anderthalb Monate nach dem Anschlag, das Manchester International Festival (MIF) stattfindet. Man kann sich keine passendere, dieser lebendigen, von Bürgerstolz geprägten Stadt gemäßere Art vorstellen, das Grauen jenes Abends im Mai zu verarbeiten: ein Kulturfestival, das die ganze Stadt einbezieht, das auf öffentlichen Plätzen stattfindet, das immer nach Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Kulturen und Genres gesucht hat. "Der Anschlag war furchtbar, aber kein Blitz aus heiterem Himmel", sagt John McGrath, der in diesem Jahr den langjährigen MIF-Chef Alex Poots als künstlerischen Leiter abgelöst hat. "Er war ein Teil einer Reihe von Entwicklungen, auf die unser Programm ohnehin implizit oder direkt eingegangen wäre, von Brexit über Trump und die Anschläge hier und in London bis hin zur Grenfell-Katastrophe." Abgesehen von den organisatorischen Herausforderungen, vor die die Sicherheitslage die Veranstalter stellte, wollten viele Künstler angesichts der jüngsten Ereignisse ihre Arbeiten noch einmal neu überdenken.

Die Auftragswerke des MIF haben aber immer auch in der Geschichte Manchesters selbst gewurzelt. In diesem Jahr wirken sie wie eine Selbstvergewisserung nach einem großen Trauma. Jeremy Dellers Aktion "What is the City but the People?", mit der das Festival eröffnet wurde, war als Selbstporträt der Stadt konzipiert. Der Turner-Preisträger schickte in Piccadilly Gardens 160 Bürger Manchesters auf einen Laufsteg. Es traten unter anderem auf: eine 99-jährige Weltkriegsveteranin, ein ManU-Fan, der im Fußballmuseum arbeitet, Kate, die als Andrew geboren wurde, Bez von den Happy Mondays und zwei Taxifahrer, die am Abend des Anschlags die überlebenden Konzertbesucher gratis nach Hause gefahren hatten. "Nach dem Anschlag bekam diese Arbeit eine neue Bedeutung", sagt John McGrath. "Vom Moment an, in dem der erste Teilnehmer herauskam und alle applaudierten, war klar, dass Jeremy die heilende Reaktion einer Gemeinschaft auf einen Angriff ermöglicht hatte."

Die für das Festival konzipierten Ausstellungen beziehen sich ebenfalls direkt auf die Stadt und weisen zugleich über sie hinaus: Die Whitworth Art Gallery zeigt die Film-Installation "No End to Enderby", eine Hommage des Künstlers Stephen Sutcliffe und des Theaterregisseurs Graham Eatough an Anthony Burgess. Der Autor von "Clockwork Orange" wurde vor 100 Jahren geboren und wuchs unweit der Whitworth Gallery auf. Sutcliffe und Eatough haben an Drehorten wie dem Royal Exchange Theatre und den alten Granada Studios zwei Episoden aus Burgess' "Enderby"-Romanen inszeniert. Unter anderem reist eine Schulklasse aus der Zukunft ins Jahr 1963 zurück, um den Dichter Enderby, ein Alter Ego von Burgess, im Schlaf zu studieren. Das ist witzig, frivol und bizarr, damit ganz im Geist von Burgess.

Die Manchester Art Gallery zeigt derweil "True Faith", eine Joy Division- und New Order-Retrospektive, und wie im Manchester-Post-Punk Musik und bildende Kunst verschmolzen. Die Coverdesigns von Peter Saville, der damit die Popästhetik der Achtziger miterschuf, sind untrennbar mit der existenzialistischen Finsternis der wenigen Jahre verbunden, die Joy Division hatte, bis Frontmann Ian Curtis sich das Leben nahm. Dessen Abwesenheit prägt die Schau, seine Songtexte wirken wie Konzentrate unserer destabilisierten Gegenwart.

Auf diese Gegenwart reagierte auch Thomas Ostermeier, als er kurzfristig einen ganz neuen Stoff für die geplante Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem MIF und dem Pariser Théâtre de la Ville aufs Programm setzte: Nach der Lektüre von Didier Eribons Memoirenband "Rückkehr nach Reims" entschied er sich, dieses Buch dramatisch umzusetzen. "Returning to Reims" ist ein Beispiel, wie flexibel das MIF auf das Zeitgeschehen eingeht. Es macht aber auch die Schwierigkeiten deutlich, mit denen Theater zu kämpfen hat, das ein tief empfundenes politisches Anliegen hat.

Ostermeiers Inszenierung hat das Herz am rechten Fleck - aus ihrer Form erwachsen aber Probleme

Die szenische Einrichtung, denkbar minimalistisch, ist die Dramatisierung eines Aufnahmevorgangs: Über weite Strecken sitzt Nina Hoss, die eine Art Alter Ego namens Katy spielt, in einem Tonstudio. Sie spricht lange Passagen aus Eribons Buch zu Bildern eines teils dokumentarischen, teils assoziativen Films ein, den Ostermeier mit seinem langjährigen Arbeitspartner, dem französischen Videokünstler Sébastien Dupouey gedreht hat. Zwischendurch diskutiert sie mit dem Iren Bush Moukarzel, der im Stück den etwas clownesken Regisseur des Films darstellt, ob Bilder und Text zusammenpassen, was man ändern könnte und inwieweit das alles eigentlichen Thesen und Erkenntnissen Eribons entspricht.

Zweifellos ist "Rückkehr nach Reims", seit dem vergangenen Jahr ein überraschender Bestseller in Deutschland, als Text überaus zeitgemäß. Ausgelöst vom Besuch des Soziologieprofessors in seinem Heimatort nach dem Tod seines Vaters, von dem er sich entfremdet hatte, steht im Kern die Beobachtung, dass die nominell linken Parteien Europas ihre Kernklientel, die Arbeiterklasse, aufgegeben und den Verlockungen der extremen Rechten überlassen haben. Eribon geht extrem selbstkritisch mit seiner Ablösung vom Arbeitermilieu um, aus dem er stammt, und weist dabei auch auf die Abgehobenheit der links geprägten Kunstwelt hin, die alles aus der Distanz selbstzufriedener Kennerschaft betrachtet.

Der dramatische Mehrwert gegenüber der reinen Eribon-Lektüre ist leider gering

Man kann Ostermeiers Inszenierung im Theater des Home Arts Centre zugutehalten, dass sie diese Selbstzufriedenheit weitgehend zu vermeiden versucht, dass sie gleichsam das Herz am rechten Fleck hat. Aus der von ihm gewählten Form erwachsen aber Probleme, derer sich die Produktion auch bewusst ist und die das Stück selbst thematisiert: Man könne sich gar nicht auf Text und Bilder gleichzeitig konzentrieren, wendet Katy zwischendurch ein. Tatsächlich ist es teilweise schwer, dem Film, der auf einer Kinoleinwand über dem Bühnenbild läuft, zu folgen und zugleich die hochinteressanten, aber eben auch komplexen Einlassungen Eribons nachzuvollziehen. Die besten Momente entstehen bezeichnenderweise oft dann, wenn Nina Hoss schweigt und man beobachten kann, wie Didier Eribon seine alte Mutter besucht und durch die Vorstadtödnis seiner Kindheit läuft oder einfach die Kathedrale von Reims in den Nachhimmel ragt. Das ist ein starkes Kino-, aber nicht unbedingt ein Theatererlebnis.

Das redliche Bemühen, dem Ganzen eine weitere Diskursebene einzuziehen, manifestiert sich in den Debatten, die Katy und der Regisseur darüber führen, ob man durch die Textauswahl die Überlegungen Eribons nicht verfälsche, zu didaktisch mache. Darf man etwa die Frage, warum so viele ehemalige Kommunisten in Frankreich für den Front National stimmten, mit Bildern von Graffiti-sprühenden Studenten "die so tun, als seien sie Anarchisten" bebildern? Ein Kritiker habe ihn mal "vielschichtig" genannt, verteidigt sich der Regisseur, das sei eben sein Stil.

Abgesehen von solch netten Momenten der Selbstironie und Verweisen auf aktuelle Ereignisse - der Machtkampf Rupert Murdochs mit der BBC, die G-20-Proteste in Hamburg - gelingt es der Produktion kaum einmal, klar zu machen, was sie an dramatischem Mehrwert gegenüber der reinen Eribon-Lektüre bietet. Vielleicht sind deshalb die letzten 20 Minuten dem Leben des Vaters von Nina Hoss selbst gewidmet, der Kommunist war, die Grünen mitgründete und für seinen Einsatz für den Regenwald von einem Indiostamm zum Ehrenhäuptling erkoren wurde. Hoss, die letztlich ganz aus der Kunstfigur heraustritt, trägt ihre Erinnerungen wie improvisiert vor - und man fragt sich, ob in dieser deutschen Biografie nicht vielleicht ein spannenderer Theaterabend gesteckt hätte.

Dass man sich auf die Apokalypse auch weniger kopflastig vorbereiten kann, beweist das Projekt "Party Skills for the End of the World": Die Theatertruppe Shunt Collective hat ein leer stehendes Universitätsgebäude in Salford übernommen, in dem man sich erst selbst Cocktails mischt und dann von Freiwilligen ein ziemlich durchgeknalltes Überlebenscoaching bekommt: Wie häute ich ein Kaninchen? Wie bringe ich eine Säge zum Singen? Wie baue ich ein Blasrohr? Wie erkenne ich, ob jemand lügt? Das Ganze endet nach einem Bombenalarm und einer Flucht durch finstere Gänge im Tiefgeschoss mit einem Rave und einer gut sortierten Bar. Das perfekte Katastrophentraining für Manchester, der Stadt der 24 Hour Party People.

© SZ vom 10.07.2017

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