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Künstlerin Cindy Sherman:Nicht bizarr genug

SZ: Selbst in Ihrer neuen Foto-Serie sehen die Frauen, die Sie darstellen, erheblich älter aus als Sie selbst. Erschreckend zum Teil. Wie bröckelnde Fassaden.

Sherman: Ja, manche sehen kalt aus, manche scheinen Angst zu haben, manche verstecken sich hinter einer Fassade des Glücks. Hinter einer Konvention.

SZ: Was sind das für Frauen?

Sherman: Sie haben viel erreicht. Aber sie haben auch viel dafür geopfert. Es sind intensive Persönlichkeiten, in gewisser Weise Borderline-Figuren. Und jetzt sind sie reich genug, um jemanden zu beauftragen, ein offizielles Porträt von ihnen anzufertigen. Das Resultat erinnert an Cartoons oder Karikaturen.

SZ: Kommt mir irgendwie bekannt vor. Bestimmte Porträts aus Luxus-Wohnzeitschriften zum Beispiel sehen so aus.

Sherman: Und auch im Internet habe ich viele dieser Gesellschafts-Porträts gefunden. Vor allem in Großbritannien werden diese Art Bilder gemacht. Diese Damen wissen, wie man sich benimmt. Sie schmeißen sich in Pose, als wollten sie sagen: Seht mal, wie toll ich bin. Sie versuchen Haltung zu bewahren, aber irgendwie dringen ihnen die Furcht und der Schmerz aus jeder Pore.

SZ:  Traurig.

Sherman: Ja, und als ich an der Serie arbeitete, fühlte ich mich auch nicht ganz wohl dabei. Weil ich dachte: Die sehen mir zu ähnlich. Die Frauen waren nicht bizarr genug. Darum habe ich die Bilder viel größer gemacht. Sie wurden dramatischer, großartiger.

SZ: Sodass sie fremdartiger wirken?

Sherman: Genau. Aber die Vergrößerung war auch ein Kommentar zum Kunstmarkt.

SZ: Allein die Vergrößerung?

Sherman: Ja, so viel Kunst in der letzten Zeit, die von Männern gemacht wurde, ist so riesig. Selbst New Yorker Künstler, die niemand kannte, schienen direkt aus dem Atelier fürs Museum zu arbeiten - jedenfalls, wenn man die Formate ihrer Arbeiten betrachtete.

SZ: Sie spielen auch auf Jeff Koons & Co. an?

Sherman: Ja. Das alles war wie gemacht für einen reichen Haushalt. Nur Reiche konnten sich diese Formate leisten.

SZ: Und jetzt kommen Sie und porträtieren genau diesen Typ von Sammler. Oder jedenfalls kulturaffine Frauen. Und zwar riesengroß.

Sherman: Und zwar genau aus diesem Grund. Haben Sie bemerkt, dass Künstlerinnen praktisch nie derart großformatig arbeiten?

SZ: Das kann sein. Von Niki de St. Phalle vielleicht abgesehen.

Sherman: Gut, das war eine Ausnahme. Aber sonst?

SZ: Glauben Sie denn, dass diese "Wer-hat-den-Größten"-Kunst vorbei ist? Jetzt, wo der Kunstmarkt heftig durchgeschüttelt wird?

Sherman: Oh ja. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass das nicht schon viel früher passiert ist. Wirklich. Es ist gut so.

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