Kommt ein Deutscher... Drei Witze mit Kraut

Jetzt ist er Stammgast der TV-Comedy-Diskussionsrunde "FAQ U" bei Channel4 und hat ein 20-minütiges Live-Programm, handgestoppt. Normalerweise, so die Faustregel im Business, braucht es zum Aufbau eines solchen Sets fünf Jahre. Wehns Agentin Joss Jones sagt: "Ich bin schon lange in dem Geschäft, aber so etwas wie Henning habe ich vorher noch nie gesehen."

Anders als viele deutsche Comedians sieht Henning Wehn sich nicht in einer Kabarett-Tradition. Er mag Helge Schneider und Gerd Dudenhöfer, selbst hatte er mit der deutschen Comedy-Szene nie etwas zu tun.

Nachdem er in Münster Betriebswirtschaft studiert und für Firmen in Deutschland "im Bereich Kundenzufriedenheit" gearbeitet hatte, zog er vor zwei Jahren nach London. Seinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund kann er auch hier nicht verleugnen. Über seinen deutschen Akzent sagt er: "Accent sells", über seine Fernsehauftritte: "TV ist immer ein Kompromissprodukt."

Auf der Bühne muss man keine Kompromisse machen. Bei einem Teil des Live-Programms beschleicht den deutschen Zuschauer daher ein etwas ungutes Gefühl: Da berichtet Wehn vom Großvater, der im KZ gestorben sei ... Pause..., "als er besoffen vom Wachturm fiel". Wie reagieren englischen Zuhörerschaften auf solche Witze?

Nazi-Witze aus der Anfangszeit

Die Studenten in Uxbridge bleiben indifferent. Einige Abende später, im Hinterzimmer des Pubs "Islington Tap" in Nord-London, wird herzlich gelacht, wenn Henning Wehn erzählt, eigentlich habe sich sein Großvater bei dem Sturz ja nur ein Bein gebrochen.

Seine Schuhe habe er nicht verkauft, die habe er ja später noch brauchen können. "Außerdem hat es damals ja genug herrenlose Schuhe gegeben." Beim Pub-Publikum kommt das an. Da bricht dieses auf "O" endende Lachen aus: "Hohoho, der traut sich aber was."

Hinterher klopfen ihm einige Zuschauer auf die Schulter: "Das war brillant, Kumpel." Andere fragen, wo er als nächstes auftritt. Man schätzt es, dass da einer offensiv mit Deutschland-Klischees umgeht, die in England vorherrschen; über politische Implikationen macht man sich wenig Gedanken.

Aber hat er nicht selbst den Eindruck, dass er mit solchen Nazi-Scherzen Grenzen überschreitet, die man besser in Ruhe lässt? "Ob ich damit zur Verharmlosung der Nazis beitrage?", fragt Henning Wehn zurück. "Möglicherweise, aber ich kann damit leben, solange es gut gemacht ist. Würden mir jetzt alle sagen: 'Das ist aber plump', wäre ich sehr betrübt."

Die Nazi-Witze seien die ersten gewesen, die er geschrieben habe, und "aus professioneller Sicht wäre es dumm, die ganz rauszuschmeißen". Man merke ja, dass eine Kunstfigur rede, und nicht er selbst.

"Wenn ich da sehr reaktionäre Sachen sage", meint Wehn, "und der Rest des Programms ist eher surreal, dann ist klar, dass ich persönlich eine Distanz zu dem Nazi-Material habe." Nazis seien nun mal das, womit Engländer Deutsche vor allem verbinden, "so frustrierend das ist".

"Du bist ein Faschist!"

Noch frustrierender ist ein Abend, der völlig danebengeht. Auch das passiert Wehn bisweilen. Der Comedy-Club "Up the Creek" in Maidstone, eine Zugstunde östlich Londons, gehört für Komiker zur obersten Liga. Entsprechend verwöhnt ist das zahlende Publikum, das auf schmalen, samtbezogenen Stühlchen vor der Bühne Platz nimmt.

Ein Conférencier heizt an, dann kommt Wehn als erster act auf die Bühne. Die Arztwitze werden noch einigermaßen goutiert, aber je länger Wehn spricht, desto mehr steigt der Lärmpegel im Saal. Als er anfängt, vom Großvater zu erzählen, wechseln die ersten zur Bar.

Die Heckler bleiben, um sich ein bisschen einzuschießen: "Hau ab!" und "Du bist ein Faschist!" sind die noch freundlicheren Zwischenrufe. Gegen Ende des Sets ist der Saal um ein Drittel leerer; die geblieben sind, unterhalten sich lautstark oder rufen "Fuck off!". Der Conférencier sagt: "Gleich sind wir wieder da mit noch mehr, naja, ausgezeichneter Comedy."

Henning Wehn gibt sich ungerührt. "Das ist nicht schön, aber es ist auch nur ein Auftritt. Da fehlt's halt an intellektueller Vorstellungskraft des Publikums." "Up the Creek" wird ihn trotzdem wieder buchen. Die Nazi-Scherze, hat Wehn beschlossen, haben nun "erst mal Pause". Er hat neues Material.

Darin fordert er die Engländer auf, statt die Welt zu umsegeln doch bitteschön erst mal ihre Straßen ordentlich zu fegen.