Kommentar zur Gebärmaschinen-Debatte Mutti im Container

Auf allen Kanälen hauen sich Mütter, Krippeneltern, Bischöfe und Patchworkhälften ihre Ideologien zur Kindererziehung um die Ohren. Bemerkenswert abstoßend findet unsere Autorin die neue Gebärmaschinen-Debatte im TV.

Von Evelyn Roll

Freie Meinungsäußerung für freie Bürger. Dieses hohe Recht soll selbstverständlich auch für Buchautorinnen mit exotisch steilen Thesen gelten, sogar für daheim das Kind hütende Ehefrauen von ehemaligen SPD-Vorsitzenden, die dessen neuer Linkspartei erklären wollen, warum Deutschland auf keinen Fall mehr Krippenplätze bekommen darf.

(Foto: Foto: Archiv/Scherl)

Jeder in einer offenen Zivilgesellschaft kann das von ihm bewusst oder auch nur zufällig gewählte Lebens- und Familienmodell selbstverständlich öffentlich vor sich hertragen als allein seligmachende Monstranz, solange er will und seine Bücher sich dabei gut verkaufen. TV-Diskussionen sind außerdem ja schon längst nicht mehr nur noch vorhersehbar und langweilig, sondern vor allem peinlich.

So flach wie fanatisch

Das Bemerkenswerte und bemerkenswert Abstoßende an der neuen deutschen Gebärmaschinen-Debatte ist ja auch gar nicht mehr, wie wenig es den Protagonisten und Lautsprechern in den Talk-Sendungen um Lösungen und Entwürfe für die Zukunft der zukünftigen Kinder geht und wie sehr sie bei diesem Thema so flach wie fanatisch nichts als ihre jeweils eigene Ideologie und ihren jeweils eigenen Lebensentwurf propagieren und verteidigen.

Es ist vielmehr diese kesselflickerhafte, niveaulose Derbheit und fundamentalistische Besessenheit, mit der sich jetzt auf allen Kanälen Mütter, Krippeneltern, Bischöfe, Patchworkhälften und andere Erziehungsberechtigte diese Ideologien und Lebensentwürfe als einzig mögliche um die Ohren hauen.

Die Moderatorin und Buchautorin Eva Herman beherrscht das alles inzwischen am besten. Andere üben noch: Auf keinen Fall den anderen ausreden lassen! Gedankengänge, die dem eigenen Mutter-Credo nicht entsprechen, immer schön für gemeingefährlichen, kinderbeschädigenden Schwachsinn erklären, wenigstens körpersprachlich, falls es tatsächlich gerade jemandem doch gelungen sein sollte, lauter zu sprechen als man selbst.

Augen verächtlich nach oben verdrehen, während ein anderer spricht. Die eigenen Fingernägel ostentativ und sehr gelangweilt betrachten, wenn wieder einmal ein Argument der Gegenseite nicht gefällt, oder sehr viel Luft überlegen aus dem Spitzmund schnauben: Pfff.

Ohne Distanz zu sich selbst. Ohne Disziplin. Ohne jedes Erkenntnisinteresse an den Überlegungen, Gedanken, Sorgen und Erfahrungen, die andere Menschen zum Thema haben. Ohne Rücksicht vor allem auf die Regeln, den Anstand, die Toleranz oder wenigstens die Manieren, die in Deutschland schon einmal als Standard galten, sogar im Fernsehen.

Schon mitten drin

Als säßen sie alle miteinander im Container. Als wollten sie den Kindern, um deren Wohl, Erziehung und Zukunft es doch angeblich geht, jetzt aber mal demonstrieren, wie öffentliches Debattieren zweihundert Jahre nach der Aufklärung in einer Kulturnation am Wendepunkt funktioniert und wie stilprägend das nachmittägliche Unterschichtfernsehen inzwischen in alle Lebensbereiche und Bildungsschichten hineingewirkt hat.

In England oder in anderen Hochkulturen, die sich noch nicht ganz aufgegeben haben, könnte ein Mensch die intelligenteste und plausibelste These der Welt in ein Buch geschrieben haben. Wenn er sie auf diese Art und Weise öffentlich vertreten würde im Parlament oder im Fernsehen, würde er rasch und endgültig disqualifiziert werden.

Bei uns dagegen wünscht man sich als entgeisterte Zuschauerin inzwischen höchstens von der Großen Koalition ganz schnell ganz viele neue Tageskrippen, schon allein damit die armen Kinderchen dieser bekennenden Berufsmütter nicht nur für die wenigen Talk-Show-Stunden der Umklammerung entzogen werden können.

Wer sich aber solche Die-Mutter-als-Schicksal-Überlegungen öffentlich genehmigt, das ist schon klar, der sitzt selbstverständlich selber auch längst mitten drin im Container.