Kommentar-Krieg im Axel-Springer-Verlag "Einer muss es ja machen"

Alan Posener, Kommentarchef der Welt am Sonntag, rechnet in seinem Blog polemisch mit der Doppelmoral des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann ab - angeblich ohne personelle Konsequenzen. Sein Text wurde zwar sofort gelöscht, aber im Netz unter anderem von BILDblog.de dokumentiert.

Von Christian Kortmann

Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis machen einen der härtesten Jobs im deutschen Journalismus: Sie lesen täglich aufmerksam Bild - von der ersten bis zur letzten Zeile, heute also von Dieter Bohlens "A....loch" auf Seite 1 bis zur OUT-Liste auf der letzten Seite: "Herzlos-Busfahrer, die einem direkt vor der Nase die Türen zumachen und losbrausen."

"Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt." - Kann er doch: "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.

(Foto: Foto: rtr)

Doch damit nicht genug: Auf ihrer Website BILDblog.de gehen die Medienjournalisten hanebüchen erscheinenden Artikeln nach und weisen Bild regelmäßig handwerkliche Fehler und mutwillige Faktenverdrehungen nach. Dafür wurden sie 2005 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Jetzt hat ihre aufmerksame Lektüre der Publikationen aus dem Springer-Verlag personelle Verwerfungen innerhalb des Hauses aufgedeckt: Kai Diekmann, Bild-Chefredakteur und einer der prominentesten Köpfe des Verlages, ist von Alan Posener, Kommentarchef der Welt am Sonntag, in dessen Blog auf www.welt.de unter dem Titel "Wir sind Papst!" scharf, treffend und polemisch kritisiert worden.

"Um 8.18 Uhr am Mittwochmorgen bekamen wir den Hinweis", sagt Christoph Schultheis, "da stände etwas Interessantes auf welt.de, das wir uns mal ansehen sollten." Wenig später wurde Poseners Beitrag vom Onlineportal der Zeitung entfernt, aber da hatten sie bei BILDblog schon die Copy- & Paste-Taste gedrückt.

Auslöser von Poseners Polemik ist Kai Diekmanns angekündigtes Buch "Der große Selbstbetrug", in dem der Bild-Chef die 68er für heutige gesellschaftliche Missstände verantwortlich macht: "Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren."

Alan Posener setzt Diekmanns großsprecherische Worte in Bezug zu seinem Tun und erkennt eine gewisse Doppelmoral: "Ah ja, klar. (...) Die 68er haben K.D. gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts 'bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer' zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen."

In der Sache ist die Kritik nicht neu, spätestens seit Günter Wallraffs investigativer Bild-Recherche "Der Aufmacher" im Jahre 1977 weiß man, mit welchen Geschäftspraktiken Bild arbeitet, sich Informationen beschafft, Fakten zweckdienlich zurichtet und dabei auch vor Kampagnen gegen unliebsame oder unkooperative Individuen nicht zurückschreckt - siehe den jüngsten Fall Charlotte Roche.

Bild: Ungeliebt aber erfolgreich

Nein, höchst erstaunlich ist der Ort für diese Kritik, über die man sich nicht gewundert hätte, wäre sie in der taz erschienen. In der Tat gleicht der Tenor von Poseners Polemik verblüffend der Bild-Kritik von Gerhard Henschel, die dort vor einiger Zeit zu lesen war und die er dann furios in seinem Buch "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung" wiederholte.

Dass eine polemische Attacke gegen Diekmann nun aber im verlagseigenen Online-Debattierforum von einem eigenen Mitarbeiter erscheint, dürfte die meisten bei Springer überraschen. Man veröffentlicht zwar schon eine virtuelle Tageszeitung im Online-Rollenspiel Second Life, jetzt aber lernt man die meinungsstarke Online-Kommentarkultur am eigenen Leibe kennen: In einem Printmedium wäre Poseners so ehrlicher wie wahrer Text niemals erschienen, da hier immer noch die Sicherheitssysteme eines mäßigenden Redigats greifen.

Schon Axel Springer bereitete die Bild-Zeitung mitunter körperliche Schmerzen, das überliefert die Legende. Auch Springer-Chef Mathias Döpfner, der sich gerne als Intellektueller und soignierter Mann von Welt gibt, lässt hin und wieder durchblicken, dass Bild ein ungeliebtes, aber eben sehr erfolgreiches Kind des Hauses ist.

Bohlen und Papst in Personalunion

Offene Kritik à la Posener ist dennoch nicht erwünscht: Personelle Konsequenzen solle es zwar keine geben, hieß es am Mittwochabend aus dem Verlag. Doch die Axel Springer AG sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen und verurteilte Poseners Beitrag als "höchst unkollegiale Geste". Auch Springer-Chef Mathias Döpfner missbilligte die Meinungsäußerung des WamS-Kommentarchefs.

Dabei hat Alan Posener in einer semantisch nah am Gegenstand befindlichen Metaphorik dargelegt, worin Kai Diekmanns und damit auch das logisch-existenzielle Problem des gesamten Springer-Verlages besteht: "Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man [bei Bild] Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?"

Bleibt abzuwarten, ob Alan Posener solche schönen Sätze nochmal in einem Springer-Medium schreiben darf. In den biografischen Angaben auf seinem Blog gibt Posener den lebensbejahenden Optimisten: "Er hat eine wunderbare Frau, eine umwerfende Tochter und einen großartigen Schwiegersohn, zwei ausgebuffte Katzen und ein sehr schönes Reihenhaus, die Arbeit macht Spaß, und wenn es nach ihm ginge, könnte alles immer so weitergehen."

Wir dokumentieren im Folgenden die Recherche von BILDblog.de:

"Der große Selbstbetrug" von Kai Diekmann

"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann hat ein Buch angekündigt. Unter dem Titel "Der große Selbstbetrug" schreibt er darin u.a.: "Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren."

Alan Posener, Kommentarchef der "Bild"-Schwesterzeitung "Welt am Sonntag", antwortet Diekmann auf "Welt Debatte" mit beißender Ironie: "Ah ja, klar. (...) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts "bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer" zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. (...) Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift. (...) Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man [bei "Bild"] Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?"

Nachtrag, [Mittwoch] 11.47 Uhr: Der Beitrag von Alan Posener wurde offenbar aus dem Angebot von "Welt Online" entfernt.

Nachtrag, 15.30 Uhr: Der Autor Alan Posener sagte auf unsere Frage nach dem Verbleib des Textes, er wolle sich dazu nicht äußern und bat dafür um Verständnis.

Nachtrag, 16.55 Uhr: Auf Nachfrage erhielten wir von der Springer-Pressestelle folgende "Stellungnahme der Axel Springer AG zum Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann": "Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden. Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur. Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen."

Laut Absatzwirtschaft Online missbilligt Springer-Chef Mathias Döpfner die Äußerungen Poseners.

Nachtrag, 18.40 Uhr: Auf Kress.de (nicht frei online) heißt es unter Berufung auf einen Springer-Sprecher, der Vorgang werde für Posener "keine personalrechtlichen Konsequenzen" haben.

Nachtrag, 10.5.2007: Peter Schink, Leiter der Produktentwicklung von "Welt Online", kommentiert den Fall in seinem privaten Weblog "Blog Age" und schreibt: "Doch was sollte mit der Löschung des Postings bezweckt werden? Wenn der Zweck war, ein deutliches Statement abzugeben, dass Welt-Autoren nichts böses über Bild schreiben dürfen, hat es funktioniert. (...)"