Körperteile in Song-Texten Wieviel Po steckt in Pop?

Im Hip-Hop geht es ganz klar um das Hinterteil, die Rocker besingen die Augen und ein Gospelsänger die Hände. Klatschen statt Fummeln: Künstler zählen Körperteile in Poptexten.

Von J.-C. Rabe

Von Keith Richards gibt es die Geschichte, dass er auf Fragen zu Songwriting und Inspiration der Rolling Stones gerne antwortet, dass sie ihn umschwirren, die Songs, und er im Grunde nichts zu tun habe, als sie aus der Luft zu greifen. Tatsächlich, heißt es meistens weiter, greift er dann während des jeweiligen Gesprächs zur Wodkaflasche, um seinen Orangensaft etwas aufzufüllen.

Beugt sich nochmal ganz tief runter: Keith Richards mit den Rolling Stones im Münchner Olympiastadion.

(Foto: Foto: ddp)

Alles Flüchtige scheint bei dem Mann also vorerst doch recht, nun ja, handfest geerdet. Wenn stimmt, was das neue Projekt "Listen" (www.fleshmap.com/listen) von Fernanda Viégas und Martin Wattenberg ergeben hat, dann gilt das, wenigstens was die Texte betrifft, nicht nur für die Rolling Stones.

Die Arbeiten der beiden Künstler und Wissenschaftler, die hauptberuflich für den Computer-Konzern IBM forschen, drehen sich um die Visualisierung von Daten und waren schon im New Yorker Museum of Modern Art, oder dem Londoner Institute of Contemporary Arts zu sehen. Diesmal haben sie die Texte von 10000 Popsongs ausgewertet und herausgefunden, welche Körperteile in den Songtexten welcher Musik-Genres am häufigsten vorkommen.

Häufiger als die Hände werden demnach nur die Augen erwähnt. Im Gospel und Blues liegen sie sogar knapp an erster Stelle. Angesichts der Affinität des Gospels zum Klatschen (Wie sonst den Lord vernünftig preisen?) und des Blues zum Raufen (Lass bloß die Finger von mir!) verwundert das natürlich nicht wirklich. Genauso wenig wie der erste Platz des Hinterns im Hip-Hop, genauer selbstverständlich: des Arsches. In bemerkenswerten 23,64 Prozent aller ausgewerteten Hip-Hop Songs fiel das böse Wort "ass".

Heavy Metal erschreckend brav

Überhaupt zeigt sich das Genre allen Vorurteilen entsprechend betont unkeusch. Nirgends sonst spielen Körperteile eine so große Rolle und auch nirgends sonst findet sich eine so große Vielfalt an Begrifflichkeiten. Allein sechs für das männliche Geschlechtsteil in unterschiedlichen Lagen. Die sekundären weiblichen Geschlechtsteile finden dafür auffallend wenig Beachtung. In nicht einmal zwei Prozent der Songs kommt einschlägiges Vokabular zur Verwendung. Die primären weiblichen Geschlechtsteile dagegen zählen im Hip-Hop natürlich zum ordnungsgemäß provokanten Grundwortschatz.

Die übrigen Genres von Folk über Electronica und R'n'B bis Heavy Metal erweisen sich im Vergleich als erschreckend brav. Augen, Hände, Arme, Kopf und Gesicht - sehr viel mehr gibt es da nicht. Haben Fernanda Viégas und Martin Wattenberg die Pop-Prosa entzaubert? Wenn das überhaupt nötig war, dann haben sie es wohl geschafft. Über ihre Songauswahl erfährt man freilich nichts.