Kino:Der Skywalker

Lucas macht sich an die Arbeit. Und schnell gerät die Sache außer Kontrolle. Er entdeckt den Mythenforscher Joseph Campbell, der zeitlose Konstanten in den großen Erzählungen der Menschheit aufgespürt hat, vom Gilgamesh-Epos über die Edda bis zur Bhagavad-Gita. Die konkreten Erkenntnisse sind simpel: Es gibt furchtlose Ritter und Prinzessinnen, und es geht generell um Gut gegen Böse.

Kino: Für gute Filme wartet man auch schon einmal länger als eine halbe Stunde vor dem Kino. Ein "Star Wars"-Fan, Wochen vor dem Filmstart.

Für gute Filme wartet man auch schon einmal länger als eine halbe Stunde vor dem Kino. Ein "Star Wars"-Fan, Wochen vor dem Filmstart.

(Foto: Foto: dpa)

Auch Hippie-Literatur wie Carlos Castaneda inspiriert ihn, da findet er zum Beispiel eine "Life Force", die in seinem Script als "Force" wieder auftaucht. Zeitweise treibt ein Kristall die Handlung voran, eine Art Heiliger Gral der Galaxis, dann verschwindet er wieder. Aus einem innerlich zerrissenen Schamanen werden zwei Figuren (Obi-Wan Kenobi und Darth Vader), der jugendliche Held heißt erst Annikin Starkiller, dann Luke Skywalker.

Schließlich hat Lucas, nach zweieinhalb Jahren Arbeit, ein wirres Papierkonvolut von unverfilmbarer Länge, und trifft eine harte Entscheidung: Die komplette Vorgeschichte muss weichen, genauso wie der zweite und dritte Akt. Was bleibt, ist ein eher gradliniges Abenteuer: Dunkles Imperium vs. unerschrockene Rebellen, Kampf trotz drückender Unterlegenheit, am Ende ein schöner kleiner Etappensieg.

1976: Niemand mag das Skript

Wieder hat Lucas, und diesmal eher aus Versehen, alles richtig gemacht - der Rest der Geschichte, Stoff für insgesamt sechs Filme, lagert nun in seiner Schublade. Hätte man ihm damals erklärt, dass es mal seine Lebensaufgabe sein wird, dieses Epos nun Stück für Stück weiterzuspinnen, er hätte müde gelächelt.

Denn die Sache ist 1976 die: Niemand mag das Script. Niemand versteht den Plan. Erzähl' eine persönlichere Geschichte, rät Francis Ford Coppola, der inzwischen mit dem "Paten" berühmt wurde. Mach etwas künstlerisch Wertvolles, so wie deine Freunde, drängt Ehefrau Marcia. Das Problem ist: "Star Wars", findet Lucas, ist eine persönliche Geschichte, und auch sei sein Vorhaben, alles in allem, künstlerisch wertvoll.

Bei den Dreharbeiten, aus Kostengründen in die Elstree Studios nahe London verlagert, klappt erst einmal nichts. Hauptdarsteller Harrison Ford, gerade von einem Dasein als Aushilfsschreiner errettet, muckt auf und schimpft über die Dialoge, "die kein Mensch wirklich sprechen kann". Carrie Fisher als Prinzessin Leia sieht nicht ein, warum sie ihre Brüste mit Klebeband fixieren muss, schließlich sind dies doch die freizügigen Seventies.

Die Action-Szenen findet sogar er selber lächerlich

Die Action-Szenen, bei denen ständig geballert, aber nie einer getroffen wird, kommen Lucas sogar selbst lächerlich vor, und sarkastische englische Crew-Mitglieder machen kein Hehl daraus, dass sie das ganze Unternehmen für totalen Schwachsinn und für das schlechteste B-Movie halten, das je von englischem Boden ausging.

Restlos deprimiert kommt Lucas nach Drehschluss zurück nach Amerika und bittet seine Frau, eine begehrte Cutterin in Hollywood, wenigstens beim Schnitt zu helfen. Sie legt halbherzig los, nur um beim ersten spannenden Angebot (Martin Scorseses "New York, New York") Lebewohl zu sagen.

Das sind Widernisse, die auch den härtesten Mann entmutigen, aber für Lucas gibt es nun kein Zurück mehr. Er muss das Ding durchziehen. Was noch einmal in verschärftem Maß für die Spezialeffekte gilt: Bisher ist davon fast nichts zu sehen. Weil praktisch niemand mehr an Spezialeffekte glaubt, gründet Lucas eine eigene Firma namens "Industrial Light and Magic" (ILM).

Ein paar bärtige, langhaarige Nerds sollen es retten

Ein paar bärtige und langhaarige Nerds sitzen nun in einer Lagerhalle im hässlichsten Teil von Los Angeles, die Halle ist mit Geräten im Wert von fünf Millionen Dollar ausgestattet. Dafür fordert Lucas nun Luftkämpfe im Weltall, wie man sie noch nie gesehen hat, Raumschiffe schnell wie der Schall.

Ein Wunsch, für den die bisherige Technik keine Lösungen bietet, man kennt nur die ruckligen Stop-Motion-Bewegungen von, sagen wir: "King Kong" anno 1933. Alles muss neu gemacht werden, und zwar von Hand. Ein erster selbstgebauter Computer überwacht zwar die Bewegungen der Effektkamera, aber ditigale Bilder sind noch undenkbar.

Als die Technik schließlich gemeistert ist und in der Tat erstaunliche Bilder produziert, verlangt sie endlos lange Belichtungsprozesse, bei denen Dutzende von Ebenen Bild für Bild übereinander kopiert werden müssen. Die Printer arbeiten bis zur letzten Sekunde, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Es gibt keine Rettung mehr: Was immer sie produzieren, es muss noch in den Film.

Dann kommt die erste Vorführung für Freunde, noch ohne die Weltraumschlachten. Brian De Palma, Steven Spielberg, Willard Huyck und Gloria Katz - ein Autorenehepaar, das beim Script ausgeholfen hat - sind dabei. Martin Scorsese taucht auch auf, ist dann aber zu nervös, um sich die Sache anzuschauen. Auch Studiochef Alan Ladd, der Mann, der an Talente glaubte, riskiert einen ersten Blick.

Das Licht geht an - seine Frau weint: "grauenvoll!"

Am Ende geht das Licht wieder an, und es herrscht überaus betretenes Schweigen. "Der Film ist grauenvoll!", schluchzt Lucas' Ehefrau Marcia. Sie heult los. Der Studioboss schaut befremdet. "War doch für Kinder gedacht", wiederholt Lucas immer wieder. "Er wird acht, zehn Millionen einspielen, das wird kein Verlust!" Es klingt wie eine Beschwörungsformel, aber in diesem Moment glaubt er selbst nicht mehr daran.

Hinterher, beim Dinner, legt Brian De Palma los: Er verhöhnt "The Force", was in seinen Ohren wie "The Fart" (Der Furz) klingt. Er lacht über die Schrift am Anfang: was für ein Nonsens, sieht aus wie auf den Highway gekachelt. Diese albernen Konservendosen-Roboter, dieser Jedi-Bendu-Irrsinn, das alles wird kein Mensch verstehen! Lucas ist aschfahl, notiert aber mit.

Die anderen stimmen De Palma zu, gemeinsam versuchen sie, die Einführung umzuschreiben. Nur einer ist sonderbar optimistisch: Spielberg. Der Film, prophezeit er, werde 100 Millionen Dollar einspielen und damit ein phänomenaler Erfolg. Nur sein eigener Rekord vom "Weißen Hai", der sei wohl nicht zu schlagen. Alle halten nun auch ihn, Spielberg, für einen Volltrottel.

Wie konnten sie alle so blind sein?

Konnte man damals, wenn man nicht Spielberg war, wirklich so blind sein? Das fragt man sich heute, weil dieser erste "Star Wars"-Film so selbstverständlich erscheint, fast wie ein Familienalbum, eine kollektive Erinnerung an die eigene Jugend.

Wenn Luke Skywalker in die Ferne schaut, wo die beiden Sonnen seines Heimatplaneten Tatooine untergehen, wenn er am äußersten Rand der Galaxis steht und sich fragt, ob er jemals dieser trostlosen Langeweile entkommen wird - steht er da nicht an einem Punkt, an dem jeder Teenager einmal steht?

Diese Lust am Verkleiden, bei der man die Verkleidung noch durchschauen kann, die Lust an endlosen Schlachten, bei denen nur selten jemand sterben muss, die Lust, in seltsamen Phantasiesprachen zu reden oder affektierte Akzente zu imitieren, hochtrabende und unumstößliche Weisheiten von sich zu geben - all' das ist direkt mit dem Wesen des Kindheit verbunden und von jeher in der Imagination der Zuschauer verankert.

Damals, in den coolen, wütenden, drogenumnebelten siebziger Jahren, muss dieses Wissen eine Zeit lang verloren gegangen sein. Auch George Lucas weiß am Ende gar nichts mehr - nur, dass er fertig ist, keine Kritik mehr hören kann, nichts mehr tun und mit niemandem mehr reden will. In den letzten Tagen vor dem Start lässt er den Dingen ihren Lauf.

Abendessen mit einer Überraschung

Er bucht einen Urlaub auf Hawaii und geht nach Monaten voller Erschöpfung, Krankheit und Entfremdung, mal wieder mit seiner Frau unspektakulär essen.

So sitzen sie vor ihren Hamburgern auf dem Hollywood Boulevard. Und sehen plötzlich sehr viele Menschen gegenüber, vor dem Mann's Chinese Kinotheater. Merkwürdig viele Menschen. Genau betrachtet sind es Tausende, und ja, der Verkehr liegt lahm. Was da wohl los ist? fragen sich George und Marcia, aber sie kommen nicht darauf. Erst als sie das Restaurant verlassen, sehen sie in großen Lettern über dem Kino: "Star Wars".

Und die Menschen, die davor in langen Schlangen um den Block herum stehen, sie ahnen es bereits: Etwas Großes hat begonnen, etwas sehr Großes. Ein Phantast, ein kindlicher Dickkopf, ein vor allem unbeirrbarer Autorenfilmer hat seine Bestimmung gefunden.

© SZ vom 23.4.2005
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