Junge Choreografen:Vier Temperamente

Junge Choreografen: Socken oder Schläppchen statt Spitzenschuh: Die jungen Choreografen nehmen sich stilistische Freiheiten.

Socken oder Schläppchen statt Spitzenschuh: Die jungen Choreografen nehmen sich stilistische Freiheiten.

(Foto: Wilfried Hösl)

Die jungen Männer, die im Prinzregententheater einen Ballettabend mit Uraufführungen bestücken und sich so öffentlich ausprobieren, sind allesamt Tänzer, bringen aber bereits Erfahrung als Choreografen mit.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Zum Ende der Spielzeit setzen sie nicht selten den Schlussakkord an den Spartenhäusern: Mal zagend, mal dissonant, mal selbstbewusst, loten die Protagonisten dabei die meist unerforschte Klaviatur ihrer Möglichkeiten aus. Die Rede ist von den Abenden junger Choreografen als variable Größen im Repertoire. Sie sind bei den Machern vor allem deshalb so beliebt, weil sie zumeist Tänzern aus dem eigenen Haus die Chance bieten, sich öffentlich als Choreografen auszuprobieren. Die Kosten bleiben überschaubar, da man ja mit Bordmitteln ein volles Programm bestreitet und dabei auch noch, für alle Welt sichtbar, Ensemblepflege betreibt.

Staatsballettchef Igor Zelenksy hält das Risiko klein. Für den "Ballettabend - Junge Choreografen" im Prinzregententheater hat er vier junge Männer zwischen 23 und 30 Jahren ausgewählt, deren bisherige, offenbar vielversprechende Arbeiten er bereits kennt. Die Tänzerinnen und Tänzer für ihre maximal halbstündigen Stücke konnten sich diese bei Workshops aussuchen - soweit das die Proben für die Premiere von Christian Spucks "Anna Karenina"-Ballett im November zuließen.

Ob wohl auch wenigstens eine Frau zur Debatte stand? Im Quartett der Erwählten jedenfalls findet sich keine Choreografin. Das scheint wieder einmal zu bestätigen, dass es offenbar keine Frau mit genügend Potenzial und der Lust dazu gibt, für ein großes Ballettensemble zu choreografieren. Die Amerikanerin Aszure Barton, die auch fürs Bayerische Staatsballett zwei erfolgreiche Stücke kreierte, bleibt wohl die Ausnahme. In Deutschland zumal, so viel ist sicher, gibt es bis heute, 21 Jahre nach deren Tod im Jahr 1996, niemanden, der die große Opernregisseurin und Choreografin Ruth Berghaus beerbte.

Vier Männer - vier Temperamente. Der Schweizer Benoît Favre - das Ensemblemitglied des Zürcher Balletts ist mit 23 der Benjamin im Kreativ-Kleeblatt des Ballettabends - erscheint als bedächtig, grüblerisch und in sich gekehrt, während er immer neue Körperverschlingungen für einen Pas de deux aus seinem Stück "Out of Place" ausprobiert. Die Choreografie entsteht an und mit den Tänzern. Hier sind es Séverine Ferrolier und Matej Urban, zwei erfahrene Solisten des Bayerischen Staatsballetts, vertraut mit allen denkbaren Tanzstilen dank des vielfältigen Repertoires unter Ivan Liška. Favre taut schnell auf im Gespräch und erzählt, dass er schon als Kind choreografierte: "Ich wollte immer kreativ sein", sagt er. Später hat er sich, noch in der Schule, seine Soli für Tanzwettbewerbe auf den Leib choreografiert und findet bis heute: "Das Spannendste ist immer das Kreieren."

Dem stimmt Dustin Klein (siehe Interview links) begeistert zu. Der Halbsolist ist der einzige Choreograf aus dem hiesigen Ensemble. Total offen kommt einem der Dreißigjährige, eine anscheinend durch nichts zu erschütternde Frohnatur, entgegen. Er ist längst dabei, sich als Choreograf zu etablieren, hat bereits 2015 ein Stück für die Junior Company kreiert. Sechs Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Ecken der Welt hat er nun in seinem neuen Stück "Mama, ich kann fliegen" darauf eingetaktet, Elemente ihrer Heimat in ihre Soli einzubringen. Ermutigt zu ersten choreografischen Versuchen wurde der gebürtige Landsberger von Kurt Tykwer, dem Vater des Filmemachers Tom Tykwer, nachdem er einen Film über Pina Bausch gesehen hatte. "Ich habe gleich Blut geleckt und bin mittlerweile ganz heiß drauf", sagt Dustin Klein über den kreativen Prozess im Ballettsaal. Mit der gleichen alerten Lässigkeit, mit der er an die Arbeit geht, unterläuft er in seinem Flugtraum Hierarchien, wie sie nicht nur in einer Ballettkompanie gang und gäbe sind: Auf seinem Spielplatz für sechs Tänzerinnen und Tänzer sind alle gleich - und gleich frei.

Die Initialzündung war ein Theaterabend, der auf ihn wie ein Schock wirkte

Die Freiheit der Tanzenden ist auch bei Andrey Kaydanovskiys Stück "Discovery" für neun bis elf Tänzer größer als sonst. Denn der gebürtige Russe, der klingt, als wäre er nie aus Wien heraus gekommen, geht als reflektierter, akribischer Planer sonst mit einem fertigen Konzept in den Ballettsaal. Diesmal entwickelt er das Bewegungsmaterial am lebenden Tänzerkörper. Der bleiche Dreißigjährige mit dem verträumten Blick, der seit zehn Jahren beim Wiener Staatsballett engagiert ist, sagt über seine Choreografen-Zweitexistenz: "Die Nachfrage ist da." Die Initialzündung für die Bühnenkunst war ein Theaterabend, der auf den damals 14-Jährigen wirkte wie ein Schock. Da erfuhr er das erste Mal, "wie spannend das ist, was sich da für Welten auftun". Also Tanztheater? "Mehr Tanz, mehr Theater", lautet die prompte Antwort Kaydanovskiys, der offenbar als Einziger der Vier eine Vorliebe fürs Erzählerische hegt.

Bleibt noch ein unbeschriebenes Blatt - der Russe Anton Pimonov, der bereits vier große Stücke herausgebracht hat.

Ballettabend - Junge Choreografen, Freitag, 30. Juni, Samstag, 1. Juli, je 20 Uhr, 2. Juli, 18 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12

© SZ vom 14.06.2017
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