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Jürgen Habermas:"Keine Demokratie kann sich das leisten"

In der vergangenen Woche legte die Zeit noch einmal nach und spricht von einem "Kampf von Finanzmanagern der Wall Street gegen die Presse der USA". Was steht hinter solchen Schlagzeilen? Offenbar die Befürchtung, dass die Märkte, auf denen sich nationale Zeitungsunternehmen heute behaupten müssen, nicht der doppelten Funktion gerecht werden, die die Qualitätspresse bisher erfüllt hat: die Nachfrage nach Information und Bildung hinreichend gewinnträchtig zu befriedigen.

Der bevormundete Leser?

Aber sind denn höhere Renditen nicht eine Bestätigung dafür, dass "gesund geschrumpfte" Zeitungsunternehmen die Wünsche ihrer Konsumenten besser befriedigen? Verschleiern vage Begriffe wie "professionell", "anspruchsvoll" und "seriös" nicht nur eine Bevormundung erwachsener Konsumenten, die wissen, was sie wollen? Darf die Presse unter dem Vorwand von "Qualität" die Wahlfreiheit ihrer Leser beschneiden? Darf sie ihnen spröde Berichte statt infotainment aufdrängen, sachliche Kommentare und umständliche Argumente statt entgegenkommender Inszenierungen von Ereignissen oder Personen zumuten?

Der in diesen Fragen unterstellte Einwand stützt sich auf die ohnehin kontroverse Annahme, dass Kunden nach eigenen Präferenzen selbständig entscheiden. Diese vergilbte Schulbuchweisheit ist im Hinblick auf den besonderen Charakter der Ware "kulturelle und politische Kommunikation" mit Sicherheit irreführend. Denn diese Ware stellt die Präferenzen ihrer Abnehmer zugleich auf den Prüfstand und transformiert sie.

Leser, Hörer und Zuschauer lassen sich, wenn sie die Medien nutzen, gewiss von verschiedenen Präferenzen leiten. Sie wollen sich unterhalten oder ablenken, über Themen und Vorgänge informieren oder an öffentlichen Diskussionen teilnehmen. Sobald sie sich aber auf kulturelle oder politische Programme einlassen, zum Beispiel den von Hegel gepriesenen "realistischen Morgensegen" der täglichen Zeitungslektüre empfangen, setzen sie sich - gewissermaßen auto-paternalistisch - einem Lernprozess mit unbestimmtem Ausgang aus.

Im Verlaufe einer Lektüre können sich neue Präferenzen, Überzeugungen und Wertorientierungen ausbilden. Die Metapräferenz, von der eine solche Lektüre gesteuert ist, richtet sich dann auf jene Vorzüge, die sich im professionellen Selbstverständnis eines unabhängigen Journalismus ausdrücken und das Ansehen der Qualitätspresse begründen.

TV als "Toaster"

An diesen Streit über den besonderen Charakter der Waren Bildung und Information erinnert der Slogan, der seinerzeit in den USA bei der Einführung des Fernsehens die Runde machte: Dieses Medium sei auch nur "ein Toaster mit Bildern". So meinte man, die Herstellung und den Konsum von Fernsehprogrammen getrost allein dem Markt überlassen zu können. Seitdem stellen Medienunternehmer für Zuschauer Programme her und verkaufen die Aufmerksamkeitsressourcen ihres Publikums an Auftraggeber von Werbeeinlagen.

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