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Jubiläum:Der letzte Crooner

Der amerikanische Jazz-Sänger und Entertainer Anthony Dominick Benedetto alias Tony Bennett, der letzte der ultra-souveränen rauchenden Profi-Rauner im Smoking, wird 90.

Von Marcel Anders

Vielleicht zuerst ein paar Zahlen, weil man auf dieser Seite des Atlantiks mit den Dimensionen des uramerikanischen Casino-Entertainments der Fünfziger- und Sechzigerjahre ja doch nicht ganz so vertraut ist. Und weil einem womöglich Namen wie Dean Martin und Frank Sinatra näher sind: 70, 50, 19 und 1. Tony Bennett also hat von seinen mehr als 70 Alben mehr als 50 Millionen Exemplare verkauft und 19 Grammys gewonnen - und vor zwei Jahren mit Ende 80, Lady Gaga und ein paar alten Jazz-Standards sogar noch einmal ein Nummer-eins-Album hingelegt: "Cheek To Cheek". Mit seinen nun 90 Jahren ist Bennett unzweifelhaft der letzte große alte Crooner, der letzte der ultra-souveränen rauchenden Profi-Rauner im Smoking, wie es sie schon deshalb nie mehr geben kann, weil man nicht mehr rauchen darf.

Legendary singer Tony Bennett turns 85

Tony Bennett wurde 1926 als Sohn eines Lebensmittelhändlers in New York geboren. Er war als GI in Deutschland, seine Karriere begann er als singender Kellner.

(Foto: dpa)

In den Siebziger- und Achtzigerjahren lief es nicht so gut, das Übliche: Drogenprobleme, Insolvenz und so weiter. Doch mit Ende 60 kam er als Altmeister zurück, der für eine andere, bessere Zeit steht und unbeirrt auf Jazz und Swing setzt. Journalisten lädt er seither gern zu sich nach Hause in sein New Yorker Apartment an der 59. Straße ein, das er mit seiner dritten Frau Susan bewohnt und das mit einer eindrucksvollen Sammlung von Büchern, Schallplatten, Fotos und sonstigen Devotionalien aus seiner 70-jährigen Karriere bestückt ist. Außerdem stehen Leinwände, Farben, Pinsel und Staffeleien herum vor dem Panoramablick über den Central Park. Und wenn man dort so neben ihm steht und guckt, dann wird wirklich noch der schlichteste Satz zur Weltweisheit: "Bislang war mein Geburtstag immer an einem einzigen Tag des Jahres, aber jetzt gratulieren mir die Leute schon seit Januar und ständig schenkt mir irgendwer einen Kuchen." Oder: "Einer meiner besten Freunde, der vor zehn Jahren gestorben ist, hat mal gesagt: ,Meine Idee von einem Ausflug aufs Land ist ein Spaziergang im Central Park'." Ach, the Tony.

Und wenn man das Geld hätte, dann hätte man in dem Moment sogar eines dieser Landschaftsbilder und Stillleben gekauft, die er seit den Sechzigern mit Wasserfarben und unter seinem echten Namen Anthony Dominick Benedetto anfertigt. Aber die sollen längst um die 80 000 Dollar kosten. Vor Kurzem hat sogar das Smithsonian Institut in Washington eines der Gemälde erworben. Es hängt nun im American Museum Of Paintings.

Wie heißt sein Lieblingssong gleich noch mal? Klar: "The Best Is Yet To Come"

Seltene Gnade im Showgeschäft: Der Mann wird offenbar nicht älter, sondern besser. Also verwaltet Tony Bennett das Erbe des Great American Songbook, das Erbe von Gershwin, Porter, Mancini, Mercer, Ellington, Rogers & Hammerstein einfach immer weiter.

Und wie lange noch? Na, so lange natürlich, wie die Konzerte ausverkauft sind. Am 12. August zum Beispiel in Detroit und am 13. in Highland Park. Denn wie hieß sein Lieblingssong gleich wieder? Klar: "The Best Is Yet To Come". Weshalb nun zum Schluss - ach, der Central-Park-Blick ist schon famos - noch eine kleine persönliche Einladung erfolgt: "Sie müssen nach Astoria, in mein altes Viertel, 20 Minuten von Manhattan. Da ist das Restaurant ,Piccolo Venezia'. Wenn Sie dort sagen, dass Sie ein Freund von mir sind, wird man Sie wunderbar behandeln. Und wenn Sie das nächste Mal in der Stadt sind, rufen Sie mich an. Sollte ich nicht unterwegs sein, gehen wir zusammen aus."

© SZ vom 03.08.2016

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