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Jonathan Littells Roman: "Die Wohlmeinenden":Die Bosheit der Toten

Ein SS-Mann reflektiert über das Töten in großem Ausmaß. Denn für jede Abscheulichkeit gibt es eine Schublade: Mord und Massenmord in Jonathan Littells Roman "Die Wohlmeinenden".

Georg Klein

Der SS-Mann lebt. Über ein halbes Jahrhundert nachdem die Angehörigen dieser Organisation endgültig aus den von Blut, Schweiß oder Bürostaub befleckten Ärmeln geschlüpft sind, ist ihre Uniform weltweit bekannter denn je.

Jonathan Littell lässt seinen Roman-Helden Aue von grausamen Bluttaten berichten.

(Foto: Foto: dpa)

Als Figuren, die man global auf Anhieb erkennt, stapfen die Hochgestiefelten und Schwarzgewandeten durch Filme, Comics und Romane. So wundert es mich weder als Leser noch als Autor, dass seit über einem Jahr ein ehemaliger SS-Offizier in einem preisgekrönten, französischen Bestseller "je" sagt und demnächst, nämlich Ende nächster Woche, in der deutschen Übersetzung auf fast vierzehnhundert Seiten "ich" sagen darf.

Wer sich hierzulande auf Jonathan Littells Roman "Les Bienveillants / Die Wohlmeinenden" einlässt, ist zudem von der Zeitgeschichte in Kenntnis gesetzt, worum es geht. Sobald ein SS-Mann erzählt, muss zwangsläufig von Mord und Totschlag in großem Ausmaß die Rede sein, von der bürokratisch aufwendig organisierten und technologisch neuartig durchgeführten Massenvernichtung derjenigen, die der Nationalsozialismus zu minderwertigen Menschen und Staatsfeinden erklärte.

Angriff auf die Sowjetunion

Diese Verbrechen sind umfangreich dokumentiert und vielfach erzählt. Parallel zu ihrer faktischen Erforschung und medialen Fiktionalisierung wurde ihnen in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von den Nürnberger Prozessen bis in die jüngste Buchproduktion, eine besondere Evidenz zugeschrieben. Mehr als andere Gräueltaten sollen diese Taten eine übersachliche, metaphysische Augenfälligkeit besitzen - etwas, das sie mit dem Begriff des Bösen in eins fallen lässt. Bis heute steht, was Angehörige der SS getan haben, für das "Böse schlechthin", wie man auf Deutsch in beschwörender Verdopplung sagen kann.

Littells Erzähler Max Aue, promovierter Jurist und einst hochrangiger Offizier des SS-Sicherheitsdienstes, spielt mit dem Bannspruch dieser Übereinkunft, indem er die Wirklichkeit des Geschehenen gleich eingangs offensiv in eigene Worte kleidet. Seinem eigentlichen Lebensbericht stellt er eine lange Reflexion voran, ein Amalgam aus allgemeiner zeitgeschichtlicher Rekapitulation, populärphilosophischem Räsonnement und privaten, ja intimen Bekenntnissen.

Auf der Basis der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur diskutiert er unter anderem die Zahl der Opfer von Krieg und Verfolgung. Entschieden, fast forsch sucht Littells Held den Schulterschluss mit der historischen Forschung, also mit der Beschreibungs- und Deutungsmacht, die er als Leugner oder Verharmloser am meisten zu fürchten hätte. Gespannt wartet der Leser, beklommen wartet die Leserin darauf, dass es mit dem Morden und dem Totschlagen und zugleich mit jenem spezifischen Dabei-Sein losgeht, das nur die literarische Erzählung zu bieten hat.

Aue beginnt mit dem Angriff auf die Sowjetunion. Der Leser folgt dem Protagonisten, teilt dessen Perspektive auf die Ereignisse. Das Geschehen schreitet in übersichtlich portionierten Szenen voran. Das Gedächtnis des Ich-Erzählers scheint enorm detailreich und fotografisch getreu zu sein. Das angeblich Erinnerte tritt uns säuberlich strukturiert, logisch kohärent und plakativ bunt entgegen - eben so, wie heutzutage die kolportierenden Trivialautoren und Drehbuchschreiber, die legitimen Erben des historischen Romans, eine vergangene Wirklichkeit aus bewährten Bauteilen zu montieren verstehen.

Ein sensibler Intellektueller

Ein derartiges Erzählen suggeriert sowohl allgemeines Bescheidwissen als auch individuelle Teilhabe. Und im Rahmen dieser Doppelsimulation fühlen wir uns, weil wir dieses Verfahren zutiefst gewohnt sind, in der Tat "dabei" und glauben an das, was unserer Phantasie zur Imagination angeboten wird. Ja, unsere Phantasie kolportiert selbst, indem sie verwandte Bilder aus dem eigenen Fundus an Gelesenem oder als Film Gesehenen zuschießt.

Am 29. Juni 1941 ist es so weit. In der ukrainischen Stadt Luzk stehen wir, wahrnehmungsverkoppelt mit dem SS-Mann Aue, vor den Opfern eines Massakers, vor Hunderten aufgedunsenen, von Fliegen umsummten Leichen. Es handelt sich um Zivilisten, unter ihnen auch Frauen und Kinder, die der sowjetische Geheimdienst vor seinem Abzug liquidiert hat. Aue wird übel. Er geht beiseite, um eine Zigarette zu rauchen. Als sensibler Intellektueller denkt er sich seinen Teil, und als Erzähler darf er uns seine Reflexionen auch mitteilen.

Blickt man etliche Lesestunden später auf die folgenden Schreckensszenen zurück, versteht man, wie sich in ihnen eine Steigerung vollzieht: Den Opfern des sowjetischen Geheimdienstes folgt ein Pogrom der ukrainischen Bevölkerung von Lemberg an ihren jüdischen Mitbürgern. Aue sieht zum ersten Mal mit an, wie einzelne Menschen erschlagen werden.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie umfangreich Gewalt in Littells Roman geschildert wird.

Die Bosheit der Toten

Dann nimmt er, zunächst weiterhin nur beobachtend, an einer Erschießungsaktion der SS teil und wird mit der Serialität des Vorgehens, der Massenhaftigkeit des Tötens konfrontiert. Am 29. September 1941 greift er schließlich selbst zur Pistole und übernimmt in der Schlucht Babyn Jar bei Kiew die Aufgabe, nicht tödlich Getroffenen den sogenannten Gnadenschuss zu geben. Zweimal wird Aues Tun dabei durch eine Beschreibung des Ermordeten in den Rang einer persönlichen Begegnung gehoben.

Das erste Opfer bekommt nur zwei Sätze, die ihm die Kontur eines vor Schmerz schreienden jungen Mannes verleihen. Die zweite Gestalt, die sich aus den gesichtslosen Opfern erhebt, ist ein schönes, fast nacktes Mädchen, über deren Anblick und Gegenblick der Protagonist eine Viertelseite reflektiert, bevor er ihr mehrfach in den Kopf schießt und das Ergebnis mit dem Platzen einer Frucht gleichsetzt. In einem solchen Vergleich finden die Figur des jungen Aue, sein erzählendes Alter Ego, das Vermögen des Autors und die Imagination des Lesers in einem stilistischen Gemeinplatz zusammen.

Immunisierung gegen den Schrecken

Es stiftet kaum Sinn, die Drastik oder das Ungeschick, den psychologischen Realismus oder die pornographische Kitschigkeit der Beschreibung gegeneinander abzuwägen. Die ganze Passage ist auf eine fatale Art so gut gemeint und so bescheiden geschrieben, wie es der Rahmen der vorgegebenen erzählerischen Mittel, der Rahmen des trivialen Romans, eben zulässt. Der Leser erfährt vordergründig scheinbar alles, was geschehen ist, und alles, was die Beteiligten empfunden haben. Das Böse jedoch, das in der Literatur nicht nur eine Qualität der Handlung, sondern auch eine Qualität des Stils sein müsste, bleibt unsichtbar.

Mit der sogenannten "großen Aktion" von Kiew ist relativ früh, bereits nach einem knappen Siebtel der Erzählstrecke, der brachiale Höhepunkt von Aues Teilhabe am großen Morden erreicht. Zwar wird der Gang der Handlung noch eine ganze Reihe tödlicher Gewalttaten durch detaillierte Beschreibung isolieren und quasi filmisch heranzoomen.

Aber wenn ein von Aue verachteter Psychopath unter seinen SS-Kameraden einem Mann den Schädel mit der Schaufel zertrümmert oder ein Säugling an der Wand zerschmettert wird, ist der Protanist wie eingangs nur noch passiver Augenzeuge. Vieles wird dem Lesenden an diesen Passagen bekannt vorkommen. Die Bilder, die der Roman szenisch heraufzubeschwören versucht, sind uns oft schon mit den gleichen darstellerischen Mitteln in anderen Texten und in Filmen nahegebracht worden.

Und wir sind durch diese gleichförmige Programmierung, ob es uns passt oder nicht, ein Stück weit gegen den möglichen Schrecken immunisiert. Dies gilt auch für Aues Besuche in Auschwitz, wo er zwar Ankunft und Selektion der Opfer beobachtet, den ihm angebotenen Blick in die Gaskammer jedoch ablehnt.

Insgesamt nimmt die Darstellung direkter Gewalt, gemessen am Umfang des Romans, nicht allzu viel Raum ein. Die Passagen, in denen Aue die Sehenswürdigkeiten der eroberten Städte beschreibt, die Widrigkeiten der Etappe oder das gesellige Beisammensein mit anderen Offizieren schildert, sind weit umfangreicher.

Moralische Dimensionen

Littell lässt seinen Helden häufiger baedekerhaft räsonieren oder zum Schnapsglas greifen, als dass er ihm die Pistole in die Hand drückt. Allerdings sind auch diese Textstellen regelmäßig mit Reflexionen angereichert, die sich auf die Mordaktionen beziehen. Zum Teil spielt sich diese Durcharbeitung im Denken Aues ab, zum Teil ist sie in die Dialoge verlegt und wird uns argumentativ in direkter Rede und Gegenrede geboten.

Die ideologische Begründung der sogenannten Endlösung, der Zusammenhang der Massaker mit dem Angriffskrieg auf die Sowjetunion, die praktischen Probleme ihrer Durchführung und die komplexen Konsequenzen für alle Beteiligten und Betroffenen werden dann ausführlich, oft wie auf dem theoretischen Präsentierteller verhandelt.

Auch hier suppt die Recherche überdeutlich durch. Littell legt der Gemeinschaft der Täter in den Mund, was wir heute um die Gesamtumstände wissen. So verfügen die im Strom der Ereignisse Schwimmenden auf eine kuriose Weise in der Summe bereits über das Spektrum an Erkenntnissen, das die zeitgeschichtliche Forschung in den Folgejahrzehnten aus vielen Quellen zusammentragen wird.

Ähnlich verhält es sich mit der moralischen Dimension. Max Aue psychologisiert sein SS-Umfeld, entwickelt eine eigene Typologie der Täterschaft. Er registriert und analysiert, inwieweit er und die anderen mit Neugier, Mordlust, mit Abscheu, mit Gewissensbissen oder somatischen Störungen reagieren.

Die Ansichten des handelnden Aue, der während seiner Zeit an der Ostfront Ende zwanzig ist, unterscheiden sich dabei nicht von dem, was sein Alter Ego kurz vor seinem Ausscheiden aus dem zivilen Arbeitsleben, also vermutlich in seinem siebten Lebensjahrzehnt, etwa um 1980, zu Papier bringt. So wölbt sich über der Vielfalt der Kriegsereignisse, über Schlamm und Blut, über Mord und Totschlag der klare Himmel rationaler Einsicht.

Die weitschweifig schwadronierenden oder präzis argumentierenden SS-Offiziere, die spätere historische Forschung, der agierende und der erinnernde Aue sind sich, sieht man von der oft arg gekünstelten rhetorischen Opposition des einzelnen Dialogs ab, über den Horizont der gebotenen Weltsicht einig. Und wo sich ein verblendeter SS-ler recht exemplarisch in einen ideologischen Unfug verrennt, findet sich bald ein Sprachwissenschaftler oder Mediziner im grauen Wehrmachtsrock oder ein kluger schwarzgewandeter Jurist, der die fanatische Fehlsicht mit guten Argumenten wieder geraderückt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum das große Schaudern ausbleibt.

Die Bosheit der Toten

Man könnte dies die aufgeklärte Harmonie des trivialen Realismus nennen. Die erzählerischen Verfahren, die der historische und der psychologische Roman in den beiden zurückliegenden Jahrhunderten entwickelt haben, entfalten in ihrer späten trivialen Vollendung eine zwingend homogenisierende Macht. Die Quintessenz der gleichförmigen Gesamtschau lautet: Nichts am Geschehenen ist unbeschreiblich und unbegreiflich. Alles Getane und Erlittene fügt sich bei genauer Betrachtung widerstandslos in ideologische, politische, militärische, bürokratische oder zumindest psychomechanische Zusammenhänge.

Die einzelnen Menschen verhalten sich in diesen Kontexten, so grässlich ihr Handeln im Einzelfall auch sein mag, durchaus verständlich, ihre Reaktionen und Entscheidungen sind letztlich plausibel und, was die noch auf uns zukommenden Gräuel angeht, sogar vorhersehbar. Wie wüst es auch zugehen mag, die Welt steht mit ihrer Beschreibung und ihrer Erklärung in realistischem Einklang.

Stupide Pflichterfüllung

Das Böse jedoch bekommt dabei die Schwindsucht. Dem Glauben an ein letztlich nicht angemessen beschreibbares, unfassbar großes Unheil geht in der konventionellen Schilderung der Massaker, in der säuberlichen Ausmalung ihrer Umstände und nicht zuletzt im psychologischen und moralischen Räsonnement die spirituelle Puste aus. Der Täter verliert sein metaphysisches Format.

Sein Tun ist stupides Voranwursteln, mehr oder minder reflektierte Pflichterfüllung, feige Anpassung, neugieriges Ausprobieren, pure Schlamperei, neurotische Übersprungshandlung, cholerischer Ausbruch, manchmal auch sadistischer Exzess. Aber keine Tat, nicht einmal die grausamste, erwirkt jenen angeblich elementaren, anhaltend sakralen Schrecken, den wir, nicht nur aus der sicheren Distanz unserer gewaltarmen Verhältnisse, dem großen Morden so gerne anzudichten belieben. Die große Scheu und das erhabene Schaudern bleiben im mal flotten, mal gemächlichen Selbstlauf dieses Realismuskonzepts, im Trott der erzählerischen Vernunft, auf der Strecke.

Das muss man nicht unbedingt beklagen. Dem Bösen derart das Wasser abzugraben, hat allerdings selbst etwas Boshaftes. Und wer hinter der breiten, glatten Maske des historisierenden und psychologisierenden Trivialromans nach dem Mienenspiel des Autors sucht, findet im Text zahlreiche Spuren einer merkwürdig zwielichtigen Gestimmtheit. Gleich eingangs nennt der alte Aue den amerikanischen Historiker Raul Hilberg, den Verfasser des Standardwerks "The Destruction of the European Jews", in seltsamer, fast süffisanter Ironie "le très respecté professeur Hilberg" - den sehr respektablen Professor Hilberg.

Ein andermal rät der Erzähler dem interessierten Leser, doch selbst seine einst für das Reichssicherheitshauptamt verfassten Berichte und Analysen in den heutigen Archiven einzusehen. Oder Aue beklagt sich darüber, dass in den Gesprächen der SS-Kameraden über die Massaker leider meist nur stereotype Anekdoten und Plattitüden zu hören gewesen seien. Aue murrt auch über die Überfülle der historischen Literatur und beendet Passagen, unter anderem eine Beschreibung der Anlagen von Auschwitz, mit der launigen Bemerkung, weitere Details würden sich angesichts der vielen vorliegenden Berichte wohl erübrigen.

Geringe Qualität der Lebensberichte

Hier klingt etwas an, was über die figürliche Kontur des Erzählers hinausgreift. Auch weil ich selbst Autor bin, macht mich dieser Anflug von Bosheit an den denken, der fünf lange Jahre für seinen historisierenden Wälzer recherchiert hat. "Pour les morts", für die Toten, hat Jonathan Littell seinem Roman als Widmung vorangestellt. Wie soll der Leser dies verstehen? Der Autor glaubt doch wohl nicht ernstlich, jener als schön und halbnackt beschriebenen Jüdin, deren Kopf in seiner Metaphorik wie eine Frucht zerspringen muss, ein literarisches Denkmal gesetzt zu haben?

Es kann nur die andere Seite gemeint sein. Auch Littells SS-Mann Max Aue müsste, wenn er 1913 geboren ist, inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit wie seine SS-Kameraden, die im Roman oft die Namen und das zeitgeschichtliche Daten-Kostüm wirklicher SS-Täter tragen, das Zeitliche gesegnet haben. In seiner fast programmatischen Einleitung beklagt Aue die geringe Qualität der Lebensberichte, die einige wenige vor ihrem Tod noch abgeliefert haben.

Offensichtlich ist der Roman vorrangig denjenigen gewidmet, deren Kriegstod, deren Hinrichtung oder deren Untertauchen in der Nachkriegswelt verhindert haben, dass sie wahrhaftig von ihrem Anteil am großen Abschlachten erzählten. Dann trüge der Autor diesen Stummgebliebenen ihr versäumtes literarisches Werk als ein boshafter Kobold ins Jenseits nach.

Auf der nächsten Seite: Warum das Bild des Bösen erschlafft.

Die Bosheit der Toten

Was bedeutet es für uns, wenn sich ein wie wir Nachgeborener aus der Fülle des recherchierbaren Materials die Haut eines solchen Erzählers schneidert? Wer sich derart drastisch kostümiert, wird sich als Autor auf eine besondere Weise entkleiden. Und wer ihm wie ich als gläubig imaginierender Leser gefolgt ist, hat Anteil an dieser Entblößung. Dies gilt vor allem für unser zeitgenössisches Verhältnis zum Bösen. Die Bannung, die Historie und Literatur eine gewisse Zeit lang anzubieten hatten, beginnt offensichtlich zu schwächeln. Das historische und das historisierende literarische Erzählen haben zermürbt, was sie eine Zeitlang in Stand hielten und immer noch in Stand halten sollen.

Das Bild des Bösen schlechthin, das Böse par excellence erschlafft wie ein überstrapazierter Muskel. Eine große und wichtige mediale Manifestation beginnt sich selbst zu erschöpfen. Damit verliert auch die Erzählung von Schuld und Leid an tragischer Größe. Die Verantwortung der Täter und das Leid der Opfer schrumpfen im unermüdlichen Mahlwerk des trivialen literarischen Realismus zu einem blödsinnigen Pech, zu einer bloßen Ungunst der Stunde. Das Missgeschick des Einzelnen besteht letztlich darin, zufällig zur falschen Zeit am falschen Fleck oder gar nur auf der verkehrten Seite gewesen zu sein. Der zeitgeschichtliche Roman, der mit dem Verschwinden der Zeitzeugen zum historischen Roman wird, diese große Evidenzmaschine der bürgerlichen Literatur, beginnt zu klappern wie eine alte Mühle.

Littell und sein Erzähler wissen das. Und die damit verbundene Schwächung macht den Leser wie den Erzähler zunächst verlegen, dann latent ärgerlich, zunehmend ironisch, schließlich boshaft. In der Handlung des Romans indes nimmt die Unwahrscheinlichkeit zu, groteske, phantastische Elemente gewinnen an Raum. Dies kommt der Erscheinung des Bösen unübersehbar zugute.

Das zentrale Faszinosum

Es löst sich von dem, was ihm angeblich letzte Offensichtlichkeit verliehen hat und wird zu etwas frei Vagierendem. Fast zombiehaft stakst der von einem Kopfschuss genesene, aber nervlich zerrüttete Aue zuletzt durch die historischen Kulissen. Die Morde, die er in Frankreich an Mutter und Stiefvater und dann in der Schlacht um Berlin noch an einem schwulen Liebhaber und an seinem wichtigsten SS-Kameraden begeht, haben bereits bizarr privaten Charakter.

Der Text balanciert hier auf dem Rand seines Genres. Dem Leser leuchtet ein, wie nah diese triviale Spätform des historischen Romans nach und nach jenen Psychothrillern und Splatterfilmen gekommen ist, die versuchen, mit spritzendem Blut, herausquellendem Gedärm und krachenden Knochen Effekt zu machen.

In diesen Genres soll der Exzess gerade durch seine Zusammenhanglosigkeit und Unvernunft dem Bösen von Neuem zu einem absoluten Rang verhelfen. Wer durchgehalten hat, ist mit den letzten Gewaltbildern des Romans heillos in der medialen Gegenwart angekommen. Das zentrale Faszinosum von "Die Wohlmeinenden", die Lösung des Bösen aus dem Doppelbann von Historie und konventionell realistischer Erzählung, gehört ganz in unsere Zeit.

Pour les Morts? Für die Toten? Unsere SS-Männer sind tot. Ihre allerletzte Bosheit wäre es allenfalls, uns aus dem Jenseits ob unserer literarischen Bemühungen zu verlachen. Das Böse aber sucht und findet andere Tempel, um sich erneut mit stummer Scheu und stammelndem Entsetzen feiern zu lassen. Georg Klein, geboren 1953 in Augsburg, ist Schriftsteller. Von ihm erschien zuletzt der Roman "Sünde Güte Blitz" (2007) bei Rowohlt.

© SZ vom 16./17.2.2008/kur
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