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Jonathan Franzen:Edelfedern

Birdwatching mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen am Klingnauer Stausee.

Jonathan Franzen am Klingnauer Stausee im Schweizer Aargau.

(Foto: Samuel Schalch/Tages-Anzeiger)

Der US-amerikanische Schriftsteller hat eine Leidenschaft, die seine Agentin zur Verzweiflung treibt: Er beobachtet gerne Vögel. Zum Beispiel Bartmeisen an einem Stausee in der Schweiz.

Dunst wabert über dem Wasser, Krähen sitzen im kahlen Geäst, es ist kalt und neblig, im See versammeln sich Enten: Stockenten, Reiherenten, Schnatterenten, Spießenten, Löffelenten, Krickenten, Knäkenten. Am Ufer stellen Vogelfans ihre Fernrohre auf.

Ein ganz normaler Morgen am Klingnauer Stausee, wobei: Heute ist ein besonderes Exemplar aufgetaucht. Fachbezeichnung: The Great American Novelist. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen will im Nordaargau ein paar spezielle Vögel sehen. Begleitet wird er von zwei heimischen Ornithologen. Er ist groß und schlank, trägt einen schwarzen Pullover, Jeans und klobige braune Schuhe. Langsam und etwas linkisch schlendert er fünf Meter weiter, dann denselben Weg wieder zurück. Ein Ziel scheint er nicht zu haben, dafür aber unendlich viel Zeit. Er bleibt kurz stehen, setzt das Fernglas an. Als er das Glas wieder absetzt, lächelt er.

Jonathan Franzen also, 58 Jahre alt, einer der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Franzen hat Figuren geschaffen, die man zugleich lieben und hassen muss, und er hat sie in raffinierte Beziehungsgeflechte verstrickt, denen man über Hunderte Seiten hinweg folgt wie dem Schicksal naher Verwandter. Manche Leser erinnern sich noch Jahre nach der Lektüre an die Namen der Figuren, in deren Denken und Handeln sich die Stimmung einer ganzen Epoche erkennen lässt. Jonathan Franzen hat die Romane zur spätmodernen Familie geschrieben ("Die Korrekturen"), zum Leben in der Bush-Ära ("Freiheit") und zur digitalen Enthüllungs- und Überwachungsmanie ("Unschuld").

Mag er Vögel wie andere Whiskey mögen? Seine Stimme wird scharf: "Whiskey ist ein Produkt."

Franzen steigt auf den Aussichtsturm; oben angekommen erklärt ihm ein Ornithologe die Klingnauer Fauna. In den Dreißigerjahren wurden ein Elektrizitätskraftwerk und ein Stauwehr gebaut, so entstand ein neuer See, den heimische Tiere und Zugvögel besiedeln konnten. Bevor Franzen nach Zürich flog, hatte er im Internet nach interessanten Schweizer Nistplätzen gesucht, und weil er nur einen halben Tag Zeit hat, fiel die Wahl auf den nahen Aargauer Stausee. Bei einem längeren Aufenthalt hätte er die Alpen besucht. Dort lebt mit dem Mauerläufer einer jener Vögel Europas, die Franzen noch nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Der amerikanische Gast hört dem heimischen Vogelkenner aufmerksam zu, stellt ab und zu eine knappe Frage. Geht es um Vögel und ihren Lebensraum, kann man sich keinen eifrigeren Schüler vorstellen.

Dann auf einmal Aufregung auf dem Turm, eine Frau ruft "Eisvogel!", zeigt mit dem Finger. Diese Ortung ist zu ungenau, außerdem fliegt so ein Eisvogel wirklich pfeilschnell - auch Franzen übersieht ihn. Er hätte ihn schon gern gesehen, gibt er später zu. Wenn ein Vogel speziell schön, selten oder eigenartig ist, spricht Franzen von einem "good bird". Der Eisvogel sei definitiv "ein guter Vogel".

Von der ganzen Aufregung ungerührt ist der junge Mann in abgewetzter Hip-Hop-Kluft, der mit seinem Fotoapparat neben Franzen steht. Er warte darauf, dass im gegenüberliegenden Baum ein Vogel lande, erklärt er. Er steht Stunden später noch dort oben.

Mag Franzen die etwas eigene Gesellschaft der Vogelfreunde, weil er das Raffinement sucht? So wie sich andere, nachdem sie zu Geld und Ruhe gekommen sind, für die Destillation eines bestimmten Whiskeys zu interessieren beginnen? "Whiskey ist ein Produkt." Franzens Stimme, sonst ein leiser Singsang, wird schärfer. "Ein Vogel ist kein Produkt." Das, mein Freund, macht Franzen klar, war nun eine ganz falsche Vermutung.

Es ist Mittag, die Sonne scheint. Jonathan Franzen sitzt auf einer Holzbank am Wasser und kaut ein Sandwich. Auf dem Blackberry hat er gerade Audio-Files mit Vogelgesängen abgespielt, die er schön findet, zum Beispiel das Zirpen des Teichrohrsängers. "Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Sie damit von meiner Begeisterung überzeugt habe", sagt er. Die kleinen Augen hinter der Hornbrille blitzen. Franzen ist ein nerdiger, feinsinniger Typ, der mit seiner Ironie nicht verletzen, sondern verbinden will.

Noch im Alter von 42 Jahren war der heute 58-Jährige, was die Amerikaner einen Loser nennen: ein Mann ohne Erfolge, mit wenigen Freunden und einer Ehefrau, die ihn letztlich entnervt verließ. Franzen vergrub sich in seine Manuskripte, nicht eben klein war die Gefahr, als Spinner oder Aushilfslehrer zu enden. Die Wende kam, als er im September 2001 "The Corrections" veröffentlichte, "Die Korrekturen". Das Buch gehört zu den erfolgreichsten Romanen der Nullerjahre, allein vom englischen Original wurden drei Millionen Stück verkauft. Auch als er sich mit dem Folgeroman "Freedom" an der Spitze der amerikanischen Literatur etabliert hatte, behielt Jonathan Franzen die rigorose Routine bei. Noch immer isoliert er sich monatelang, wenn er an einem Roman arbeitet. Sein Büro ist schalldicht, manchmal setzt er beim Schreiben eine Augenbinde auf, um sich konzentrieren zu können. Den Arbeitscomputer hat er so präpariert, dass er damit unmöglich ins Internet kommen kann.

Im Gequassel auf Facebook und anderen sozialen Medien erkennt Franzen eine neue Gefährdung, die alle betrifft - besonders aber den Schriftsteller, der sich eine eigene Stimme und einen eigenen Ton bewahren will und die eigene Psyche als Resonanzraum versteht. "Social Media liefert wie jedes Suchtmittel den Kick prompt und zuverlässig, sodass es leicht ist, sich selbst abhandenzukommen", sagte Jonathan Franzen am Tag zuvor bei einem Vortrag in Zürich.

Sind die Vogelbeobachtungen Teil dieses Bemühens, sich nicht zu verlieren, seiner kreativen Abgrenzung? Franzen verneint. "Während der Ausflüge bin ich ja selten alleine unterwegs. Ich mag es, wenn andere Kenner dabei sind." Auch denke er nie an das nächste Buch, wenn er Vögel beobachte. "Es gibt Parallelen zwischen dem Schreiben und dem Beobachten der Vögel", sagt Franzen. "Das Warten auf den richtigen Moment, die Aufmerksamkeit für Details." Aber einen direkten Zusammenhang mit dem Schreibprozess gebe es nicht.

Ihr Europäer redet viel über den CO₂-Verbrauch, aber es passiert herzlich wenig, sagt er.

Plötzlich dreht sich Jonathan Franzen ruckartig weg. In einem Strauch ist ein Vogel gelandet. "Den Vogel haben wir den ganzen Morgen gesucht. Jetzt landet er direkt vor meiner Nase, während ich hier esse. Unglaublich!" Es ist eine Bartmeise. Nachdem sie weggeflogen ist, zeigt der Schriftsteller ein Bild auf dem Blackberry. Das Tierchen hat tatsächlich eine Art Bart. "That's a good bird!", ruft Franzen.

Seit knapp 20 Jahren sucht er nach interessanten Vögeln und nimmt dafür einige Strapazen auf sich, er reist an abgelegene Orte, wartet in Sümpfen, lässt sich von Mücken stechen. "Diese Exkursionen sind ermüdend." Er verwendet danach jeweils viel Zeit darauf, Reportagen und Essays zum Thema zu schreiben. Franzens Vögelobsession dürfte die Welt so mittlerweile den einen oder anderen fantastischen Roman gekostet haben. "Gewisse Leute finden, ich sollte endlich aufhören mit dem Vogelzeugs", sagt Franzen. Seine Agentin hat ihn kürzlich ermahnt, doch bitte seine Prioritäten zu überdenken. "Aber tja, was soll ich machen?"

Fahrt im Auto zum Flughafen Zürich. Kurz vor der Ankunft - seit einer halben Stunde dreht sich das Gespräch um Umweltfragen - wird Franzen ein bisschen ungehalten: "Wir fahren mit dem Auto herum und reden über Umweltschutz, über die Frage, ob ich fliegen dürfe oder nicht. Ihr Europäer redet sowieso etwas gar viel über CO₂-Verbrauch und dergleichen. Ihr redet viel, und es passiert herzlich wenig."

Franzen ist auch ein düsterer Prophet. Der "katastrophale Klimawandel" sei unabwendbar und eine schlichte Tatsache. Ebenso offensichtlich sei die Unfähigkeit des Menschen, etwas dagegen zu tun. "Wie lange warten wir nun schon? Zwanzig Jahre?" Man solle sich besser kleinere, konkrete Ziele setzen. Zum Beispiel neue Biotope für Vögel.

Letzter Versuch, die Begeisterung zu verstehen: Sind die Vögel sein emotionaler Zugang zum existenziellen, leider oft abstrakten Kampf gegen den Klimawandel? Nein, sagt Franzen auch diesmal. Es sei eine Leidenschaft, schwer zu erklären. Der Amerikaner verabschiedete sich freundlich, holt das Gepäck aus dem Auto, verschwindet im Flughafen. Er fliegt nun weiter nach Südafrika, wo er recherchieren will. Franzens nächster Text wird von Fischern und Albatrossen und vom globalen Schicksal der Seevögel handeln.

© SZ vom 25.10.2017

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