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John le Carré: "Marionetten":Ihre eigenen Geschöpfe

Terror-Paranoia und eine Politik, die mit der Angst spielt: John le Carré beweist in seinem neuen Roman, dass kaum einer so viel über Deutschland weiß, wie er.

Während des Kalten Kriegs war Deutschland geteilt und nicht im Besitz seiner vollen Souveränitätsrechte. Das Land war einerseits machtlos, andererseits lag es in der Mitte der Weltpolitik, gewissermaßen im Auge des Orkans. Diese eigentümliche Mixtur aus Provinz und Weltbühne, aus Abseitigkeit und Zentralität hat kein Schriftsteller so prägnant erfasst wie der englische Thriller-Autor John le Carré. Der Titel eines seiner frühen Romane bringt es mit schlafwandlerischer Treffsicherheit auf den Begriff: "Eine kleine Stadt in Deutschland". Wie viel altfränkische Verschlafenheit klingt da mit - und doch ist dieses Deutschland Hauptschauplatz des Kalten Kriegs, auch wenn andere dabei die Fäden in der Hand halten.

Arbeitete vor seiner Schriftstellerkarriere für den britischen Geheimdienst: John le Carré.

(Foto: Foto: dpa)

Damals, in den sechziger Jahren, waren die Zeiten der Großmachtsphantasien schon lange vorbei. Die Bundesrepublik war ein politischer Zwerg, der daran arbeitete, unter dem Sicherheitsschirm der USA zum wirtschaftlichen Riesen zu werden. Und doch war es dieses beschauliche Ländchen, das ganz kleine Brötchen buk, in dem die beiden Supermächte das Weiße im Auge ihres Feindes sehen konnten.

Vielleicht hat es ja sogar eine tiefere Bedeutung, wenn George Smiley, John le Carrés unvergesslicher Secret-Service-Mann, während seines Studiums der Literaturwissenschaft sich besonders passioniert der deutschen Literatur des Barock widmet - mithin jener Epoche, in der Deutschland in Folge des Dreißigjährigen Krieges in die Kleinstaaterei zerfiel.

Der Fremde

Dass der Fremde das Eigene schärfer zu erfassen vermag, als man selbst, ist ein Gemeinplatz - aber man muss ihn im Falle John le Carrés erneut bemühen: Er hat das Deutschland des Kalten Krieges erzählerisch ins Bild gesetzt. Er hat in seinem berühmtesten Roman, "Der Spion, der aus der Kälte kam", die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam zum geographischen Sinnbild der Block-Konfrontation werden lassen, wo die Geheimdienste aus West und Ost sich zum Agenten-Austausch trafen - noch heute ein Ort, an dem einen das Glück der Wiedervereinigung geradezu körperlich anspringt.

Für das Pathos wie für die Beschaulichkeit der politischen Situation der beiden Deutschlands hatte John le Carré ein Gespür wie kein zweiter. Als Mitarbeiter sowohl des British Foreign Office wie des britischen Geheimdienstes lebte le Carré, der nahezu akzentfrei Deutsch spricht, Anfang der sechziger Jahre in Bonn und in Hamburg.

In diesen Tagen hat "Arte" einen Film über den großen Spionage-Autor gezeigt. Da sah man John le Carré, mit seinen 77 Jahren noch immer ein blendend aussehender Gentleman, im Garten seines hinreißend zum Meer hin exponierten Hauses in Cornwall. Zu seiner Linken, die Steilküste hinunter, erstreckte sich eine große Bucht, an deren anderer Seite ein Städtchen zu sehen war: "Wie sagte Theodor Storm über Husum? ,Die graue Stadt am Meer'. Das dort ist meine graue Stadt am Meer."

"Marionetten" heißt sein 21. Roman, und er spielt in Hamburg. Auf Englisch heißt das Buch "A Most Wanted man". Aber der deutsche Titel ist gar nicht schlecht. Im Grunde greift er ein altes Motiv auf. Zwar ist Deutschland mittlerweile ein souveränes Land. Wenn es aber um den Krieg gegen den Terror geht, wird es zum Vasallen Amerikas, und seinen Geheimdiensten bleibt auf ihrem eigenen Territorium nichts anderes übrig, als die transatlantischen Kollegen walten und schalten zu lassen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum John le Carré für seine Recherchen Murat Kurnaz interviewte.