25 Jahre "Popper"-Bewegung Die Frisur, die hinten nicht hält, was sie vorne verspricht

"Warum die Zeit totschlagen? Es gibt doch Popper!" Vor einem Vierteljahrhundert erblickte die neue Spezies das Licht der Welt - und richtet seitdem die Tolle.

Von PATRICK KRAUSE

¸¸Ich bin kein Popper!": Spätestens seit Max Frischs ¸¸Stiller" wissen wir, dass man sich mit so einer Verleugnung nur selbst entlarvt. Was diese Aussage Anfang der achtziger Jahre nämlich collegeschuhglockenklar belegte, war die Tatsache, dass man es gerade mit einem waschechten, und das heißt: gepflegten Popper zu tun hatte.

Auf ihrer ersten Studienfahrt nach England, nach dem ersten Glas Single Malt in ihrem Leben, beschlossen die Kinder Pösel- und Eppendorfer Eltern offenbar, sich genau die Dinge anzulegen, die bis dahin jeder Jugendrevolte spotteten: Cardigans, Cashmere-Schals, Collegeschuhe und CDU-Parteibuch.

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Vor 25 Jahren, im Sommer 1979, erschien in Hamburg der ¸¸Popper-Knigge" im Selbstverlag. Motto: ¸¸Sehen und gesehen werden ist des Poppers Glück auf Erden". Schnell machte das Brevier per Kopie die Runde durch die Gymnasien, und bald erhob sich die einzige Jugendbewegung der Geschichte, die nichts gegen den Strich bürstete, sondern einen blonden Samtvorhang über ihr Auge fallen ließ, die so genannte ¸¸Tolle". Auf ihrer ersten Studienfahrt nach England, nach dem ersten Glas Single Malt in ihrem Leben, beschlossen die Kinder Pösel- und Eppendorfer Eltern offenbar, sich genau die Dinge anzulegen, die bis dahin jeder Jugendrevolte spotteten: Cardigans, Cashmere-Schals, Collegeschuhe und CDU-Parteibuch.

Sie waren elend arrogant und elend elegant. Wenn ein Popper vor einer Schaufensterscheibe minutenlang seine Frisur in Form brachte, blieb sogar dem Punker die Spucke weg. Mit Anständigkeit und Eitelkeit wollten die Damen und Herren der Schöpfung bestimmt nicht ihre Eltern schockieren, sondern ihre jugendlichen Artgenossen, namentlich Punker, Mods, Teddies, Ökos, Parkaträger, vor allem aber die ¸¸Rocker", von denen sie sich ganz bewusst schon durch ihren Namen absetzten. Der Punk fand allerdings schnell die Sprache wieder, wenn auch in einer Rhetorik der Verlegenheit: ¸¸Warum die Zeit totschlagen? Es gibt doch Popper!". Träger schwerer Lederjacken dichteten: ¸¸Popper überfährt man mit dem Chopper!". Es war die Zeit der Sprüche und der Witze: ¸¸Woran stirbt ein Popper? An Genickbruch, beim Zurückwerfen der Tolle." Die Popper hatten in kürzester Zeit geschafft, was anderen erst gelang, wenn sie sich schlecht benahmen: Sie wurden von denen gehasst, von denen sie gehasst werden wollten. Und machten in ihren Slippern einen schlanken Fuß dabei.

Am 18. März 1980 wurde die Botschaft der Hamburger Popperelite schließlich durch das ¸¸Tor der Welt" in dieselbe hinausgetragen, nach München, Köln, Stuttgart - aber auch nach Oberursel. Im Hamburger Zeit-Magazin erschienen Popper zum ersten Mal bundesweit in der Story ¸¸Die mit der Tolle" und ihrem berühmten Ende: ¸¸Sie gähnen. Es ist gleich elf." Dazu Bilder von jungen Menschen, denen ihre Überheblichkeit von den Gesichtern, Klamotten und Frisuren abzulesen war: ¸¸eine Avantgarde der Angepassten".

Allerorten standen sie nun in Rudeln auf den Pausenhöfen, ins Gespräch über Genschers zitronengelben Pullunder mit V-Ausschnitt vertieft: Popper! Die Jungs trugen Jägermäntel oder Daunenwesten, Papas alten Bürokoffer mit Zahlenkombination und darin Terminkalender für die Freistunden und Mitgliedsausweis der Jungen Union. Aber die Mädchen! Sie waren schön, gepflegt und wunderbar hochnäsig. Elfenhaft schwebten sie auf Collegeschuhen mit Troddeln (oder wahlweise dem Pfennigstück) in rosa Burlington-Söckchen durch die Gänge, in teuren Jeans, pastell- und eiscremefarbenen Pullovern oder Blusen, gepaart mit teuren Frisuren, einer dicken Wolke Lagerfeld (das Herrenparfüm!) oder Anaïs Anaïs, dem leisen Klimpern ihrer goldenen Kettchen . . .

Was war geschehen? Die Kinder der Reichen hatten das Leben buchstäblich satt - und beschlossen, das auch zu zeigen. Geld war das Differenzierungskriterium. Die Embleme der Popper waren der zweiwöchige Friseurbesuch (bei Parvenüs: das gegenseitige Nackenausrasieren) und natürlich die Marken: die Fiorucci-Jeans, das Lacoste-Hemd, der Benetton-Pullover, die Gucci-Schuhe . . . Mokassins und Ballerinas, Karoröcke und Karottenhosen, Krawatten und Perlenketten, Dunhill-Zigaretten und Mumm-Sekt formten diese wunderschönen Körper, die rückblickend ziemlich geschlechtsneutral daherkamen und sich selbst beim Tanzen kaum bewegten (Le Frisur!).

Wie die Tolle wippt

Der Soundtrack zu der auf der Stelle tretenden ¸¸Bewegung" kam zunächst von Roxy Music, dann zeigte die Band Hamburger Arroganz mit ¸¸Livin" in Hamburg", wie die Tolle wippt - bis schließlich Spandau Ballett, Heaven 17, Wham!, aber auch Edelfunker wie Grover Washington Jr. oder die Crusaders, dann die Pet Shops Boys und The Style Council und natürlich die schöne Sade den Popper von seinen narzisstischen Musiknöten befreiten. Edel, teuer und gut - die ¸¸West End Girls" kamen den Eastern Boys gerade richtig.

Britisch war der Grundhabitus des Poppers, seine Hauptstadt London teilte er mit dem Punker, mit dem ihm im Gegensatz zu Ökos oder Normalos immer eine respektvolle Hassliebe verband. Im Gegensatz zur Figur des Dandys, der die Gesellschaft mit seiner Erscheinung und seinen Aperçus kunstvoll brüskierte, fiel der junge Popper nur durch seine konservativen Werte, seine Geradlinigkeit und extreme Durchschnittlichkeit auf, die es dem Wanna-Be leicht machte, auf den Zug Erster Klasse aufzuspringen. Da musste auch nicht mehr groß gedacht werden: Oberflächlichkeit war der Gestus der Zeit, denn Intellektuelle waren Demo-Geher.

Wie es sich für die deutsche Kultur gehört, wurde das bisschen Klasse, das da herüberkam, mit ¸¸Style" verwechselt oder mit Hilfe von Laura Ashley und Ralph Lauren von der britischen Wachsjackenkultur der ¸¸Invisible Upper Class" adaptiert, die gerade zur Fuchsjagd auf ihren Schlössern in den Highlands weilte. Statt zu den Zügeln griff der Jungschnösel zum Mofalenker - jedoch nicht zur Öko-Solex oder gar Asi-Zündapp. Der Führerschein zum 18. Geburtstag wurde für den echten Popper und die wahre Popperin mit dem Geschenk eines weißen VW Golf Cabrio elternseits gekrönt - nun trennte sich endgültig der Popper-Proll vom Reichen.

Zur Abiturzeit 1984 war dann mit Poppern und Popperinnen eigentlich schon (fast) alles vorbei. Die Bankierssöhne gingen in Tigerstaaten in den Filialen ihrer Väter in die Lehre, die anderen knallten ihre Koffer mit Zahlenschlössern auf die Tische des BWL-Seminars. Der gemeine Popper schlüpfte aus dem Raupenkokon und wuchs in den Markenanzug des Yuppies hinein, der sich nun so schnell wie möglich die Sporen verdiente, die er in der Schule sogar mit Cowboystiefeln vorgab zu haben: Gier ist gut. Der Yuppie blieb danach selbst für Marketingexperten die letzte kalkulierbare Szene-Konsumfigur. Was blieb, waren: Marke, Shopping, Karriere, Geld, Gähnen.

Die selbst gewählte Selbstentgrenzung, des Poppers Bekenntnis zu Durchschnitt und Fortschritt waren Nichtanpassung auf der Meta-Ebene. Denn bedingungslose Anknüpfung an die Elterngeneration war ja gerade das Schockierende, Subversive, Schräge. Heute kennen die meisten ¸¸Popper" nur noch in Tablettenform oder als hundsordinären Ausdruck für geschlechtlich Aktive. Die Popperfigur ist tot. Der einzige Revival-Versuch wurde vor ein paar Jahren von den Herren Popliteraten unternommen, als diese sich mit cremefarbenen Anzügen in Nobelhotels ablichten ließen - eine ästhetische Offensive, die weitgehend verpuffte.

Denn mal unter uns: Sind uns die Eitelkeiten der ¸¸Popperbewegung" inzwischen nicht ohnehin einfach in Fleisch und Blut übergegangen? Wie viele Markenklamotten tragen Sie gerade? Wie steht heute der Dax? Ach, gekauft haben Sie? Golfen ist für Sie ein Sport? Die Haffas haben Ihnen anfangs schon irgendwie imponiert? Sie ¸¸durchkämmen" verzweifelt Szeneläden nach alten Lacoste-Polohemden, die damals sechzig Mark kosteten, und bezahlen für die gleichen, inzwischen abgetragenen Dinger Ihrer alten Hass-Ikonen heute gerne 60 Euro?

Nie Popper gewesen? Schon klar.