Interview mit Ulrich Wickert "Ich bin ein leidlich kindlicher Mensch geblieben"

ARD-Moderator Ulrich Wickert über das Alter, das Schreiben und die Kritik an den "Tagesthemen"

Von Interview: Hans Leyendecker und Christiane Kögel

Seit fast 13 Jahren präsentiert Ulrich Wickert in der ARD die Themen des Tages, die zu Tagesthemen werden. 2006 will der Anchorman aufhören, aber er zieht sich nicht als Rentner zurück. Im Samstagsgespräch redet Wickert über seine Wünsche und Ziele. Er will noch mehr Bücher schreiben, arbeitet an einem neuen Kriminalroman und möchte fürs Erste Filme machen - zu den Privaten zieht es ihn nicht.

SZ: Herr Wickert, Sie sind ein berüchtigter Zitierer. Eines Ihrer Lieblingszitate lautet: "Der Mensch muss den Ruhm fürchten wie das Schwein das Dickwerden." Warum fürchten Sie Ihren Ruhm? Ulrich Wickert: Man wird dann leicht geschlachtet.

SZ: Wer sollte Sie schlachten? Wickert: Das könnte das Publikum sein oder die Presse.

SZ: Lässt sich dem entkommen? Wickert: Man muss sich gut stellen mit dem Schlachter.

SZ: Warum wollen Sie 2006 mit den Tagesthemen aufhören? Wickert: Weil mein Vertrag ausläuft. Und weil ich irgendwann mal an die Altersgrenze stoße. Ich bin fast 64, wenn ich mit dem Moderieren aufhöre.

SZ: Otto Schily ist 71 und sagt: Die Jungen müssen erst mal zeigen, dass sie's besser können. Wickert: Wie alt war Schily, als er Minister wurde? 65, genau. Also habe ich noch Chancen. SZ: Wo befinden Sie sich gerade? Auf dem Höhepunkt? Geht es runter? Oder noch eine Weile nach oben? Wickert: Ich bewege mich. Wenn ich nur wüsste, in welche Richtung! Ich habe große Lust auf Neues. Allein durch den Entschluss, in zweieinhalb Jahren aufzuhören, fängt es in meinem Kopf an zu arbeiten.

SZ: An was arbeitet Ihr Kopf? Wickert: Zum Beispiel an einer Dokumentation über die neuen Leipziger Maler. Die faszinieren mich.

SZ: Um noch einmal zurückzukommen aufs Älterwerden: Haben Sie eine eigene Vorstellung davon? Wickert: Bislang hatte ich nie einen Bezug zum Thema Alter. Es ging immer weiter, gab immer was Neues.

SZ: Wie haben Sie das Älterwerden Ihres Vaters erlebt? Wickert: Mein Vater ist 89 und sitzt täglich seine acht, neun Stunden am Schreibtisch. Er geht jetzt am Stock, aber er hat sich einen Internetanschluss zugelegt und wir schicken uns E-Mails. Was bedeutet das Älterwerden? Mit dem Kopf hat es jedenfalls nichts zu tun.

SZ: Versucht man nicht, wenn man älter wird, der Welt die Sinnlosigkeit der Welt zu erklären? Und je mehr man erklärt, desto verworrener wird es? Wickert: Die Welt ist nicht ohne Sinn. Ich bin noch nicht so weit wie in Ionescos Stühlen, dass ich vor leeren Sitzen stehe und darüber nachdenke, wer kommen könnte. Ich bin ein Optimist und ein leidlich kindlicher Mensch geblieben.

SZ: Werden wir Sie in den nächsten Jahren in filmischen Reisen zurückbegleiten an frühere Stationen Ihres Lebens? Wickert: Ich muss Vergangenes nicht aufarbeiten. Ich sage viel eher: Es gibt für mich noch so viele weiße Flecken! Die Wüste Gobi zum Beispiel. Ich könnte auch mal einen Film über den Niger machen.

SZ: Sie haben schon vor 13 Jahren, als Sie bei den Tagesthemen anfingen, gesagt, der Job sei nur mäßig kreativ. Wickert: Das sehe ich seit langem anders. Ich langweile mich überhaupt nicht. Kreativ kann ich im Setzen der Themen sein, im Einordnen. Oder im Transportieren gewisser Ansichten in den Moderationen.

SZ: Erreicht es Sie eigentlich, wenn Leute sagen, dass Sie nuscheln? Wickert: Ich will Ihnen mal eines sagen: Das "Guten Abend, meine Damen und Herren", das nuschele ich ganz bewusst. Das ist nett gemeint, aber die unwichtigste Nachricht des Abends.