Interview mit einem Graffiti-Forscher "Hey, das mach ich auch"

Sprays sind out, Sticker und Cut-Outs sind im Kommen. Der Graffiti-Forscher Norbert Siegl aus Wien will neue Trends in der wilden Straßenkunst entdeckt haben und erläutert, warum früher lieber gesprüht wurde und heute eher tapeziert wird.

SZ-Magazin: Wie reagieren Hausbesitzer, die ein Cut-Out auf ihrer Hauswand finden?

Der Cut-Out-Graffiti ist auf der Tür nur aufgeklebt.

(Foto: Foto: SZ-Magazin)

Norbert Siegl: Klar mögen die meisten Menschen die Klebekunst lieber als Graffiti: weil sie sie auch besser verstehen können als Graffiti. Graffiti und Tags sind meist als Szenecode an andere Sprayer gerichtet. Außenstehende verstehen die Schriftzüge und Bilder nicht. Das macht natürlich keinen Spaß.

SZ-Magazin: Das ist bei den Klebebildern anders?

Norbert Siegl: Ja, sie sind meist unterhaltender für den Betrachter, man kann über sie schmunzeln. Es gibt aber auch welche, die ganz traditionell Gesellschaftskritik üben oder politische Themen aufgreifen: In Wien habe ich eine ganze Reihe von Cut-Outs gesehen, die sich mit dem Irak-Krieg auseinander setzen.

SZ-Magazin: Wer macht diese Klebekunst?

Norbert Siegl: Die Künstler sind nicht so eindeutig einer Jugendkultur zuzuordnen, wie das bei der Graffiti-Kultur der Fall ist - Graffiti hängen eng mit der HipHop-Kultur zusammen. Die Klebekünstler kommen zum Teil auch aus dieser Sprayerszene, sind auch traditionelle Künstler und zeigen ihre Werke auf diese Weise in der Öffentlichkeit.

SZ-Magazin: Warum macht sich jemand so viel Arbeit, für ein paar Klebebildchen an die Wänden?

Norbert Siegl: Natürlich geht es auch diesen Straßenkünstlern um Ruhm. Sie machen Propaganda für sich selbst. Deswegen ist es ihnen wichtig, ihre Cut-Outs und Sticker an vielen verschiedenen Orten anzubringen.

SZ-Magazin: Wo muss man hingucken, wenn man in seiner Stadt ein Cut-Out entdecken will?

Norbert Siegl: Bei den Sprayern ging es darum, die Bilder an möglichst gefährliche Orte zu schreiben - auf Züge oder an Häusern möglichst hoch oben zum Beispiel. Das ist bei den Cut-Outs nicht wichtig, sie werden angeklebt, wo sie ins Stadtbild passen, oder nutzen kommunikative Freiräume. In Leipzig etwa haben Künstler Cut-Outs für die kaputten Fenster leer stehender Fabriken entworfen.

SZ-Magazin: Ist es nicht schade für die Künstler, dass ihre Werke so schnell abgerissen und zerstört werden können?

Norbert Siegl: Meistens dokumentieren die Künstler ihre Werke, indem sie sie direkt nach dem Ankleben fotografieren und im Internet zeigen (www.ekosystem.org, www.stickernation. net, www.woostercollective.com). Ähnlich den Sprayern, die Fotos von ihren Graffiti in einem so genannten "Black Book" sammeln. Und auch Fotoalben anlegen.

SZ-Magazin: Müssen wir uns von den Graffiti verabschieden?

Norbert Siegl: Sicher nicht. Es kam einfach eine neue Variante zu den schon bekannten Street-Art-Varianten hinzu. Sticker und Cut-Outs sind im Moment sehr im Kommen. Meistens gibt es viele Nachahmer für eine neue Form der Straßenkunst: Als der Züricher Sprayer Harald Naegeli Anfang der achtziger Jahre eine neue Bildsprache entwickelte, lange, dünne Figuren, kamen die in der Szene so gut an, dass es bald drei Naegeli-Nachahmer in jeder europäischen Stadt gab. Je öfter die Cut-Outs in unserem Straßenbild auftauchen, umso mehr Leute werden sich sagen: "Hey, das mach ich auch."

Norbert Siegl, 52, ist Gründer und Leiter des Instituts für Graffiti-Forschung (IfG) in Wien, das in einer Datenbank (graffiti.netbase.org) alle Formen von Straßenkunst in Europa dokumentiert.

Interview: Kerstin Greiner