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Interview mit Cosmic Baby:"In der Massenkonfektion wird das Genre fragwürdig"

Als Cosmic Baby war Harald Blüchel der Star der internationalen Techno-Szene. Ende der Neunziger beklagte er die Verflachung elektronischer Musik und kehrte der Szene den Rücken. Mittlerweile hat der Künstler seine radikalen Konsequenzen gezogen.

"Der erste Star der Technomusik", "Technowunderkind", "Mozart des elektronischen Zeitalters" - in den Neunzigern war Harald Blüchel alias "Cosmic Baby" der Star der internationalen Technoszene. Ende der Neunziger kehrte er der Szene den Rücken - sein letzter Live-Auftritt liegt sieben Jahre zurück. Öffentlich trat er nur noch als Komponist für Theatermusik an den Schauspielhäusern in Stuttgart, Zürich und Hamburg in Erscheinung. Nun beginnt er eine Album-Trilogie - mit dem Sound von damals haben die neuen Stücke nichts mehr zu tun.

"Irgendwann verschwand der Mensch hinter der Kunstfigur" - Cosmic Baby Mitte der Neunziger.

(Foto: Foto: harald-bluechel.com)

sueddeutsche.de: Ihre letzte Veröffentlichung liegt acht Jahre zurück. Warum ist soviel Zeit vergangen, bis Sie wieder ein Album veröffentlichen?

Harald Blüchel: Ich brauchte sehr lange, die Erfahrungen meines bisherigen Lebens zu verarbeiten. Ende der Neunziger war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich an der existentiellen Frage nicht mehr vorbei kam - ob ich an einem lieb gewordenen Status festhalten sollte, der mir unterschwellig mehr und mehr Unbehagen bereitete.

sueddeutsche.de: Mitte der Neunziger standen Sie im Rampenlicht aller wichtiger Musik-Medien. Sie galten als Star und Liebling der Techno-Szene. Warum arbeiten Sie nicht unter Ihrem alten Namen weiter?

Blüchel: Die Musik auf "Stellar Supreme" und "thinking about myself", auch die Art, wie ich Live-Konzerte spielte, entsprach meinem damaligen Lebensgefühl. Ich fühlte mich als "Cosmic Baby" authentisch. Doch das entwickelte sich mehr und mehr zum zwanghaften Abbild, zur Rolle, zur Marke: Für das Publikum, wie für mich selbst verschwand der Mensch Harald Blüchel hinter der Kunstfigur. Ich erlebte, dass mir mein eigenes Programm davon flog. Das ging soweit, dass ich mir irgendwann sowohl im Studio als auch im öffentlichen Raum die Gedanken machte: Entspricht das jetzt noch "Cosmic Baby" oder nicht? Erst in der Reflexion aus einem gewissen Abstand heraus wurde mir klar, dass es sich hierbei nicht nur um ein individuelles, sondern um ein allgemein gesellschaftliches Dilemma handelt...

sueddeutsche.de: Weil man versucht, dem Bild zu entsprechen, das die Umwelt von einem hat?

Blüchel: Genau. Jeder versucht sich den Erwartungen seiner Umwelt entsprechend zu verhalten, weil man in einer auf Konkurrenz und Markt basierenden Gesellschaftsform eben nur derjenige zählt, der "erfolgreich" ist. Wir haben dieses Verhalten aus unserer Sozialisation heraus so verinnerlicht, dass es von vielen Verlustängsten begleitet ist, zu einem "was bin ich eigentlich Selbst?" oder "bin ich ausschließlich die Summe der ankonditionierten Bilder?" zu kommen.

sueddeutsche.de: In Ihrer Biografie steht unter dem Jahr 1995 "Reaktion auf die immer ungeniertere Vermassung seines Sounds durch Andere mit der ersten Eigenveröffentlichung, der 40-minütigen Komposition 'Stunde Null'". Gab es für Sie einen punktuellen Bruch mit der Techno-Szene?

Blüchel: Nein, das war eher ein evolutionärer Prozess. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Szene stark und hatte wenig bis nichts mehr mit dem zu tun, was mich anfangs begeisterte: aus einer eher kollektiven Spielwiese wurde ein Unterhaltungs-Marktplatz wie jeder andere.

sueddeutsche.de: Sie waren 1989 auf der allerersten Love-Parade in Berlin mit 150 Teilnehmern. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Blüchel: Es war wunderbar. Ich kam aus Nürnberg nach Berlin. Kaum war ich dort, habe ich Leute kennen gelernt, die genau dasselbe wollten wie ich: mit ein paar Synthezisern und Rhythmus-Maschinen eine neue Musik machen. Ich konnte an einer spannenden Entwicklung von etwas Neuem teilhaben und mitgestalten - etwas, das sich wohl jeder Künstler wünscht. Es gab damals keine Unterschiede zwischen Fans und Machern.