Interview mit Björk "Ich habe mich höllisch gelangweilt"

Die Sängerin Björk spricht mit dem isländischen Musiker und Autor Gunar "Dr. Gunni" Hjálmarsson über ihr neues Album, über die ruhige Kugel, die sie lange geschoben hat, und das Glück, in Island geboren zu sein.

Björks sechstes Studio-Album "Volta" ist gerade erschienen. Es wurde mit Hilfe des amerikanischen Hip-Hop-Produzenten Timbaland und des Sängers Antony eingespielt und Björk stellt es zurzeit auf einer Welttournee mit einer rein weiblichen isländischen Blaskapelle, einem Schlagzeuger und einigen Computer-Musikern vor.

Björk beim Coachella Valley Music & Arts Festival im April 2007.

(Foto: Foto: AP)

Kurz vor ihrer Abreise aus Reykjavik gab Björk dem isländischen Musiker und Autor Gunar "Dr. Gunni" Hjálmarsson ein Interview. Beide wurden 1965 geboren und kennen sich von gemeinsamen Tourneen in den späten achtziger Jahren, als Björk Sängerin der isländischen Rockgruppe The Sugarcubes war und Dr. Gunni bei den Avantgardegruppen S. H. Draumur und Bless spielte.

SZ: Dein neues Album heißt "Volta". Worin unterscheidet sich diese Platte von deinen früheren?

Björk: Durch die Arrangements für die Blasinstrumente. Doch das meiste daran ist nicht eigentlich neu - es ist eher eine beachtliche Weiterentwicklung des Bisherigen. Ich kann, glaube ich, inzwischen wesentlich mehr aus dem Computer herausholen. Auch bei der Bearbeitung und bei den Beats bin ich besser geworden. Außerdem habe ich gelernt, den Stücken - trotz monatelanger Arbeit an ihnen - etwas Raues und damit ihre Kraft zu lassen.

SZ: Hat dich das Comeback der Sugarcubes 2006 beeinflusst? Machst du jetzt Musik, die mehr an Pop erinnert als dein etwas sperriges "Medulla"-Album?

Björk: Nein. Aber bei "Volta" hat die Überlegung eine Rolle gespielt, dass die Musik live aufgeführt werden soll. Und weil ich so damit beschäftigt war, mir Gedanken darüber zu machen, was auf der Bühne wirkt und was nicht, war ich vielleicht eher bereit, wieder mit den Sugarcubes aufzutreten. Vielleicht entdeckte ich dabei auch ein bisschen die Sängerin in mir neu und das, was das Publikum anturnt. Die Zusammenarbeit mit Sigtryggur Baldursson, dem Schlagzeuger der Sugarcubes, war natürlich phantastisch. Nachdem ich 16 Jahre lang mit der Programmierung elektronischer Beats herumexperimentiert hatte, arbeitete ich bei diesem Album zum ersten Mal wieder mit einem Schlagzeuger.

SZ: Was bedeutet eigentlich "Volta"? Heißt so nicht irgendein Mann?

Björk: Doch. Ein italienischer Wissenschaftler hieß so, der die Batterie erfunden hat. Aber Volta ist auch der Name eines Flusses in Afrika, den sie gestaut haben. So entstand der Volta-Stausee. Dieser Name hat viele Bezüge. Auch John Travolta sollten wir nicht vergessen!

SZ: Findest du, dass es schwieriger wird, Popstücke zu schreiben, wenn man älter wird? Ich frage das, weil ich selbst diese Erfahrung gemacht habe und wir gleich alt sind.

Björk: Es ist für mich immer ähnlich schwierig - oder leicht. Am schwierigsten ist es natürlich, die Musik zu schreiben, die du gerade jetzt im Blut hast. Nicht die Musik, die dir vor zwei oder vor zehn Jahren im Blut lag. Das verlangt von dir, dich mit dir selbst neu auseinanderzusetzen, damit das, was du in dir hast und das, was aus dir herauskommt, miteinander harmonieren. Wenn ich das nicht erreiche, baut sich bei mir unterschwellig ein ziemlicher Druck auf und ich werde sehr unruhig. Ich glaube aber, dass das Alter keinen Unterschied macht. Ich bin sehr kämpferisch, wenn es um die altersbezogene Gleichberechtigung geht. Jedes Alter ist wichtig. Es ist nicht so, als ob wir eines Morgens aufwachen würden und mit allen unseren Gefühlen ist es vorbei.

SZ: Hast du schon mal das Interesse an der Musik verloren? Gedacht, dass alles in der Musik schon mal da war?

Björk: Musik ist so wie die Menschen, die sie machen. Zu sagen, alle Songs seien schon mal geschrieben worden ist so, als würde man sagen, alle Kinder seien schon mal geboren worden und es sei unmöglich, ein Kind zu zeugen, das so noch nie dagewesen, also einzigartig ist. Ich glaube, wir dürfen da ruhig der Natur trauen. Die Natur wird schon weiterhin für Vielfalt sorgen.

SZ: Ist das Album als Format nicht überholt?

Björk: Nun, man kann mein Album ja auch in einzelnen Songs herunterladen, aber zwischen den Songs habe ich Geräusche aus der Umgebung eingebaut, die das Album wie eine große Reise wirken lassen. Man kann beides haben. Wir brauchen uns nicht zu entscheiden.

SZ: Schreibst du deine Songtexte noch immer, nachdem du zuerst die Stimm-Melodie komponiert hast?

Björk: Ja. Aber wenn ich in meinem Notizbuch eine Menge Worte notiert habe, dann fügen sich manchmal Melodien und Worte wie bei einem Puzzle ineinander.

SZ: ...und noch immer zuerst in Isländisch oder gleich in Englisch?

Björk: Sowohl als auch. Wenn ich zum Beispiel Texte für isländische Freunde schreibe, tue ich das in isländischer Sprache. Aber es wäre dumm, Texte auf Isländisch zu verfassen, wenn man für Leute schreibt, die nur Englisch verstehen.

SZ: Hast du schon mal eine Schreibblockade gehabt?

Björk: Hmm...das Unterbewusstsein besteht aus vielen Schichten und meist ist eine von ihnen gerade zugänglich, während all die anderen fest verschlossen sind. Ich halte wenig davon, mich zu sehr unter Druck zu setzen. Wenn ich an einer Stelle nicht vorankomme, gehe ich zur nächsten über. Später kann ich dann zur ersten Stelle zurückkehren, wenn ich merke, dass mein Inneres jetzt dafür bereit ist. Vielleicht sind deshalb meine Alben so unterschiedlich im Stil. Würde ich hintereinander zwei Alben herausbringen, die sich sehr ähnlich sind, dann würde ich mit Sicherheit eine Schreibblockade entwickeln. Vielfalt und Freiheit sind sehr wichtig. Es lebe die Spontanität!

SZ: So weit ich weiß, geht es bei den Songtexten in "Volta" um deine Erfahrungen im Tsunami-Katastrophengebiet in Indonesien und um deine Beziehung zu deinem 21-jährigen Sohn Sindri. Ist das richtig?

Björk: In einem der Songs geht es um meine Reise nach Indonesien und ein anderer Song ist für Sindri geschrieben, aber darin mache ich mich über mich selber lustig. Darüber, wie albern ich mich dabei angestellt habe, dem Teenager in mir Lebewohl zu sagen. Ich achte Sindri viel zu sehr, um mir das Recht herauszunehmen, vor Millionen Menschen etwas über ihn preiszugeben. Das würde ich ihm niemals antun. Doch das Album enthält noch acht weitere Songs. Über ganz andere Dinge.

SZ: Manchmal denke ich darüber nach, welches Glück wir haben, in Island geboren zu sein. Zum Beispiel ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass wir uns je um unsere nächste Mahlzeit sorgen müssen, wie das bei einem großen Teil der Weltbevölkerung der Fall ist.

Björk: Absolut! Die Frage ist nur, ob wir dieses Privileg dadurch erhalten, dass wir Tausende Dämme errichten und Tausende Aluminiumfabriken bauen - und zu einem zweiten Frankfurt werden.

SZ: Die meisten wollen wohl so gute Menschen sein wie irgend möglich. Vor der eigenen Haustüre zu kehren ist gewiss der erste Schritt zu einer besseren Welt. Doch was lässt sich darüber hinaus tun? Isst du zum Beispiel nur Naturkost und verzichtest auf Kleidung, die in ausbeuterischen Betrieben armer Länder hergestellt wurde?

Björk: Ich mache mich damit nicht verrückt. Immerhin gibt es inzwischen Bioprodukte in ganz normalen Supermärkten zu kaufen. Das finde ich prima, doch es ist eine Schande, dass diese Dinge immer noch viel zu teuer sind. Schlimm, dass gesunde Nahrung als Luxus gilt.

SZ: Droht die Gefahr, wie Bono - diese predigende Pest - zu werden, wenn man zu viel über diese Dinge nachdenkt?

Björk: Ich schreibe die meisten Songs eher für mich selbst als für andere. Ich erkläre anderen nicht, wie sie sich zu verhalten haben. Mein Stimmzettel ist immer leer geblieben, und in die Politik mische ich mich nicht gern ein.

SZ: In einem Interview habe ich mal gehört, dass du gegenüber organisierter Religion sehr negativ eingestellt bist - siehst du darin die Wurzel allen Übels?

Björk: Religion finde ich sehr ermüdend, das ist wahr.

SZ: Verstehst du dich als Atheistin?

Björk: Ist das nicht auch eine Form von Religiosität? Ich halte mich aus diesen Dingen eher raus.

SZ: Wie bereitest du dich jetzt auf die nächsten Monate vor?

Björk: Ich bemühe mich, jeden Tag etwas zu tun, aber ich brauche Abwechslung. Manchmal schwimme ich, gehe spazieren oder nehme das Fahrrad. Auch Joggen, Yoga und die Arbeit am Gyrotonic-Gerät gehören dazu. Aber ich habe mich für die Tournee nicht eigens ins Zeug gelegt. Sänger werden sich wohl allgemein sehr schnell bewusst, dass ihr Körper ihr Instrument ist. Man kann sich gewisse Dinge einfach nicht erlauben, die anderen Musikern nichts anhaben.

SZ: Warst du nicht versucht, dich dem Stress zu entziehen, einfach deine Platte herauszubringen und dann in Reykjavik eine ruhige Kugel zu schieben?

Björk: Ich habe schon eine ganze Weile eine ruhige Kugel geschoben. Meine letzte Tour war vor vier Jahren. Aber ich habe mich höllisch gelangweilt.

Deutsch von Eva Christine Koppold

Björk, die Schwanenkönigin

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