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Interview mit Architekt Wolf Prix:"Auf eine Ästhetik der Offenheit reagiert Dubai allergisch"

Keine Kasernen, keine Atomkraftwerke, keine Wohnungen in China: Wolf Prix, Mit-Gründer des Büros "Coop Himmelb(l)au", über Architektur und Moral.

Alexander Hosch

Wolf D. Prix gründete gemeinsam mit Helmut Swiczinsky 1968 in Wien das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. Seit 1988 unterhält Coop Himmelb(l)au auch ein Büro in Los Angeles.

Wolf Prix

Architekten dürfen sich nicht zum Sprachrohr machen: Wolf Prix.

(Foto: Foto: Rumpf)

SZ: Viele berühmte Architekten bauen in China. Ihr Büro nicht. Warum?

Wolf Prix: Die schlechtesten Eigenschaften des Turbokapitalismus treffen sich dort mit den schlechtesten Eigenschaften des autoritären Kommunismus. Die chinesischen Partner benutzen westliche Architekten nur zum Knowhow-Transfer. Viele Projekte werden ihnen nach dem Vorentwurf abgenommen, es gibt keinen Austausch auf Augenhöhe.

SZ: Was heißt das konkret?

Prix: Im Wettbewerb um die Oper für Guangzhou zum Beispiel mussten wir 2002 seitenlange Verpflichtungen unterschreiben. Das Honorar für den Entwurf erhielten wir jedoch erst vier Jahre später. Deshalb haben wir alles gecancelt.

SZ: Jetzt baut Zaha Hadid. Die ist doch nicht etwa billiger?

Prix: Es gibt in China immer zwei Auswahlkriterien. Von der Jury werden zwei, drei Entwürfe für eine Meinungsumfrage im Internet ausgesucht. Parallel dazu wird über Honorare verhandelt. Wir arbeiten nicht zu den Sätzen, die da geboten werden.

SZ: 2005 nahmen Sie aber noch einmal an einem Stadion-Wettbewerb teil.

Prix: Ich habe mich überreden lassen. In unserem Entwurf für Shenyang gliederten wir mehrere Stadien in ein hybrides Gebäude ein, das wir mit anderen Funktionen verbanden, so dass ein lebendiges Sportzentrum entstanden wäre.

Das wollten die Chinesen auf keinen Fall. Sie schrieben nachträglich ein Raster vor, in dem das Trainingsstadion von der Wettkampfarena fünf Kilometer entfernt gewesen wäre. Grotesk.

SZ: Ist es für Sie eigentlich vertretbar, wenn europäische Architekten einem Regime, das keine Pressefreiheit kennt, den Neubau fürs Staatsfernsehen liefern?

Prix: Es wäre absurd, Rem Koolhaas wegen des CCTV-Turms einen Vorwurf zu machen. Brunelleschi hat auch für eine damals autoritäre Kirche die Kuppel auf den Florentiner Dom gesetzt. Ein Architekt darf sich nur nicht zum Sprachrohr machen lassen! Sonst wäre er nicht besser als jene Kollegen, die in den dreißiger Jahre mit ihren Projekten von einem autoritären Regime zum nächsten reisten.

SZ: Koolhaas verbindet den Pekinger Bau mit einer offenen Besucherschleife und einer Publizitätslawine. Kann die Form den Inhalt läutern?

Prix: Ich würde sagen: nein. Gebäude können manches verhindern, aber nichts fördern. Da verlangt man zu viel.

SZ: Würden Sie in Dubai bauen? Auch nicht gerade eine Demokratie.

Prix: Man ist dort unseren Entwürfen gegenüber skeptisch - wie in China. Auf eine Ästhetik der Offenheit reagiert man hier wie da höchst allergisch.

SZ: Würden Sie für Gazprom bauen?

Prix: Zu dem Wettbewerb um die neue Zentrale in Sankt Petersburg waren wir leider nicht eingeladen.

SZ: Leider? Gazprom kauft Russlands Medien auf und schaltet sie gleich. Keiner weiß, wo der Staat aufhört und die Firma anfängt. Müssen Architekten nie politisch denken?

Prix: In dem Fall lassen sich Architektur und Politik wirklich nicht auseinander halten. Aber Planen und Bauen sind zweierlei. Ich hätte gerne eine Stellungnahme zu dem städtebaulichen Problem abgegeben. Die Gazprom-Zentrale wird das einzige große Haus in Sankt Petersburg sein. Und Türme sind ja nicht a priori Machtbauten, sondern Architektur-Archetypen, die für Selbstbewusstsein, Überblick und auch für Erotik stehen.

SZ: Bei Wettbewerben in Russland, China oder den Emiraten kommen gerade monumentale Entwürfe oder riesige Achsen wieder in Mode. Was soll daran besser sein als früher? Wo bleibt der menschliche Maßstab?

Prix: Einzelne große Gebäude stören mich nicht. Aber Achsen und Monumente als Städteplanung sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Rückschritts. Ein Fehler ist auch, nur auf Autos, die mit Benzin angetrieben werden, zu setzen, ohne an die Folgen für die Umwelt zu denken - ein Vorwurf an die chinesische Regierung. Es wäre doch viel intelligenter, die Entwicklung des ressourcenschonenden Hybridautos zu verfolgen. Wenn man aber jetzt die Infrastruktur nur für Benzintankstellen plant, ist das eine Fixierung auf Jahrzehnte.

Das zweite Problem besteht darin, dass die Wasserressourcen für China noch nicht erforscht sind und auch da keine Konsequenzen gezogen werden können. Schon deshalb finde ich das Konzept einer neuen Stadt mit einem See in der Mitte bedenklich.

SZ: Sie meinen von Gerkans Satellitenstadt für 800 000 Menschen bei Shanghai.

Prix: Idealstädte sind kein sinnvoller städtebaulicher Ansatz mehr. Für eine kluge Entwicklung - ich bin ja optimistisch und gehe von einer allmählichen demokratischen Transformation Chinas aus - braucht es weder Ideal- noch Achsenstädte, weil diese Ideen einfach nicht mehr zeitgemäß sind.

Mir ist die Einbettung des Bauens in größere Zusammenhänge wichtig: Neben dem Wasserproblem ist die Ressourcenvergeudung in China ein großes Problem. Wir wollten ein Stadion bauen, das alle gewünschten Funktionen integriert. Die Chinesen wollten fünf Stadien, viele Kilometer voneinander entfernt. Was für eine Energieverschwendung!

SZ: Wovon sollen Architekten die Finger lassen?

Prix: Ich kann nur für uns sprechen: Die Architekten sollten sich von der Politik nicht instrumentalisieren lassen. Wir bauen nicht in China oder Dubai. Lieber in Südkorea - das ist eine asiatische Demokratie und der Auftrag ist unverfänglich: das neue Filmcenter für das Kinofestival von Pusan.

SZ: Was werden Sie nie bauen?

Prix: Atomkraftwerke. Militärkasernen. Und in China keine Wohnbauten. In Peking oder Hongkong werden bestehende Viertel radikal niedergerissen. Ersatz liefern dann neue, noch schrecklichere Bauten. Le Corbusier hatte nicht Recht. Die städtebauliche Tabula rasa ist der falsche Weg.

© SZ vom 3.1.2007
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