Internetvideo der Woche Sie nannten ihn Sugarfoot

Dass ein einbeiniger Mann zum Footballstar wird, glaubt man erst, wenn man es sieht: Jetzt stehen die verschollenen Filmaufnahmen des Ausnahmesportlers Carl Joseph im Netz.

Von Christian Kortmann

Das muss man auch erst mal schaffen: ganz Großes geleistet zu haben, und im Internet trotzdem ein Unbekannter zu sein. Zur Karriere des Sportlers Carl Joseph gibt es nur wenige Fundstücke im Netz und keinen Eintrag bei Wikipedia. Dabei ist Carl Joseph einer der bemerkenswertesten Sportler aller Zeiten, für den einstigen NFL-Football-Profi Dan Dierdorf sogar "der aufregendste Athlet, den ich jemals sah".

Auf den ersten Blick ist Carl Joseph nur einer von vielen: In den späten 1970ern und frühen 1980ern war er als Leichtathlet aktiv und spielte Highschool-Football und -Basketball auf Schulauswahl-Niveau. Bestleistung im Hochsprung: schlappe 1,78 Meter - so what? Doch auf den zweiten Blick erkennt man, was Josephs Karriere einzigartig macht: Er übte all diese Sportarten aus, obwohl er mit nur einem, dem rechten, Bein geboren wurde.

"Begafft ihn nicht, holt ihn euch!"

Vor nun bald 30 Jahren wurde Carl Joseph berühmt, tingelte durch die amerikanischen Medien, erhielt Fanpost von Bewunderern und wurde mit Preisen dekoriert. Dann wurde seine Geschichte vergessen, auch mangels handhabbarer Beweise. "Ohne die Bilder vor Augen zu haben, glauben mir die Menschen meine Geschichte nicht", sagt der 47-Jährige heute.

Unterstützt vom Journalisten Jeff Meyers hat er die verschollenen historischen Filmaufnahmen jetzt endlich zurückerlangt und präsentiert mit dem Internetvideo "Most Amazing Athlete I've Ever Seen!" sein Lebenswerk einer neuen Generation.

Wie in einem Wimmelbild muss man Joseph in den bewegten Football-Szenen suchen, so harmonisch fügt er sich ins Geschehen ein. Man sieht den Spielzügen die Präsenz eines außergewöhnlichen Spielers nicht an. Dank seines phantastischen Gleichgewichtssinns erreicht Joseph trotz seiner Beschränkung eine Eleganz und motorische Finesse, die jener der Zweibeiner in nichts nachsteht. Im Video gelingt es ihm, einen Gegner zu Boden zu werfen, nicht weil er schneller ist, sondern weil er dessen Laufweg erahnt.

Die Schwarzweißaufnahmen scheinen nicht nur einer anderen Zeit, sondern auch einer irrealen Welt zu entstammen. Grund dafür ist allein unser Mangel an Phantasie: Man hat ja nie darüber nachgedacht, ob jemand mit einem Bein in physisch fordernden Sportarten wie Basketball und Football mithalten könnte. So fällt das Video auch bei YouTube auf, wo man immer das sucht, was man noch nie gesehen hat. Schon während Josephs Sportkarriere kursierten die Aufnahmen unter Football-Experten, die diesen Balanceakt für unmöglich hielten. Nachdem sie Carl live auf dem Sportplatz gesehen hatten, schwärmten sie von seiner Inspirationskraft und tun dies bis heute.

Von Carl Joseph geht eine ganz und gar unpeinliche erbauliche Wirkung aus, da seine Botschaft gesättigt ist von eigener Erfahrung und dem riesigen Willen, sich trotz bester Voraussetzungen zum Außenseitertum nicht an den Rand der Gesellschaft drängen zu lassen. Joseph wuchs auf einer Tabakfarm im Norden Floridas mit neun Geschwistern und einer alleinerziehenden Mutter auf. Schon als Kind stellte er sein Holzbein am liebsten in die Ecke, weil die Prothese für ihn die eigentliche Behinderung war.

Als er in der Schule mit Basketball begann, schrien die gegnerischen Trainer ihre Spieler an: "Begafft ihn nicht, holt ihn euch!" Bald spielte er Basketball und Football in der Schulauswahl, und seine Mitspieler, die glaubten, dass er es zu Ruhm und Reichtum bringen würde, nannten ihn "Sugarfoot". Wenn man ihn heute fragt, ob er die Geschichte seines Lebens als Ausdruck der "Yes we can"-Philosophie begreift, antwortet er: "Ja. Yes I can!"

Freude schöner Götterfunken

Carl Josephs Lebenswerk ist eine Wiederentdeckung in doppelter Hinsicht. Zum einen erzählt das Medium Internetvideo die Geschichte auf eigene kondensierte Art neu. Zum anderen trifft die Botschaft auf ein Publikum, das für menschliche Zwischentöne im martialischen Sportgeschehen empfänglicher ist denn je. In Zeiten, in denen Hochleistungssport durch die Dopingpraxis an Glaubwürdigkeit verloren hat und per se zweifelhaft geworden ist, zeigt Carl Joseph, wie man im Sport sich selbst vollendet, statt die Ansprüche der anderen zu erfüllen.

Er formuliert das Gegenideal des Strebens nach dem perfekten Körper, nämlich die Akzeptanz des Defekts und seine Perfektionierung. Ein Foto zeigt Joseph auf dem Boden der Sporthalle, der Basketball rotiert auf den Fingern, das Bein mit dem mächtigen Oberschenkel liegt wie ein Baumstamm da - schon klar, dass diesen Mann nichts umwirft.

Behindertensport kam für ihn nie in Frage, diese Wahlmöglichkeit steht nicht jedem offen, der verunglückt oder mit einem Handicap zur Welt kommt. Aber es war sein, Carl Josephs Weg. Als Soundtrack wäre in Carl Josephs Clip neben Beethovens Neunter sogar Sinatras "My Way" angebracht.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen