Internetvideo der Woche Ein ganzer Kerl dank Army

Sieht aus wie ein großer Hund, heißt auch so, und arbeitet fürs Militär: BigDog, der beste Roboter der Welt, sowie die perfekten Androidinnen für "Germany's Next Topmodel".

Von Christian Kortmann

Vom ersten Moment an erzeugt dieser Clip ein unangenehmes Gefühl: Da läuft etwas Lebendiges durch den Wald, dessen Körperform nur entfernt an bekannte Lebewesen erinnert. Handelt es sich vielleicht um einen Verrenkungskünstler, wie man sie aus dem Zirkus kennt? Nein, dafür ist der Rumpf zu zierlich, und die bodennahe Kamera lässt das Wesen ohnehin größer erscheinen als es ist. Aus menschlicher Perspektive spielt sich also eine ziemliche Freakshow ab, doch aus technologischer Sicht wohnt man einem Wunder bei: Was da durch den Wald läuft, ist BigDog, das "Alpha-Männchen der Roboterfamilie" aus der Hightechschmiede Boston Dynamics.

Der "Große Hund" ist angeblich der technisch am weitesten fortgeschrittene vierfüßige Roboter der Welt, das heißt, derjenige, von dessen Existenz wir wissen. Gut möglich, dass das Militär über noch ausgereiftere Maschinen verfügt. Auch die Entwicklung von BigDog wurde vom amerikanischen Verteidigungsministerium finanziert: Bis zu 160 Kilogramm kann der 70 Zentimeter große und 75 Kilogramm schwere Muli-Roboter tragen, er ist ein Lastentier für unwegsames Terrain, zur Not kann man sogar auf ihm reiten. Ja, mit ein paar leichtgewichtigen Jockeys in spacigen Trikots könnte man in Las Vegas aufregende BigDog-Rennen veranstalten.

Das große Problem beim aufrechten Gang von Robotern ist die Balance, denn der komplexe Gleichgewichtssinn ist eine genuin menschlich-tierische Stärke. BigDog bewegt sich nicht nur mit hündischer Trittsicherheit in schwierigem Gelände, sondern reagiert sogar auf veränderte äußere Einflüsse: Nach einem Tritt in die Seite taumelt er zwar, fängt sich aber sofort wieder. Seinen Weg durch den Wald sucht er wie ein intelligentes Wesen, ja, wie ein Mensch, nicht stur geradeaus, sondern dem besten Pfad in eine ungefähre Richtung folgend.

Im Schnee kennt BigDog weder Mühen noch mentale Ermüdung und marschiert unnachgiebig weiter. Auf Eis balanciert er, wie es zwei Menschen tun würden, die mit den Köpfen in einer Regentonne feststecken. Und in den Laborszenen hängt Hochleistungssportler BigDog an den Schläuchen und zeigt, dass er pferdeähnlich traben und springen sowie Schuttberge erklimmen kann.

Was irritiert uns nun an diesem dokumentarischen Werkstattbericht? Dem menschlichen Wahrnehmungsapparat genügt schon ein Strichmännchen, das Arme und Beine schwingt, also nur entfernt menschenähnlich ist, um zwischenmenschliche Gefühle zu entwickeln. Deshalb ist uns BigDog mit seinen flüssigen Bewegungen der Gliedmaßen auf Anhieb nahe.

Quietschvergnügte Standhäschen

Der der Natur abgeschaute Körperbau von BigDog und sein Nachahmen der Gleichgewichtstechnik der Hunde animieren ihn auf einnehmendste Weise. Dagegen kann man sich zwar mit rationaler Anstrengung sträuben, das Gefühl der tamagotchihaften Sorge um die Maschine bleibt jedoch wider besseren Wissens bestehen: Wenn er brutal getreten wird oder auf dem Eis schlingert, regt sich Mitgefühl für die Maschine.

BigDogs Beine sind spinnenhaft dünn, sein Benzinmotor, der die Hydraulik antreibt, brummt wie ein Insekt, und seine Packtaschen erinnern an zwei Fliegenaugen: Das überlegene Auftreten dieses fremd-vertrauten Roboters macht auch Angst. Denn in manchen Aspekten ist er jetzt schon jedem Hund überlegen: So hat er eine Stoßdämpfung und recycelt die Energie des Aufpralls. BigDog ist heute schon so erschreckend perfekt, wie sich vor nicht allzu langer Zeit Science-Fiction-Autoren und -Regisseure ganze Maschinenarmeen vorgestellt haben, die die Menschheit unterjochen.

Andere Roboter wirken neben BigDog statisch und frühvergreist. Interessant bleibt dennoch die Entwicklung von Androiden, menschenähnlichen Maschinenwesen. Der weibliche Roboter DER-Actroid, der im Clip "Actroid Female Robot" als Hostess Messebesucher begrüßt, setzt die Tradition der Automatenmenschen fort, die das Publikum schon vor 100 Jahren auf Jahrmärkten in ihren Bann zogen. So eloquent wie Actroid smalltalkt und mit Ganzkörpergesten eine ungezwungene Atmosphäre schafft, kann man kaum ausschließen, dass man auf der ein oder anderen Party nicht schon mit ihr oder einer ihrer Schwestern kurzweilige Minuten verlebte.

Germany's Next Top-Actroid

Auf der Website des Herstellers Kokoro werden die DER-Damen zur Miete angeboten, um als "Booth Bunny", als Standhäschen, Gäste oder Kunden zu begrüßen. Die beste Eigenschaft von DER2, DERs jüngerer Schwester seien ihre langen Beine und ihr Lächeln, wie es heißt, und auch als Fashion Model sei sie sehr talentiert.

Zehn bis 20 Stück dieser Dinger zu mieten, könnte auch die Produktionskosten mancher Model-Castingshow reduzieren. Man bräuchte dann nämlich keine Zickenkrieg-WG mehr, eine Garage täte es auch. Und die, die rausfliegen, gehen einfach mit BigDog spazieren.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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