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Internetvideo der Woche:"Achtung, ich kann Blamage"

Karatekunst ist das Ergebnis demütigen Trainings, doch diese Herren wollen schon beim ersten Training elegant sein: Kampfsport-Blamagen in der Clip-Kritik.

Christian Kortmann

"Vorsicht, ich habe einen schwarzen Gürtel in Karate": Mit diesem Hinweis trachtete man in jungen Jahren, sich körperliche Auseinandersetzungen auf dem Schulhof vom Leib zu halten. In Wahrheit konnte man gar kein Karate. Doch wenn die verbale Einschüchterung gelungen war, konnte man die Aura seiner physischen Wehrhaftigkeit weiter vergrößern, indem man konziliant erwähnte, dass man die meisterlichen Karate-Fähigkeiten im Alltag gar nicht einsetzen dürfe, weil dies für jeden Gegner lebensgefährlich sei.

Unser Karatelehrer Dr. Specht

Man entwächst dem Schulhof, körperliche Auseinandersetzungen werden seltener, doch der Wunsch nach Unantastbarkeit bleibt. Den schwarzen Gürtel trägt man also immer noch - zumindest mental tanzt man wie ein Ninja auf einem Stecknadelkopf balancierend um die eigene Mitte. Bei echten Karatekunst-Anwärtern ist dafür hartes Training nötig, ein langer steiniger Weg, der ohne Missgeschicke nicht zu nehmen ist. Eine der ersten Hürden taucht in Form der unbeweglichen Hartgummipuppe auf, die nach allen Regeln der Kunst vermöbelt werden will. Wie viel Widerstand dieser unbewegliche Gegner leistet, merken die Kandidaten im Clip "Karate Casting".

Amateure demonstrieren vor der Kamera, wie sie sich Karate-Bewegungen vorstellen, beziehungsweise was sie beim Anschauen von Karate-Filmen gelernt haben. Das dynamische Attackieren der maskierten Puppe ist für die meisten jedoch eine zu große Herausforderung: Wie aus dem Nichts schießen ehrgeizige junge Männer heran, verfehlen übermütig das Ziel - und fliegen knapp an der Prügelscheuche vorbei.

Mit lauten Schreien wird sie bearbeitet, doch selbst wenn sie Ohren hätte, bliebe sie wohl unbeeindruckt. Denn das Fauchen und Stöhnen ist weniger Ausdruck von Aggressivität als blitzartiger Erschöpfung geschuldet: Unterm Strich legt die starre Puppe mehr Kombattanten aufs Kreuz als umgekehrt.

"Ich verliere nie", kündigt ein Kämpfer an und verblüfft mit einer als Purzelbaum getarnten Judorolle. In diesem Video wirken die Trainingsgeräte wenig martialisch, sondern eher wie Kratzbäume, an denen sich übermütige Kater die Krallen abwetzen. "Ich hoffe, du magst Schmerzen", miaut einer mit entschlossenem Blick in die Kamera, um sich bei seinen Pirouetten nur selbst weh zu tun.

"Including the failed backflip", steht in den Anmerkungen des Clips, als handele es sich dabei um ein Gütesiegel. Schließlich ist der "Afro Ninja", der sich bei einem Salto selbst außer Gefecht setzt und außerhalb des Blickfelds der Kamera scheppernd scheitert, im Netz zu Berühmtheit gelangt. Er steht für den maximalen Gegensatz zwischen professionellen Posen und dilettantischer Umsetzung: Die Eleganz des Karatekämpfers ist das Ergebnis demütigen Trainings, doch diese Herren wollen schon beim ersten Training elegant sein.

Dass auch in der weiteren Karate-Karriere mit Rückschlägen gerechnet werden muss, beweist der Clip "Stupid Karate Expert", in dem der Sisyphos-artige Kampf eines Mannes gegen ein böswilliges Stück Holz gezeigt wird.

Der Schwarzgürtelträger will in einem Lehrfilm erklären, wie ein Brett korrekt mit dem Kopf zerteilt wird, doch es gelingt ihm nicht, obwohl er es bearbeitet wie der Specht den wurmbefallenen Baum im Morgentau. Auch das Hadern mit dem Assistenten und frische Luft bringen keine Besserung. An zu wenig Leidenschaft und Willen kann es bei Dr. Specht nicht liegen, der Kopf ist zu allem bereit, aber der Schädel muss das alles verkraften. "Dummer Experte" ist eben nur ein scheinbarer Widerspruch.

Ähnlich liegt der Fall im Video "Kick in failure". Ein Soldat ist im Manöver dem Gruppendruck ausgesetzt, sich als harter Kerl beweisen zu müssen, und zwar in einer Disziplin, die in zahllosen Spielfilmen als kinderleicht vorgeführt wurde: dem Eintreten einer Haustür.

Als dies dem Soldaten mehrmals nicht gelingt, gibt er auf und wird von seinem Ausbilder zurechtgewiesen, gefälligst nicht nur zart anzuklopfen. Doch der Soldat hat nicht mit zu geringer Härte vor die Tür getreten, sondern schlicht an der falschen Stelle.

Lebenshilfe mit Meister Miyagi

Diese drei Videos sind Selbstdarstellungen von Menschen, die sich nicht als das präsentieren, was sie sind, sondern so, wie sie gerne wären. In ihrer Komik führen sie die Kluft zwischen Novizentum und Meisterschaft, zwischen Wollen und Können, eindrücklich vor. Daraus allein zu folgern, dass man manchmal nicht zu viel und zu sehr wollen darf, wäre banal. Denn der Haken besteht darin, dass man zugleich manches besonders intensiv wollen muss, um zum Ziel zu kommen: Würden die Bretter brechen, wäre der "Karate Expert" nicht stupid, sondern stolz, so macht er sich zum Vorzeigeverlierer.

Herauszufinden, wann Wollen und wann Nicht-Wollen angesagt ist, macht das Leben eben so ungeheuer kompliziert. Vielleicht hat Meister Miyagi Recht: Er lehrte uns 1984 im Spielfilm "Karate Kid", dass man Karate am besten lernt, wenn man sich durch demütig-monotone Bewegungen beim Polieren von Autos und Streichen von Holzwänden auf den ganz großen Kampf vorbereitet.

Ein Dankeschön für das "Karate Casting"-Fundstück an Florian Frenzel.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

© sueddeutsche.de/rus
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