Im Kino: "Ten Minutes Older" Vaseline, Vanitas

Sieben Regisseure mit Variationen auf den Blues der Zeit: "Ten Minutes Older - The Trumpet"

Von ANKE STERNEBORG

Muße liegt in den sepiagetönten Schwarzweiß-Bildern, eine Ruhe, die nicht von dieser Welt und Zeit ist: Eine alte Frau rührt Teig an, ein Bauer fährt mit der Sense durchs Korn, ein Kind schaukelt selbstvergessen, eine Mutter schläft erschöpft von den Strapazen der Geburt, eine Frau legt Karten aus, eine andere hängt Wäsche auf die Leine. Und unbemerkt von all diesen Bewohnern des Gehöfts irgendwo auf dem Lande in Spanien breitet sich ein schwarzer Blutfleck auf dem weißen Strampler des schlafenden Neugeborenen aus.

Szenenbild aus Jim Jarmuschs Int.Trailer.Night

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Zeit ist relativ, während sie den einen grenzenlos zur Verfügung steht, läuft sie den anderen davon, wird existentiell, lebensbedrohend knapp. In zehn Minuten, in ebenso einfachen wie poetischen Bildern erzählt Victor Erice eine vielschichtige Geschichte, die das Thema Zeit ebenso beiläufig wie elegant umkreist. Wenn am Ende eine Zeitung auf dem Tisch liegt, und unter dem Datum 28.6.1940 - es ist das Geburtsjahr des Regisseurs - das Heraufziehen des Nazigrauens ankündigt, dann öffnet sich die Perspektive auf Wandel und Wahrnehmung der Zeit noch ein bisschen weiter.

Ten minutes older ... Sieben Regisseure drehen jeder für sich einen kleinen Film über die Zeit, und den einen ist sie knapp und kostbar, den anderen leer und lang zerdehnt. Zehn Minuten können genug Zeit sein, um ein Leben neu zu ordnen, wie bei Aki Kaurismäki, der seinen wortkarg lakonischen "Mann ohne Vergangenheit" Markuu Peltola hier auf Jobsuche, Brautschau und Lebensreise schickt. Sie können aber auch viel zu kurz sein, für eine unruhige, gestresste junge Schauspielerin, um zwischen zwei Filmaufnahmen zur Ruhe zu kommen - bei Jim Jarmusch, der Chloë Sevigny in ihrem Trailer innehalten lässt. Manche Regisseure nehmen die Zeitvorgabe wörtlich, wie Wim Wenders, der seinen Helden mit einer Drogenüberdosis durch die amerikanische Wüste treibt, in einen Wettlauf gegen die Zeit, dem nächsten Krankenhaus entgegen. Andere thematisieren Zeitenwenden und Epochenwechsel, wie Werner Herzog, der vom Stamm der Uru Eu berichtet, die bis vor zwanzig Jahren unentdeckt im Dschungel des Amazonas lebten, im brasilianisch-bolivianischen Grenzland, und nach ihrer Entdeckung durch westliche Ethnologen und Forscher abrupt aus der Stein- in die Neuzeit katapultiert wurden. Spike Lee wiederum polemisiert in einer Collage aus Politiker- und Wahlhelfer-Statements gegen den Ausgang der letzten US-Präsidentschaftswahl, in der innerhalb kürzester Zeit der Wahlsieger wechselte - nur ein paar Minuten hatte Al Gore triumphiert, dann wendete sich das Blatt zugunsten von George W. Bush: "We wuz robbed." Bei Chen Kaige bleibt die Zeit für den Helden einfach stehen: Während für ihn das Haus in der Hundert-Blumen-Gasse von Peking unverändert existiert, sehen die Männer vom Umzugsunternehmen im Abbruchviertel nur noch ödes Land mit Schutt und Geröll.

Statt chaotischer Beliebigkeit entsteht aus der Vielstimmigkeit von Perspektiven und filmischen Stilen ein erstaunlich harmonisches Ganzes, in dem die einzelnen Filme zu Strophen eines Gedichts werden, das zwischen Abstraktem und Konkretem oszilliert. "Ten Minutes Older" ist den Filmemachern Juris Podnieks, Hertz Frank und Chris Marker gewidmet - und gerade in Markers Filmen hat die Zeit zwischen Kinoillusion und Lebensrealität einen ganz eigenen Rhythmus gefunden. So werden denn in "Ten Minutes Older" die einzelnen Filme nicht hart voneinander getrennt, sondern auf dem Fluss der Zeit sanft dahin getragen, umspielt von den sehnsuchtsvoll melancholischen Klängen von Hugh Masekelas Trompete. Im Gegensatz zu dem unter dem Schock der Anschläge vom 11. September entstandenen Episodenfilm "11'09''01", ist hier eine gelassene Ruhe spürbar, mit der die Regisseure ans Werk gingen, und eine Lust am Bildermachen, mit neuen digitalen Farbexplosionen oder in traditionellem Schwarzweiß.

Ein lyrischer Kino-Essay also, über die individuelle Wahrnehmung von Zeit. Eine Reflexion, die natürlich kein Ende kennt. Vierzehn Regisseure aus aller Welt sind der Einladung der drei Produzenten gefolgt, und der Folgefilm ist bereits fertig "Ten Minutes Older - The Cello", bei dem unter anderen Bernardo Bertolucci, Jean-Luc Godard und Volker Schlöndorff mit von der Partie sind.TEN MINUTES OLDER - THE TRUMPET, GB/D/S/NL/Finnland/China 2002 - Regie und Buch: Aki Kaurismäki, Victor Erice, Werner Herzog, Jim Jarmusch, Wim Wenders, Spike Lee, Chen Kaige. Musik: Paul Englishby. Trompete gespielt von Hugh Masekela. Darsteller: Kati Outinen, Markku Peltola, Ana Sofia Llaño, Chloë Sevigny, Charles Esten, Amber Tamblyn, Feng Yuanzheng. Verleih: Ottfilm, 91 Minuten.