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Im Kino: Klaus Kinski über Jesus:"Gesucht wird Jesus Christus"

Wie Klaus Kinski bei seiner Jesus-Show vom Publikum attackiert wurde: Der Film "Jesus Christus Erlöser" ist ein Zeitdokument, das Möglichkeiten und Verbohrtheit der Post-68er-Generation offenbart.

Hans Schifferle

Alles ist bereit für einen unglaublichen Showdown im November 1971. Oben auf der Bühne der Deutschlandhalle in Berlin steht er, Klaus Kinski, ganz allein. Er trägt eine lila Schlaghose und ein Blümchenhemd, das gar nicht so nett wirkt, sondern verwegen: Die Blümchen sehen nämlich aus wie kleine Wunden. Das lange, strähnige Haar fällt ihm immer wieder ins Gesicht, das allen Zorn und alle Zärtlichkeit auszudrücken vermag. Er ist Diva und Furie, Poet und Desperado, Performer, Prediger und Provokateur zugleich. Eine einsame Kraft, von Scheinwerfern bestrahlt und entblößt, die gegen die fast unsichtbare Masse des Publikums steht.

"Jesus hätte eine Peitsche genommen..." - Klaus Kinski in "Jesus Christus Erlöser".

(Foto: Foto: dpa)

Ein unruhiges, aufmüpfiges Publikum aus Studenten, Späthippies und Post-68ern, jede Nuance mit Ironie und Häme überziehend, bereit, alles zum Happening zu machen. Kinski also steht als Bohème-Rebell keinem bürgerlichen Publikum mehr provozierend gegenüber, wie bei seinen Villon-Rezitationen in den fünfziger Jahren, sondern einem Mob der Kritiksüchtigen und Diskussionswütigen. Wehe dem, den diese Zuschauer einen Faschisten nennen. Es herrscht eine Atmosphäre in der Deutschlandhalle, die mehr an Altamont erinnert als an Woodstock.

Verhandelt wird ein ganz anderer Rebell, verhandelt wird in Kinskis One-Man-Show Jesus Christus. Kinski interpretiert das Evangelium neu: Er stellt einen Jesus à la Pasolini dar gegen jene Hippie-Weichspülung à la Jesus Christus Superstar. Kinski setzt an: "Gesucht wird Jesus Christus, angeklagt wegen Verführung, anarchistischen Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Deckname: Menschensohn, Friedensbringer, Erlöser."

Kinski wird immer wieder ansetzen müssen, einen Jesus-Rap vollführen bis zur völligen Erschöpfung. Weil er in einem fort unterbrochen wird vom Publikum. Man will den furiosen und zornigen Kinski-Jesus nicht akzeptieren. "Du streust Hass, wir sind aufgeklärte Erwachsene", rufen sie dem Performer zu, der immer mehr in Rage gerät. Vor allem aber wollen sie Kinski nicht ernst nehmen: einer, der in Wallace-Krimis und Italowestern gespielt und in Rom das Dolce Vita genossen hat, kann doch nicht Jesus rezitieren.

Wie Spießer und Neider werfen sie Kinski auch die Gagen vor. Die Unterscheidung zwischen Pop und schwerer Kunst schien damals noch betoniert. Kinski reagiert auf die Attacken: manchmal wütend und unflätig, manchmal schmollend und beleidigt. Das wird bald zum zweiten Spiel in der Performance - eine Publikumsbeschimpfung im Sinne Peter Handkes.

Peter Geyer, Kinski-Fachmann und Nachlassverwalter, hat das Filmmaterial, das Kinski damals von vier Kameras live hat aufnehmen lassen, in dem Film "Jesus Christus Erlöser" geschickt montiert zu einer emotionsgeladenen Konfrontation, bei der auch der heutige Filmzuschauer nicht unbeteiligt bleiben kann. Die Sympathien können nur Kinski gelten, dem verdammten Krawallmacher, der im Grunde eine Nachtigall ist. Wie ein Dämpfer wirkt schließlich die von Geyer ans Ende gesetzte Versöhnung, wenn Kinski spät nachts im kleinen Kreis seine Vorstellung endlich enden kann: Utopie als bloße Erschöpfung.

"Jesus Christus Erlöser" ist ein beachtliches Zeitdokument, das die Verbohrtheit der unmittelbaren Post-68er-Generation offenbart, aber auch deren großartige Möglichkeiten. Denn Kinski ist ja selbst aktiver Teil jener Zeit. Was haben wir heute noch - Ben Becker, der die Bibel rezitiert in einem Kraftakt des Nichts.

JESUS CHRISTUS ERLÖSER, D 2008 - Regie, Buch: Peter Geyer. Schnitt: P. Geyer, Konrad Bohley, Michael Dreher. Ton: Jürgen Swoboda, Joschi Kaufmann, Stephan Radom, Stefan Kolbe. Musik: Florian Käppler, Daniel Requardt. Mit: Klaus Kinski. Edition Salzgeber, 84 Minuten.

© SZ vom 15.5.2008/korc
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