Im Kino: "Golden Door" Schöne Neue Welt

Menschenlese für die goldene Pforte Amerikas: Charlotte Gainsbourg im Einwanderungsdrama "Golden Door" von Emanuele Crialese.

Von Rainer Gansera

"Oh, what a modern vision!", ruft die hübsche, rothaarige Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg) aus, nachdem der Beamte der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island ihr den Sinn der Intelligenztests erläutert hat: "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass mangelhafte Intelligenz genetisch vererbt wird. Wir wollen verhindern, dass geistig unterdurchschnittliche Immigranten ins Land kommen und sich mit unseren Bürgern vermischen." Eine wahrhaft moderne, rationale, bevölkerungshygienische Weltsicht. Ist sie weniger abergläubisch als die archaische Vision, mit der der Film "Golden Door" beginnt?

Die Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg) lehnt an der Schiffsreling: Kurs auf besseres Leben?

(Foto: Foto: dpa)

Die karge Landschaft der sizilianischen Hochebene zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Witwer Salvatore (Vincenzo Amato) pilgert, einen Stein zwischen den Zähnen, zu einem Bergkreuz, um endlich ein himmlisches Zeichen zu erhalten: Soll er der Armut entfliehen und ins gelobte Land Amerika auswandern? Die Zeichen lassen nicht lange auf sich warten: Fotos und Visionen von einem Amerika, in dem die Äpfel groß sind wie Riesenkürbisse und Goldmünzen an den Bäumen hängen. Märchenhafte Verheißungen für eine Mentalität, die mit Wundererscheinungen selbstverständlichen Umgang pflegt.

Die Ruhe nach dem Sturm

Salvatore verkauft sein Hab und Gut, beschafft sich "feine Kleidung", um "wie ein Prinz" durchs goldene Eingangstor Amerikas schreiten zu können, und macht sich, mit den beiden Söhnen und der Mutter, auf den Weg zum Überseedampfer. Beinahe dokumentarisch schildert Emanuele Crialese - der 1965 in Rom geboren wurde, in New York Filmregie studierte, nach Italien zurückkehrte und mit dem Porträt eines sizilianischen Dorfs "Lampedusa", 2002, reüssierte - die Vorgänge im Hafen und auf dem Schiff. Wie ein Ethnologe, dem alle Details wichtig sind, rekonstruiert er das Treiben der Scharlatane, die den Auswanderern Wundersäfte und Sondervisa verkaufen wollen, die beklemmende Enge bei der Überfahrt.

Zugleich gewinnen Crialeses Bilder schlafwandlerische, traumartige Intensität: Sowohl in den Porträtaufnahmen, die Augenblicke der Verwunderung hervorheben, wie in den Massenszenen, die eine theaterhafte Gruppenchoreographie in Bewegung setzen. Am eindrucksvollsten: Die Panik der Menge bei schwerem Seegang, und die Totenstille danach, wenn nur mehr ein metallenes Dröhnen aus dem Schiffsrumpf zu hören ist.

Casting für die Neue Welt

Es gibt Auswandererfilme wie Elia Kazans "America, America", die ihre Dynamik aus der fiebrigen Erwartung der Neuen Welt beziehen, bei denen die Freiheitsstatue zum Fluchtpunkt aller dramatischen Kraftlinien wird. Crialese aber dramatisiert nicht, er entfaltet eine doppelte, paradoxe Bewegung: Äußerlich ist das Geschehen auf Amerika gerichtet, aber die innere Bewegung geht zurück und will in die magische, mythische Vorstellungswelt der Auswanderer eindringen. Diese Vorstellungswelt ist die Fremde, die "Golden Door" erkundet. Typisch, dass bei der Ankunft in New York Nebelschwaden aufziehen und von der Freiheitsstatue nichts zu sehen ist.

Crialeses filmischer Stil, der zwischen physischer Direktheit und surrealistischer Ausschweifung pendelt, lässt sich mit keinem der gängigen Erzählformen vergleichen - am ehesten erinnert er noch an die sizilianischen Filme der Brüder Taviani, wo es auch um die Evokation einer versunkenen Welt ging. Wenn Crialese eine Romanze zwischen Salvatore und Lucy auf dem Schiff zaghaft andeutet, dann will er kein "romantic interest" befriedigen, sondern wiederum einen Kontrast der Welten sichtbar machen: Zwischen einer Lady, deren mondäne Lebensgeschichte im Dunkeln bleibt, und einem Bauern, für den Ehrbegriffe wichtiger sind als Liebesgeflüster.

Zum Schluss dann die ernüchternde, quälend lange Prüfung auf Ellis Island. Auf demütigende medizinische Untersuchungen folgen kuriose psychologische Tests. Die Immigranten stehen in endlosen Schlangen aufgereiht und müssen darum bangen, ob sie fit genug sind für Amerika. Wie Casting-Kandidaten für die Neue Welt.

NUOVOMONDO, I/F 2006 - Regie, Buch: Emanuele Crialese. Kamera: Agnès Godard. Musik: Antonio Castrignanò. Mit: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Isabella Ragonese, Vincent Schiavelli. Prokino, 118 Minuten.