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Im Kino: "Buddenbrooks":Die Verführungskraft der schönen Dinge

Die Verführungskraft, mit der die schönen Dinge ins Licht gerückt werden, erinnert ihn an Werbung und so schlägt die Üppigkeit ins Billige um. Der Buddenbrooks-Film führt ein unablässiges Verkaufsgespräch mit seinem Zuschauer. Schon der Titel "Buddenbrooks" mit seinen Goldbuchstaben sieht aus wie das Angebot der Woche bei Tchibo. Und das siebentürmige Lübeck, das so effektvoll ins Szene gesetzt ist, kenne ich das von der Marzipanpackung oder vom Marmeladenglas?

Optische Aufdringlichkeit

Die optische Aufdringlichkeit der Dinge ist nie angenehm. Hier ist sie fatal. Vom ersten Moment geht der Film so vor, und weil die Kamera (Gernot Roll) immer wieder aus der Sicht der Figuren geführt wird, sind sie es, die die Lübecker Welt des 19. Jahrhunderts so erstaunt betrachten. Vom allerersten Moment an ist alles ein Gegenstand der Verwunderung.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Buddenbrooks ihren Geschäften nachgingen, die Sicherheit, das Rechte zu tun, erfolgreich zu wirtschaften, gleichsam natürlich Stadt und Gesellschaft anzuführen, diese lebensvolle Sicherheit, die der Familie im Roman von Thomas Mann erst allmählich, von Generation zu Generation verlorengeht, sie hat bei Breloer nie bestanden. Und so wird das Geschehen moralisiert.

Die Figuren handeln nicht aus eingelebter Festigkeit, sondern aus individuellem Gutdünken. Wird Tony aus geschäftlichen Gründen an den Kaufmann Bendix Grünlich verheiratet, so ist das nicht mehr eine Familienpolitik, die für die Eltern wie alle ihre Generationsgenossen ganz selbstverständlich ist, aus Loyalität der Firma gegenüber. Es ist eine persönliche Herzlosigkeit, der Sieg der Geldgier über die Gebote des Herzens. Das ist der große Fehlschlag des Breloerschen Unternehmens: Seine übergroße Sorgfalt im Gegenständlichen lässt nicht eine soziale Ordnung entstehen, sondern ein Angebot schöner Dinge, zwischen dem seine Figuren isoliert herumirren wie wir Heutigen im Kaufhaus.

Ist das ein Einwand? Hat nicht der Film als eigene Kunst das Recht, von der Vorlage abzuweichen? Das hat er, gewiss. Der Film muss den Gedanken vom Bewusstsein als Feind der Lebenskraft, der Thomas Mann so wichtig war, nicht aufnehmen. Und er tut es auch nicht, nicht sehr ernsthaft jedenfalls, auch wenn das Filmbuch, das Breloer verfasst hat (S. Fischer), etwas anderes sagt.

Nichts Rätselhaftes

An der Figur des Thomas Buddenbrook müsste es sich zeigen. Doch der Mann, mit dem sich das Schicksal der Familie und ihrer Firma wendet, bekommt in der Darstellung durch Mark Waschke kein scharfes Profil. Das Zerrissenwerden zwischen Pflichtbereitschaft und dem Verlust der inneren Sicherheit, dieser Pflicht wirklich genügen zu sollen und zu wollen, das wird kaum angesprochen. Die Schwärmerei für die musikalische Gerda Arnoldsen hat nichts Rätselhaftes, für schöne Rotblondinen schwärmt im Kino jeder. Dass Thomas stirbt nach einer Zahnbehandlung, das wird verstehen nur, wer den Roman gelesen hat.

Dabei wird nicht schlecht gespielt in diesem Film. August Diehls Wandlungsfähigkeit bewährt sich in der Rolle des Christian Buddenbrook, den er vor allzuviel Exzentrizität bewahrt, Jessica Schwarz gibt eine Tony, deren Einfalt und Konventionalität nicht ohne Schönheit und Liebenswürdigkeit ist, Armin Mueller-Stahl stattet den Jean auf bewährte Weise mit selbstgewisser Bonhommie aus, vielleicht auf allzu bewährte Weise. In zweieinhalb Stunden wird ein großer Roman als Fotoalbum durchgeblättert. Doch wozu das alles?

In den letzten Wochen haben die Beteiligten sich kapitalismuskritisch vernehmen lassen. Dem Film ist das aber nicht anzumerken. Die Fa. Buddenbrook geht unter, die Fa. Hagenström steigt auf, eine bösere, brutalere Zeit ist damit nicht angebrochen. Wenn jetzt die Buddenbrooks wieder, zum dritten Mal in der Nachkriegszeit, verfilmt werden, so wird es an dem viel beredeten Wunsch nach Familiengeschichten liegen, der in Deutschland angeblich allein mit Hilfe der Häuser Mann und Wagner zu befriedigen ist. Mit dem Mehrteiler zum Thema Bayreuth muss gerechnet werden. Der kann durchaus besser werden.

BUDDENBROOKS, D 2008 - Regie: Heinrich Breloer. Buch: Breloer, Horst Königstein, nach Thomas Mann. Kamera: Gernot Roll. Mit: Armin Mueller-Stahl, August Diehl. Warner, 150 Min.