Im Kino: "Buddenbrooks" Die Verführungskraft der schönen Dinge

Alles aufregend, alles bemerkenswert: Leider schlägt die Üppigkeit der Verfilmung von Thomas Manns "Buddenbrooks" ins Billige um.

Von Stephan Speicher

Gerade hat sich der Regisseur Heinrich Breloer in der Neuen Rundschau über die "Technik des Filmemachers" in 13 Thesen geäußert, frei nach Walter Benjamin. Unter Drittens lesen wir: "Bevor du ans Drehbuchschreiben gehst: Sauge dich voll mit Details der Zeit, mit der du zu tun haben wirst. Schau dir Filme und Fotos an, lausche den Original-Tönen, vertiefe dich in Dokumente und literarische Beschreibungen, achte auf die Menschen, auf die Sprache vor allem . . ."

Nobelpreis-Literatur, verfilmt: Tony (Jessica Schwarz), Christian (August Diehl), Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl), Thomas (Mark Waschke) und Konsulin Bethsy (Iris Berben, v. l.), als Familie Buddenbrook.

(Foto: Foto: dpa)

Ob das gute Ratschläge sind? Breloer, das muss man ihm zugeben, hat sie bei seinem jüngsten Projekt beherzigt. Das Problem: Nicht allein er als Regisseur und Drehbuchautor hat sich vollgesogen mit Details. Auch sein Film "Buddenbrooks" kann die Details gar nicht bei sich behalten. In jedem Moment wird der Zuschauer vom feuchten Detail-Atem des Films besprüht.

Eine Redoute im Stadttheater, die Buddenbrooks befinden sich auf der Höhe ihrer Geltung. Sind die Roben nicht prächtig, die Fräcke nicht elegant? Wie schön schimmern doch die seidenen Aufschläge! Wie rascheln nicht die Rüschen und Volants, wie bürgerlich-beherrscht und zugleich verwegen heben die Zylinder das Selbstgefühl der jungen Herren.

Dekorativer Staub

Nicht allein, dass die Tanzenden sich drehen, die Kamera dreht sich mit, ganz eins mit den Ballgästen, ganz verliebt in den Taumel, den Glanz, ganz erfüllt von der Lust, in der Verliebtheit alles aufregend, bemerkenswert zu finden. Im Lagerhaus der Firma Buddenbrook ist es nicht anders. Die Buddenbrooks handeln mit Getreide, die Luft ist staubig, so fällt das Licht in dekorativen Strahlen ein, man meint, darin das einzelne Staubkorn wirbeln zu sehen. Hier spricht der Prinzipal noch plattdeutsch mit seinen Leuten; und sich einen Maltersack mit dem rechten Schwung aufzuhucken, das versteht er auch.

Tragen die Buddenbrooks etwas in ihr Familienbuch ein, so zeigt die Kamera die schwere fasrige Qualität des Papiers, über das die Stahlfeder hörbar kratzt. Das ist mehr als Schreiben, das ist ein Sich-Einschreiben in die Welt. Da soll die Natur nicht zurückstehen. Die Wellen der Ostsee sind so frisch und kräftig, wie man sie kaum je gesehen hat. Nebel, Dunst und Rauch - allesamt oft und gern verwendete Mittel - sind so neblig, dunstig und rauchig, wie man es sich nur denken kann.

Ein enormer Anteil der künstlerischen Energie muss auf Bauten, Kostüme und Requisiten verwendet worden sein. Man kennt es aus deutschen Filmen, die etwas Besonderes sein wollen; schön ist es nicht. Es liegt etwas Protzendes darin: Das haben wir alles auch! Mag schon sein, dass Liebe zu der untergegangenen Welt des alten Handelsbürgertums im Hintergrund stand. Für den Zuschauer nimmt es sich anders aus.

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Weltpremiere: "Buddenbrooks"

Immer schön anständig