Im Interview: Sabrina Setlur "BH-Größe, sowas?"

Sabrina Setlur schlägt vor, über ihre Yoga-Stunden, ihr letztes Dinner und ihre BH-Größe zu sprechen. Abgelehnt, es sei denn letztere hätte sich dramatisch verändert. Hat sie nicht. Also. Dann reden wir eben über Boris Becker und die Verfolgung durch Fans und Medien. Und darüber, dass sie jedem ihr neues Album an den Kopf schmeißt, der ihr heute noch hinterher fährt.

Von Interview: Rebecca Casati

Sabrina Setlur wurde 1974 in Frankfurt am Main als Tochter indischer Einwanderer geboren. 1995 gelang ihr mit Hilfe der beiden Produzenten Thomas Hofmann und Moses Pelham der Durchbruch als "Schwester S". 1997 stieg ihre Single "Du liebst mich nicht" auf Platz 1. Ihre exotische Schönheit, ihr etwas mürrischer Nimbus, ihre drastischen Liedtexte und ihre Vorliebe für Labels brachten ihr das Image einer Diva ein. Unlängst erschien ihre Single "Ich bin so". "Sabs", ihr viertes Album, folgt im November.

"Bitte die 115, aber bitte mit der Beilage von der 68, und bitte ohne das oder jenes."

(Foto: Foto: AP)

SZ: Guten Morgen, Frau Setlur.

Sabrina Setlur: Guten Morgen, sagen Sie mal eben: Stört Sie das mit dem Fenster?

SZ: Dass es offen ist?

Sabrina Setlur: Ja.

SZ: Nein, gar nicht.

Sabrina Setlur: Alles klar. Kaffee? Wasser gäbe es auch.

SZ: Danke, sehr freundlich. Frau Setlur, Sie haben sich bis vor kurzem von der Öffentlichkeit abgeschottet.

Sabrina Setlur: Richtig.

SZ: Sie galten hie und da als schwierig und geben heute eines Ihrer ersten Interviews seit drei Jahren. Haben Sie vorher viel darüber nachgedacht, wie Sie rüberkommen möchten?

Sabrina Setlur: Klar.

SZ: Sind Sie mögliche Fragen und Antworten durch gegangen?

Sabrina Setlur: Ja, aber auf alle kann man nicht vorbereitet sein. Bei der Konzeption eines Albums denkt man darüber nach, welche Dinge, die man früher gemacht hat, beibehält und welche man lieber sein lässt. Das fängt bei der Geschwindigkeit der Beats an. Und hört bei den Medien auf.

SZ: Ihr neues Album heißt "Sabs".

Sabrina Setlur: Mein Spitzname seit Kindertagen.

SZ: Schwester S., Sabrina Setlur und nun Sabs: Wie es scheint, benutzen Sie für jedes Album einen neuen Namen.

Sabrina Setlur: Eher eine andere Betonung oder Variante. Die 17 Songs auf "Sabs" sind wieder 17 einzelne Seiten von mir.

SZ: Abgesehen vom Musikmachen und Reimeschreiben, was haben Sie eigentlich so getrieben in den letzten Jahren ?

Sabrina Setlur: Genau dasselbe wie Sie.

SZ: Das kann ich mir nicht vorstellen.

Sabrina Setlur: Tun Sie es ruhig.

SZ: Anders als ich sind Sie eine Person des öffentlichen Lebens.

Sabrina Setlur: Eigentlich bin ich das gar nicht, ich bin einer der normalsten Menschen der Welt. Ich stehe im Lebensmittelladen in der Schlange. Ich mache meine Wäsche. Ich treffe Freunde, sehe mir im Kino Filme an und gehe essen, das war's.

SZ: Müssen Sie nicht bestimmte Vorkehrungen treffen, bevor Sie essen gehen, einen diskreten Tisch bestellen etwa?

Sabrina Setlur: Also, ich gehe nur in Restaurants, wo ich weiß, dass mir da das Essen schmeckt. Und da ich beim Bestellen sehr wählerisch bin, so nach dem Motto: Bitte die 115, aber bitte mit der Beilage von der 68, und bitte ohne das oder jenes, sind es nur wenige Restaurants, in die ich gehen kann. Und da kennt man mich und setzt mich nicht in die Mitte und nicht neben das Klo. Ansonsten bewege ich mich völlig natürlich und normal, weil ich dann weniger auffalle, als wenn ich ein großes Brimborium mache.

SZ: Es gab Zeiten, in denen Sie mit mehreren Bodyguards auf Preisverleihungen erschienen.

Sabrina Setlur: Es gab Zeiten, da haben an die sechzig Fremde meinen Vorgarten 'runtergetrampelt und auf eine Bewegung von mir gelauert. So wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus.

SZ: Ihre Promotion hat gerade erst begonnen. Gibt es eigentlich Medien, die Sie ausklammern, bei denen Sie wissen, die und ich - das geht nicht gut?

Sabrina Setlur: Ich sag mal so: Jeder Journalist, der an mich 'rantritt und nichts über meine Kunst wissen will, ist schon mal suspekt, weil: Was will er denn sonst wissen?

SZ: Na, erst mal alles, und dann mal sehen .

Sabrina Setlur: Sowas wie: Ich war gestern bei Salvatore und hab mir 'n Thunfisch-Salat bestellt.

SZ: Och Gott, ja . . .

Sabrina Setlur: Wann ich abends Yoga mache?

SZ: Zum Beispiel.

Sabrina Setlur: BH-Größe, sowas?

SZ: Wenn sie sich dramatisch verändert hat?

Sabrina Setlur: Nee, nee. Für mich ist es dann so, als ob wir aneinander vorbeireden. Ich möchte lieber über meine Musik sprechen.

SZ: Für fast alle Journalisten ist das ein Totschlag-Argument.

Sabrina Setlur: Aber ich bin nicht bereit, andere Interessen zu nähren.

SZ: Aus der Sicht des Lesers würde ich argumentieren: Die Musik von Sabrina Setlur kann ich mir auf CD anhören, in einem Interview aber will ich etwas über die Person erfahren, die dahinter steht.

Sabrina Setlur: Natürlich kann man im Kontext auch über die Person sprechen, aber wenn es jemandem nur drum geht, in meinem Privaten 'rumzuschnüffeln und Geschichten an den Haaren herbeizuziehen, würde ich es machen wie in einer Beziehung und sagen: Wir sind einfach die falschen Partner.

SZ: Wie in der Beziehung zu Boris Becker.

Sabrina Setlur: Die Sache ist doch vor drei Jahren passiert. Zwischenzeitlich hat sich eine Menge getan, wir gehen getrennte Wege.

SZ: Immerhin thematisieren Sie auf "Sabs" Ihre Beziehung und die anschließende Verfolgung durch die Medien. Hatten Sie das Gefühl, der Öffentlichkeit diese Retrospektive zu schulden?

Sabrina Setlur: Wenn, dann habe ich sie mir selber geschuldet. In meinem Album stecken Therapie, Liebe, Leid, Kummer, Freude, Glückseligkeit, Aggressivität und Träume, und Boris Becker ist alles andere als ein roter Faden. Wir waren nur eine ganz, ganz kurze Zeit ein Paar. Davor war ich dreieinhalb Jahre mit Mark Wenzel zusammen, und den Namen kennt heute kaum jemand.

SZ: Was vielleicht damit zusammenhängt, dass Sie über ihn nicht rappen. Und er nie Wimbledon gewonnen hat.

Sabrina Setlur: Das ist kein Grund, meine Lebensgeschichte an Boris Becker festzumachen. Ich habe mich mit dem Thema auseinander gesetzt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es im Nachhinein Schwachsinn war.

SZ: Viele Prominente rufen die Medien von sich aus an. Auch Sie und Becker sind damals an die Öffentlichkeit gegangen.

Sabrina Setlur: Ich versichere Ihnen folgendes: Ich habe in meinem Leben niemals die Bild-Zeitung angerufen.

SZ: Würden Sie sagen, dass bei Ihnen einige Medien zu weit gegangen sind?

Sabrina Setlur: Sind Sie anderer Meinung?

SZ: Schwer zu sagen.

Sabrina Setlur: Logo.

SZ: Haben Sie zwischendrin überlegt: Was wollten die eigentlich noch mal von mir?

Sabrina Setlur: Natürlich, aber man kann es sich irgendwann nicht mehr erklären.

SZ: Es gibt in Deutschland eben nicht so viele wirkliche Prominente.

Sabrina Setlur: Wie gesagt, ich sehe mich vor allem als Künstlerin.

SZ: Wenn Sie all die Fakten gelesen und die CDs gehört haben, interessiert es Sie denn nicht hin und wieder auch, ob beispielsweise Madonna lieber Thunfisch oder Hähnchen isst?

Sabrina Setlur: Früher sehr. Heute bin ich da wohl ein bisschen abgestumpft.

SZ: Und wo verläuft die Trennlinie für Sie?

Sabrina Setlur: Die Journalisten standen vor den Arbeitsplätzen meines Vaters und meiner Mutter, das ging mir zu weit. Ein Magazin druckte ein Foto von meiner Wohnung ab und beschrieb die Lage. Daraufhin standen ständig Fotografen vor meiner Tür, und wenn ich ins Auto stieg, kamen sie mir hinterher.

SZ: Verfolgung?

Sabrina Setlur: Egal wohin.

SZ: Und es ist ja hinlänglich bekannt, was Sie für ein Auto fahren.

Sabrina Setlur: Eben.

SZ: Und dass Sie damit sehr schnell fahren können.

Sabrina Setlur: Einer fuhr so einen kleinen Nissan Micra, der war einfach nicht abzuhängen!

SZ: Ein Micra ist nicht gerade ein typisches Verfolger-Auto!

Sabrina Setlur: Der hat so einen heißen Stiefel gefahren, der muss ihn aufgetunt haben!

SZ: Wie unterscheidet man denn eigentlich zwischen Journalisten, Fans und Frankfurter Verkehrsteilnehmern?

Sabrina Setlur: Ich habe es immer gemerkt, wenn mich jemand verfolgt hat.

SZ: Aber es fahren doch Dutzende von Nissan Micras auf den Straßen herum.

Sabrina Setlur: Wenn ich mir nicht sicher war, habe ich den linken Blinker betätigt, bin aber rechts gefahren, und wenn der hinter mir dasselbe gemacht hat, wusste ich, dass das kein Fan und kein normaler Verkehrsteilnehmer sein kann. Aber die Zeiten sind jetzt Gott sei Dank erstmal passé. Jetzt habe ich ein neues Album, und wer mir heute hinterherfährt, dem schmeiß ich es einfach an den Kopf.

SZ: Schon mal ans Wegziehen gedacht?

Sabrina Setlur: Häufig, immer wieder. Im Grunde genommen will ich aber da sein, wo ich meine Musik machen kann, und das fällt mir am leichtesten da, wo mein Studio, mein Label und mein Produzent ist. Aber das schließt allmählich nicht mehr aus, dass ich irgendwann mal woanders wohnen werde. Vielleicht schon bald.

SZ: Tatsächlich waren Sie von Anbeginn wenig auf den Parties oder in den Kommentarspalten der Klatschmagazine zu sehen. Diese Vorsicht - behindert die Sie nicht beim authentischen Schreiben, beim Sabrina-Setlur- oder Sabs-Sein?

Sabrina Setlur: Nein, ich definiere mich über meine Musik und meine Texte, und beim Schreiben bin ich nicht zurückhaltend, vorsichtig oder misstrauisch, sondern lasse mich von meinen Gefühlen leiten.

SZ: Ein paar Reizthemen: Das Magazin "Max" druckte eine Fotostrecke, die Sie mit Körperbemalung zeigte, und die von Ihnen nicht genehmigt war. Die Rede war von 250 000 Euro Schadenersatz. Ist das Geld eigentlich schon gekommen?

Sabrina Setlur: Tja, bestimmt. Eine ungerechte Sache, die ganz gerecht ausgegangen ist.

SZ: Anderes Thema - Ihr Porsche.

Sabrina Setlur: Ja.

SZ: Oder besser gesagt: Führerscheinentzug wegen Trunkenheit.

Sabrina Setlur: Ich hatte zum Essen Wein getrunken und war anschließend in eine Verkehrskontrolle geraten, und dafür wurde ich übertrieben kritisiert.

SZ: Wie dies?

Sabrina Setlur: Die Meldung wurde überall so lange ausgewalzt, bis ich wirklich scheiße aussah. Seid Ihr so böse, wollt Ihr das?

SZ: Wieso wir?

Sabrina Setlur: Zugegeben, ich habe den Fehler gemacht, ich trage die Konsequenzen. Wie jeder gute Bürger. Wir sind hier in München, es ist Oktoberfest, und ich möchte nicht wissen, wie viele gute Bürger sich gestern erst ins Bierzelt und dann später noch ins Auto gesetzt haben.

SZ: Sie wurden 1998 zur erotischsten Frau Deutschlands gewählt.

Sabrina Setlur: Oh Mann, ja.

SZ: Und zwar ausgerechnet von den "Bild"-Lesern. Haben Sie das zähneknirschend zur Kenntnis genommen?

Sabrina Setlur: Ich war nie im Bikini auf der Bühne, freizügige Videos oder Fotos gab es zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht von mir; darauf hatte ich großen Wert gelegt. Als erotisch bezeichnet zu werden, war mir damals also regelrecht peinlich.

SZ: Hatten Sie zu dieser Zeit nicht gerade eine Glatze?

Sabrina Setlur: Ja.

SZ: Eine Trotzreaktion?

Sabrina Setlur: Nein, ich hatte sie mir für den Auftritt in einem Video von Moses P. geschoren, und zwei Tage später wurde das Ergebnis dieser Wahl bekannt. Die waren wahrscheinlich auch nicht sehr glücklich darüber. Ironie des Schicksals.

SZ: Was für neue Erfahrungen über das Showbusiness sammeln Sie denn jetzt in der Jury bei der Pro7-Castingshow "Popstars"?

Sabrina Setlur: Ouh, was für ein krasser thematischer Jump.

SZ: Das wird Ihren Fans vielleicht auch so vorgekommen sein. In Ihren musikalischen Kreisen betont man doch gerne die Authentizität, die Wurzeln .

Sabrina Setlur: Hip Hop ist mein Vehikel, ich bin ein Teil dieser Kultur und lebe sie auch. Ihre vermeintlichen Zwänge aber sind kein Thema für mich.

SZ: Ganz unheikel für ein Image ist so ein Schritt doch aber trotzdem nicht.

Sabrina Setlur: Natürlich habe ich darüber nachgedacht. "Popstars" ist eine der professionellsten Castingshows, die es gibt und gleichzeitig eine Maschinerie, die einen ganz anderen Kunstbegriff hat als ich, wenn nicht sogar den entgegengesetzten. Aber ich bin da als Sabrina Setlur und muss mich nicht verrenken, sondern das Beste aus den Kandidaten rausholen. Mich hat auch der Gedanke gereizt, ein Talent zu finden, das auf den ersten Blick vielleicht nicht in das "Popstars"-Konzept passt.

SZ: Sie scheinen öfter mal sehr mitgenommen, überhaupt wird in diesen Castingshows eigentlich alle paar Minuten geweint. Tun diese Kinder Ihnen leid?

Sabrina Setlur: Das wird natürlich von den Fernsehmachern sehr zugespitzt dargestellt, wir laufen da nicht ständig flennend durch die Gegend. Aber ich bin ein emotionaler Mensch, es sind alles Kids, und über ihr Schicksal zu entscheiden ist sehr hart.

SZ: Sind diese Kinder heute nicht mittlerweile viel abgeklärter als Sie es waren?

Sabrina Setlur: Nein. Für die ist das alles noch großes Kino. Dabei sind sie doch von Anfang an nur dazu da, andere zu unterhalten.