Im Interview: Eric Clapton und J. J. Cale "Ich bin dran. Also, die Antwort ist: Nein."

Die beiden Musiker gehören zu den einflussreichsten Songschreibern und Gitarristen der Musikgeschichte. Wir trafen beide zu einem gemeinsamen Interview. Das wurde so lebhaft, dass anschließend keiner mehr wusste, wer hier eigentlich wen interviewt hat.

Von Alexander Gorkow

Vorm Four Seasons in Beverly Hills schaukeln Palmen im Sonnenwind. Die zwei Herren, die in T-Shirt und Jeans herbeispaziert kommen, hatte man sich stiller vorgestellt. Clapton hat einen Händedruck wie ein Gewichtheber und eine Rostblechstimme, mit der er ohne Mikro die Hollywood Bowl beschallen könnte. Der Oklahoma-Akzent des harry-dean-stanton-haften J.J.Cale ("Ya knouuuuu, määäääään!") leiert durch den Novembersommer wie ein betrunkener Seevogel. Die beiden sind nicht nur gut gelaunt, sie sind regelrecht aufgekratzt vor Freude, vermutlich vor allem darüber, dass sie ein paar Tage gemeinsam in der Sonne sitzen dürfen, bevor Clapton zur Tour nach Japan weiterfliegt. Außerdem haben sie gerade eine Platte zusammen eingespielt, nach so vielen Jahren. Das Bild entstand auf der nahen Paramount Ranch, vor den Toren von Los Angeles.

Eric Clapton (rechts) und J.J.Cale (links)haben erstmals zusammen ein sehr schönes Album eingespielt. Es heißt "The Road To Escondido"

(Foto: Foto: Warner Music)

SZ: Mister Clapton, auf wann datieren Sie Ihre erste Erinnerung an J.J.Cale?

Clapton: 1970? 1971? J.J. hatte zwei Singles 'rausgebracht. Eine Sensation. Ein cooler, unbeeindruckter Sound. Die erste war "After Midnight", auf der B-Seite war "Slow Motion". Die weite war "On The Outside Looking In", und auf der B-Seite, was war auf der B-Seite?

Cale: Keine Ahnung. "In My Time"?

Clapton: Du musst es doch wissen.

Cale: Was ich vor allem weiß: Ich hab' damals nicht zwei Singles 'rausgebracht, sondern drei. Hörst du? Drei Singles.

Clapton: Drei? Nein.Zwei.

SZ: Ist ja nicht so wichtig, jedenfalls . ..

Clapton: Es waren drei?

Cale: Yep. Und die erste war auch nicht "After Midnight", wie du gerade sagtest. "After Midnight" war die zweite. Die erste hast du vergessen: "Dick Tracy"!

Clapton: "Dick Tracy"?

Cale: "Dick Tracy".

Clapton: Was ist das denn?

Cale: Ein Song, Mann.

Clapton: Kennen Sie den? "Dick Tracy"?

SZ: Ist das nicht ein Film?

Clapton: J.J.! Er kennt ihn auch nicht, niemand kennt ihn!

Cale (singt): Dick Dick Dick Dick - DICK TRACY! Dick Dick Dick Dick ...

Clapton: Ahahaha! So geht der Song?

Cale: Der Refrain! Ein guter Song. Der große Leon Russell hat ihn produziert.

Clapton: Ein Witz! Lassen Sie sich nicht hochnehmen, er will Sie verunsichern!

SZ: Ich glaub' auch, also ich ...

Cale: Kein Witz, Mann. Irgend so 'n Sammler wird die Single noch haben.

Clapton: Das Lied gibt es nicht! Ich kenne jeden verdammten Song von dir, J.J.! Wir sind auch all' deine Songs jetzt für die Platte nochmal durchgegangen.

Cale: Bis auf "Dick Tracy".

SZ: Ich kenn' ihn jedenfalls auch nicht.

Clapton: Spielst du ihn mir mal vor?

Cale: Ich spiel ihn dir mal vor.

SZ: So. Und jetzt wüsste ich gerne . . .

Cale: Eric, du musst unserem Freund hier jetzt mal seine Frage beantworten.

SZ: . . . was Sie an Cale so fasziniert hat.

Clapton: Oh, ich kann das kaum analysieren. Es ist dieser cool schwebende Sound. "After Midnight" hat mich vom ersten Ton an ins Herz getroffen. Drum habe ich den Song dann auch gecovert.

SZ: Mr.Cale, ist der Ruhm zwischen Ihnen beiden ungerecht verteilt?

Clapton: Yeah. Richtige Frage.

Cale: Ich bin dran. Also, die Antwort ist: Nein. Ich meine, was ist Ruhm?

SZ: Alle kennen Ihre Songs, "Cocaine" ist das vielleicht berühmteste Gitarrenriff der Welt - aber kaum einer kennt Ihr Gesicht.

Cale: Mann, wozu sind wir hier?

SZ: Jetzt gerade, hier in Beverly Hi . ..?

Cale: Auf der Welt! Wir sind nicht für immer hier, oder? Wir sind irgendwann wieder weg. Wir sind Wasser in einem Fluss. Das Wasser ist, wenn wir Glück haben, sauber, es sind ein paar Fische drin, es fließt vorbei, dann ist es weg, neues Wasser kommt. So ist das Leben. Sie mögen meine Songs. Eric mag meine Songs. Wenn das Wasser weg ist, bleibt also was: meine Songs. Sie hören sie. Eric hört sie. Ich hab' Glück gehabt. Ich kann sagen: Das Wasser rauscht vorbei, und ein paar Songs werden bleiben.

SZ: Ihr Kumpel hier, Mr.Cale, ist sehr reich geworden - auch mit Ihren Songs.

Cale: Nicht nur er, mein Lieber.

SZ: Sie haben Tantiemen kassiert.

Cale: Nicht zu knapp, nicht zu knapp. Es gibt dümmere Arten, zu Geld zu kommen, das kann ich Ihnen sagen.

SZ: Stimmt es, dass Sie sich von dem Geld, das Sie plötzlich bekamen, statt eines Hauses einen Wohnwagen kauften?

Cale: Einen schicken neuen! Ich hab' schon immer im Wohnwagen gelebt. Zunächst, weil es billig war. Später, weil man abhauen konnte, wenn man wollte.

Clapton: "Kennen Sie die Geschichte mit dem Geld? Keiner kennt die!"

Cale: Oh, Eric, lass gut sein.

Clapton: Doch, sie ist großartig!

SZ: Bitte!

Cale: Ach nein . . .

Clapton: Doch, sie sagt viel über Ruhm aus. Jeder hat sein Bild von Ruhm. Das Bild, das J.J. abgab, es war sensationell.

SZ: Also?

Clapton: Erzähl' unserm Mann aus Deutschland, wo das Geld war!

Cale: Ich hab's zwischen die Wände im Wohnwagen gestopft, Mann.

SZ: Wie bitte?

Cale: Es musste ja irgendwo hin.

SZ: Gott, es muss viel gewesen sein!

Clapton: Die Tantiemen für "Cocaine"? Viel ist kein Ausdruck! J.J. hat's in die Hohlräume gestopft. Als eine Art Dämm-Material. Kein Dieb hätte das gefunden. Der Wohnwagen war eine einzige und immense Geldbombe, verstehen Sie?

SZ: Hatten Sie kein Konto, Mr. Cale?

Cale: Nein. . . . Also, es war so: Die Plattenfirma ruft an: Mr. Cale, wir haben hier Tantiemen für Sie, ein Haufen Geld, wenn Sie uns fragen. Ich: Fein, ihr lieben Freunde aus der Abteilung Erlöse und Gewinne, tut es in einen Koffer, ich hol ihn ab! Sagen die: Wir brauchen ein Konto, wo wir's hin überweisen können. Also fahre ich zur nächsten Bank. Ich sage: Guten Tag, ich brauch' ein Konto. Der junge Mann in der Bank schaut mich an: Ihr Wohnsitz? Ich sag' ihm, ich hab' keinen Wohnsitz, ich leb' im Wohnwagen, immer auf Rädern, mein Freund . . .

SZ: Und dann?

Cale: Sagt er: Kein Wohnsitz - kein Konto. Ich hab' mir gedacht: Okay, Arschloch, du weißt ja gar nicht, was dir da entgeht. Ich hab' die Plattenfirma also überzeugen müssen, mir das Geld in bar auszuzahlen. Ich hab' den Banken eh nie getraut. Ich musste das Geld jetzt nur gut verstecken. Damit es nicht irgendein Idiot mitnimmt, wenn er sich meinen Wohnwagen von innen anschaut.