Im Interview: Autorin Helen Walsh "Ich bin noch nicht einmal Dreißig und lebe schon abstinent"

Die englische Autorin fiel mit einem Erstling auf, der eine ungeschönte Beschreibung von Sex, Parties und Drogen bot. Wir trafen sie in Berlin und vernahmen eine Sprache, die das Ergebnis vieler Nächte in dubioser Liverpooler Gesellschaft und vieler Nachmittage in der Universitäts-Bibliothek ist.

Interview: Rebecca Casati

Helen Walsh wurde 1977 in Warrington geboren, einer Industriestadt bei Liverpool. 2004 erschien in England ihr erster Roman "Brass" - der durch die ungeschönte Beschreibung von Sex, Party und Drogen für Furore und einen Skandal sorgte. Dieser Tage ist das Buch in Deutschland unter dem Namen "Millie" bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Soeben hat sie ihren zweiten Roman "Hide" beendet, der nächstes Jahr in England erscheint. Helen Walsh lebt heute in Liverpool, auf der anderen, ruhigen Seite des Mersey River.

"Ich hatte sehr früh das Gefühl, meine Sexualität sei fließend."

(Foto: Foto: Kiepenheuer & Witsch)

SZaW: Miss Walsh, Sie sind 28 Jahre alt und haben vor zwei Jahren einen Bestseller und Kritikererfolg in England gelandet.

Helen Walsh: Das stimmt.

SZaW: Ihr Buch "Millie" handelt von einer jungen, schönen Studentin, die in Liverpool lebt, trinkt, kokst, sich Sex bei Prostituierten kauft. Selbstverständlich glauben alle, der Roman sei autobiografisch.

Helen Walsh: Glauben das nicht immer alle bei einem Erstling?

SZaW: Die Sache ist nur: Sie haben in Liverpool studiert. Sie sind jung und schön. Und durch Ihre Biografie ziehen sich zwei Dinge: Harte Arbeit, harte Drogen.

Helen Walsh: In der Schule und an der Universität war ich eine große Streberin. Meine Mutter wollte immer ein Kind haben, das zur Universität geht, keiner aus meiner Familie hat studiert. Und vorher, hinterher, währenddessen: bin ich ausgegangen, ja, bis zum Exzess.

SZaW: Was genau heißt ,bis zum Exzess'? Drei Nächte hintereinander? Eine Woche?

Helen Walsh: Es heißt: Jede Nacht nach Hause getragen werden. Und wenn ich mich heute betrinken oder high werden will, dann setze ich mich halt hin und schreibe.

SZaW: Das klingt fast zu einfach! Was hat Sie dazu bewogen, Ihr Leben zu ändern?

Helen Walsh: Ich musste. Ich wurde körperlich und mental so krank, dass ich keine Drogen mehr nehmen und keinen Alkohol mehr trinken konnte. Wenn ich eine Linie Kokain nahm, bekam ich Panikattacken, Schwitzanfälle, Herzrasen, und dann wurde ich ohnmächtig. Erst habe ich es ignoriert, doch es kam wieder. Ich habe mit den Drogen angefangen, als mein Körper noch wuchs, und wahrscheinlich hat er zu diesem Zeitpunkt gesagt: Genug. Lass mich. Ich habe heute Angst auszugehen, denn dann muss ich mir Entschuldigungen dafür ausdenken, warum ich nichts trinke. Wenn ich auf Lesereise bin, erzähle ich meinen Verlegern, dass ich Antibiotika nehme und deshalb nicht trinken darf. So kommt das Thema gar nicht erst auf. Ich bin noch nicht einmal Dreißig und lebe schon abstinent.

SZaW: Und wie lebt es sich so?

Helen Walsh: Meine Jugend ist vorüber.

SZaW: Sie wuchsen in dem Industriestädtchen Warrington auf, als sich die größte Jugendbewegung seit Punk entwickelte, nämlich Rave.

Helen Walsh: Wir nannten es Acid House. Damals, als alles noch unser Geheimnis war.

SZaW: Erinnern Sie sich an Ihre ersten Drogen?

Helen Walsh: Abrufbar ist alles. Ich schreibe gerade darüber und rekonstruiere meine Erinnerung anhand der Lieder, die an diesem Abend liefen. Ein paar davon habe ich gefunden und gehört: Schlagartig war das verschwörerische Gefühl von damals zurück, mein Herz schlug im Hals, ich fühlte ein Stechen, so als ob mir jemand die Haut vom Nacken zieht. Wenn man mir gesagt hätte, ich habe dir gerade eine Ecstasy ins Glas getan, dann hätte ich es geglaubt. Es war unheimlich. Die Musik funktioniert wie ein Placebo. Erstaunlich, was da im Gehirn katalogisiert ist und nur auf ein Stichwort wartet. Ich war zwölf damals und trug noch eine Zahnspange.

SZaW: Wie kam eine Zwölfjährige in einem Industriestädtchen an Drogen?

Helen Walsh: 1989 kam ich mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder aus den Ferien. Es war drei Uhr nachts, mein Vater wollte noch ein letztes Mal tanken und Milch holen. Und da sahen wir sie, auf dieser Tankstelle; sie sahen aus wie Eingeborene oder euphorische Wesen aus dem All. Mädchen in Bikinitops versuchten die Wand hochzugehen. Jungen mit nackten Oberkörpern bliesen in Trillerpfeifen. Es war Winter, und sie alle tanzten, obwohl gar keine Musik lief! Meine Eltern bekamen einen Riesenschreck. Sie tankten nicht, sondern fuhren direkt nach Hause. Ein paar Tage später erzählte ich einem Mädchen im Schulbus, was ich gesehen hatte. Und sie sagte: Das müssen die Leute aus dem Legends sein, mein älterer Bruder geht da auch hin. Ein halbes Jahr später in den Sommerferien flirteten im Bus in die Stadt zwei ältere Jungs mit mir. Wir kamen auf das Legends, und sie sagten: Wir nehmen dich mit, aber so einfach geht das nicht. Wir müssen dir erst mal ein paar neue Klamotten besorgen.

SZaW: So beginnt der klassische Eltern-einer-Tochter-Alptraum.

Helen Walsh: Ich weiß. Aber die frühe Rave-Szene war diesbezüglich absolut unschuldig, überhaupt nicht sexuell motiviert. Die Jungs kauften mir Kleider und nahmen mich abends mit. Und sobald ich diese Welt betrat, wusste ich: Das ist das Größte, was du je gesehen hast. Und da hatte ich nicht einmal Ecstasy genommen.

SZaW: Und das taten Sie dann - wann?

Helen Walsh: Zwei Wochen später. Nach der Nacht gab es absolut kein Zurückschauen mehr, nichts konnte mich davon wegkriegen. Mein Wille war gebrochen.

SZaW: Andere Mädchen reden so über ihre erste große Liebe.

Helen Walsh: So fühlte es sich auch an. Wir waren damals alle so hoffnungslos in England. Die jüngeren Generationen heute sind nicht so zynisch und nihilistisch, keinerlei Teenage-Ennui, alle blicken nach vorn. Als ich jünger war, blickte man nicht nach vorn, denn man fürchtete sich vor dem, was da lag. Margaret Thatcher hatte das Land ausgepresst, die Lücke zwischen Arbeiterklasse und den oberen Klassen war riesig, die Arbeitslosigkeit immens. Wer nicht die Universität besuchen konnte, starb dort, wo er geboren wurde. Die Leute waren aufnahmebereit für alles, was sie von ihrem Alltag ablenkte, und in dieses Vakuum platzte Acid House. Die energiegeladene Musik, die euphorisierende Wirkung von Ecstasy. Jeder suchte darin nach etwas, das sein Leben retten könnte.

SZaW: Wonach genau suchten Sie?

Helen Walsh: Ich war auf einer Mädchenschule, der elitärsten der ganzen Gegend. Ich hatte ein Stipendium, wir waren sehr arm, ich war gemischtrassig und die einzige in meiner Klasse, die so einen Background hatte. Es war hart für mich, irgendwo reinzupassen. Ich und mein Bruder wurden gehänselt. Ich suchte Freunde. Eine neue Familie, der ich mich anschließen konnte. Und im Legends fand ich sie.

SZaW: Was war mit Ihrer eigenen Familie, Ihren Eltern, haben die nichts gemerkt?

Helen Walsh: Als meine Mutter heraus fand, dass ich ins Legends ging, lief ich von zu Hause weg. Sie fand mich erst zwei Tage später, in einer Jugendherberge. Ich sagte, wenn du mich daran hinderst, da hin zu gehen, lauf' ich eben wieder weg. Es war ein sonderbarer Pakt, den wir dann schlossen. Er lautete: Ich erzähle dir alles, wenn du mich gehen lässt.

SZaW: Und Ihr Vater?

Helen Walsh: Wir haben ihn jahrelang belogen. Armer Dad. Er war Trinker, er hat viel für uns geopfert, ist eigentlich Musiker und kein geborener Gabelstaplerfahrer, aber er hat solche Jobs angenommen, um mir und meinem Bruder eine Ausbildung zu finanzieren. Meine Mutter hat ihn nie eingeweiht, weil sie dachte, dann fliegt alles auseinander. Er kam also betrunken aus dem Pub, schlief ein und dann stand sie auf, um mich um acht Uhr morgens von irgendeinem Strand aufzulesen. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, also musste sie sich durch all diese tanzenden, breiten Leute hindurchfragen.

SZaW: War Ihnen bewusst, dass andere Teenager anders lebten als Sie?

Helen Walsh: Ja. Ich fühlte mich ihnen gegenüber nicht direkt überlegen, aber doch privilegiert, weil ich zu einer Welt gehörte, von der sie keine Ahnung hatten.

SZaW: Wie reagierten Ihre Mitschüler auf Sie?

Helen Walsh: Noch feindlicher. Ich war immer eine Außenseiterin gewesen und Klassenbeste. Und plötzlich schwänzte ich ständig und wurde gleichgültig. Bald gab es Gerüchte, dass ich ausgehe und Drogen nehme.

SZaW: Was war damals über Ecstasy bekannt?

Helen Walsh: Sehr wenig. Es gab ja noch kein Internet. Alle dachten, ich würde harte Drogen spritzen. Meine Eltern wurden zum Rektor bestellt, ich stritt alles ab. Dann kam mein Jahresexamen, die mündliche Prüfung in Englisch. Wir sollten einen Vortrag vorbereiten, und ich wollte die Leute aufklären. Also verfasste ich einen akademischen Vortrag, eine Intellektualisierung der Ecstasy-Kultur. Ich bat zwei Jungs, die in der Nähe der Schule wohnten, vorbei zu kommen, gewissermaßen als Anschauungsmaterial. Eine halbe Stunde vorher warf jeder zwei Pillen ein. Als sie in die Aula kamen, schaltete ich einen mitgebrachten Kassettenrekorder mit Musik an und ließ sie vor dem Gremium tanzen. Alles schwieg wie versteinert. Dann zog plötzlich jemand den Stecker raus, die Versammlung wurde aufgelöst, ja . . . und zwei Wochen später flog ich dann von der Schule.

SZaW: Über die Spätfolgen von Ecstasy konnte man damals noch gar nichts sagen. Erst heute weiß man, dass Ecstasy dauerhaft Gehirn und Nervensystem schädigt. Kam Ihnen damals manchmal der Gedanke, dass Sie alle so etwas wie DrogenVersuchskaninchen waren?

Helen Walsh: Der Konsens im Legends war: Ecstasy ist keine Droge. Drogen zerstören die Gesellschaft, Ecstasy aber verändert die Welt. So dachten wir. Bis die Szene kollabierte.

SZaW: Wie kam es dazu?

Helen Walsh: Immer mehr Clubs eröffneten, die Medien schlachteten das Thema aus, neue Leute, die wir Spießer nannten, kamen und brachten ihre tussigen Mädchen mit. Uns erschien es wie eine Invasion. Die Musik wurde schneller und härter. Aus Acid House wurde Tanzmusik, und aus Tanzmusik wurde Mainstream. Jeder große Club spielte Rave-Musik, plötzlich hörte man sie im Radio - und irgendwann dann sogar bei Top of the Pops!

SZaW: Dabei funktionierte das ganze nur als Geheimnis.

Helen Walsh: Genau. Die Leute, die alles auf für diesen Club aufgegeben hatten, ihren Job und ihre Wohnung verloren hatten, weil sie dachten, ihr Traum würde ewig weitergehen: Sie waren am Boden. Das Anfangs-Hoch ließ sich nie wieder erzeugen, entweder war die Qualität der neuen Pillen so lausig oder die Toleranzgrenze der Leute war gestiegen. Manche begingen Selbstmord. Andere drifteten zu Heroin. Vom soziologischen Standpunkt aus gesehen ist es erstaunlich, was in dieser Kleinstadt passierte. In einer Großstadt kommt an so einem Punkt automatisch etwas Neues. In Warrington kam danach nichts mehr.

SZaW: Es heißt, Sie seien mit 16 nach Spanien abgehauen. Nicht ganz freiwillig.

Helen Walsh: Ich rede nicht gern darüber, aber gut. Meine Geschichte ist übrigens nicht einzigartig, Tausende von Leuten haben damals versucht, den Ecstasy-Hangover durch ein Kokain-Superego zu betäuben. Ich ging jedenfalls mit ziemlich harten Jungs aus und wusste - wie viele Mädchen - nicht, dass man für Drogen bezahlen muss. Ecstasy war nicht so teuer, Kokain schon. Plötzlich präsentierte mir jemand eine Rechnung und sagte: Du kannst es zahlen oder mit Sex abarbeiten. Ich bekam Angst. Meine Mutter und ich beschlossen, dass ich ins Ausland verschwinden müsste und entschieden uns für Barcelona, einfach vom Klang her, wie waren ja nie ins Ausland verreist. Ich wohnte dort bei einer Familie und besuchte eine Sprachschule, abends jobbte ich in Transenbars.

SZaW: Interessante Therapie.

Helen Walsh: Es war tatsächlich wichtig und unglaublich erleichternd für mich, endlich Menschen kennenzulernen, die weder dies noch das waren. Auch mit dieser Frage hatte ich sehr lange zu kämpfen.

SZaW: Mit der Frage nach Ihrer Identität?

Helen Walsh: Ich fühlte mich britisch, aber wegen meiner Hautfarbe sahen die anderen mich nicht so. Mit meinem Geschlecht war es genauso. Ich habe mich immer mehr mit Jungs identifiziert, meine Freunde waren Jungs, die Bücher, die ich liebte, waren von Männern geschrieben: Hubert Selby, Ernest Hemingway, John Steinbeck. Ich hatte sehr früh das Gefühl, meine Sexualität sei fließend. Ich wusste zwar, dass ich keine typische Lesbe bin. Aber ich bin auch kein Hetero. Und ,bisexuell' impliziert immer, dass man sich nicht entscheiden kann.

SZaW: Wie haben Sie in dem ganzen Wirrwarr Abitur machen, studieren, ein Buch schreiben und glücklich werden können?

Helen Walsh: Einteilung! Nach Barcelona hatte ich neun Monate, bevor das Schuljahr wieder anfing. Ich war sehr fokussiert und zielstrebig, ich wollte wirklich lernen und wurde ein richtiger Streber. Ich wurde sogar wütend, wenn andere im Unterricht redeten. Ich wiederholte meine Prüfungen an meiner alten Schule, dann wechselte ich. Machte Abitur. Studierte Soziologie und begann am Küchentisch meiner Mutter mit meinem Buch. Samstags und sonntags ausgehen war die Belohnung.

SZaW: Haben Sie den Kontakt zu den Menschen aus dem Legends gehalten?

Helen Walsh: Nein. Unsere Freundschaften waren auf Chemie und Hedonismus aufgebaut.

SZaW: Was wird aus den alternden Ravern, die nie das gefunden haben, was sie suchten?

Helen Walsh: Einige leben immer noch so, in ihren Vierzigern. Das ist tragisch. Viele der Leute haben sich auf eine selbstgerechte Position zurückgezogen, sie bezeichnen sich als Hedonisten und Künstler, sie halten ihre Interpretation von Moral für die einzig gültige. Unglaublich engstirnig. Aber das betrifft ganz England. Kokain ist überall verbreitet, in den Medien, in der Politik, im Literaturbetrieb. Wer nicht mitmacht, ist langweilig. Aber ich will nicht mehr mitmachen. Lieber würde ich allein in einen Wald ziehen.

SZaW: Warum ist es so schwer, das Glück zu finden?

Helen Walsh: Vielleicht, weil wir alle so bombardiert werden mit Möglichkeiten, wie das Glück aussehen könnte. Unsere Eltern haben jung geheiratet, und wenn ihre Ehe nicht funktionierte, mussten sie nicht beieinander bleiben. Ein Segen, gerade für Frauen. Auf der anderen Seite sind die Frauen meiner Generation verwirrt: Sollen sie überhaupt Kinder kriegen? Warum eigentlich heiraten? Kann eine Ehe gut gehen? In England gibt es eine neue Generation von Thirtysomethings, die verzweifelt versucht, ihre Jugend auszudehnen. Diese Leute verlängern ihre Ferien bis in die Vierziger. Und irgendwann ist das der Grund, warum sie keine Kinder kriegen: Damit sie sich noch länger jung fühlen können.

SZaW: Es müsste also etwas oder jemand kommen und ihnen sagen: Ihr seid übrigens längst erwachsen . . .

Helen Walsh: Ich denke schon. Es können Lebensumstände sein. Man trifft jemanden aus anderen Kreisen, verliebt sich - und das Problem ist auf natürliche Art gelöst. Oder man klappt zusammen, so wie ich.

SZaW: Erinnern Sie sich noch an den Tag, als die Party für Sie definitiv vorbei war?

Helen Walsh: Er war vor sechs Jahren.

SZaW: Das Ende der Neunziger. Was passierte da?

Helen Walsh: Ich war komplett betrunken mit zwei Männern, zwei Crackheads, in eine Wohnung in Liverpool gegangen. Von da aus hatte ich meine Mutter angerufen, das Telefon herumgereicht. Irgendjemand, vielleicht ich selbst, muss mich morgens nach Hause geschleppt haben. Ich konnte mich an nichts erinnern. Am nächsten Tag rief meine Mutter mich an, fast besinnungslos vor Angst. Sie hatte mich seit Stunden gesucht und spielte mir ihre Mailbox vor; es war schlimm, die Stimmen darauf zu hören. Sie war ein süßes, naives Mädchen vom Land, als sie aus Malaysia nach England kam. Als Teenager habe ich ihre Naivität ausgenutzt, aber zu diesem Zeitpunkt war ich 22 Jahre. Erwachsen. Ich habe ihr damals geschworen, ihr nie wieder so etwas anzutun. Und dass ich alles wieder gut machen würde. Als ich für ,Millie' einen Literatur-Preis gewann und 5000 Pfund bekam, bin ich mit ihr nach Malaysia gefahren, wo sie seit ihrer Jugend nie mehr war. Das war wie eine Klammer.

SZaW: Es mag komisch klingen, aber: Haben Sie das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben?

Helen Walsh: Ich fühle mich alt. Müde. Als sei ich 40. Oder 50. Was könnte ich verpasst haben? Ein Kind zu sein? Wahrscheinlich.

SZaW: Lesen Sie nach wie vor lieber männliche Autoren?

Helen Walsh: Ja, fast nur.

SZaW: Wie ist es mit Zadie Smith?

Helen Walsh: Sie ist toll.

SZaW: Die Medien vergleichen Sie schon mit ihr.

Helen Walsh: Weil die Medien faul und wir beide farbig sind. Zadie Smith schreibt über andere Dinge. Es ist, als würde man Bukowski mit Enid Blyton vergleichen.

SZaW: Sie haben Enid Blyton gelesen?

Helen Walsh: Ja, alles. In meiner Kindheit.

SZaW: Dann hat Enid Blyton wohl auch nicht alles richtig gemacht.

Helen Walsh: Nein. Aber wer hat das schon.