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Im Gespräch: Maria Lassnig:"Sehr fleischig, alles."

SZ: Haben Sie während der Kriegszeit die Moderne schon wahrgenommen?

Lassnig: Nein! Nach dem Krieg ist alles über einen hereingestürzt, stellen Sie sich vor, Picasso, Max Ernst, die Kubisten undsoweiter. Alles hat man plötzlich hier gesehn, was man vorher nicht gesehn hatte. Vorher war ich zu blöd und kindlich, auf dem Gymnasium hab ich gar nix gesehn.

SZ: Auch auf der Akademie wurde Ihnen die Moderne vorenthalten?

Lassnig: Ja, und wie! Es gab Leibl, Bauernmalerei. Sepp Pilz. Der hat eine große Ausstellung gemacht für den Hitler, lauter Frauen mit schönen Bauerntrachten.

SZ: Und blond.

Lassnig: Nein, blond warens nicht. Die haben meistens Hüterl aufgehabt. So bin ja auch ich aufgewachsen.

SZ: Wie war's denn während der Nazizeit in Wien?

Lassnig: Ja, so große Ausstellungen wie in München haben wir nicht gehabt. Da hat man hinfahren müssen. Ich glaube, wir sind einmal nach München hinwaggoniert worden. Wenn man was nicht kennt, dann entbehrt man's auch nicht. Und dann haben wir gesehen: Wuuusch! Was gibt's noch alles! Und dann hab ich selber angefangen. Mein erstes Selbstporträt, soll ich Ihnen das zeigen?

SZ: Unbedingt.

Lassnig: Warten Sie . . . hier. Da war ich noch auf der Akademie. Schön, oder?

SZ: Sehr.

Lassnig: Die ganzen Fleckerl ... ich hab' halt so lange hingeschaut auf einen Punkt, bis irgendetwas geglüht hat in mir. Sehr fleischig, alles. Ich hab nix anderes gesehn vorher, wirklich. Ich hab beim Professor immer schön bräunlich gemalt.

SZ: Sie waren ja eigentlich immer eine Unzeitgemäße. Sie haben studiert, als Sie die modernste Kunst Ihrer Zeit nicht sehen konnten. Dann sind Sie nach Paris gegangen nach dem Krieg, aber die Surrealisten waren schon auf dem absteigenden Ast. Sie hatten ein Stipendium, oder?

Lassnig: Ja. Wegen einer dieser kriegsversetzten Personen, die von den Nazis eingefangen wurden, um zu schuften. Mit denen durfte man nicht reden. Aber ich hatte französisch maturiert, ich konnte mit ihm reden, wir waren befreundet. Der hat mich nicht angerührt, sogar als Franzose. Er hatte Respekt. Er und seine Clique, die haben die Häuser bespritzt gegen die Brandgefahr von den Bomben.

SZ: Und wie kam es zum Stipendium?

Lassnig: Nach dem Krieg haben die Franzosen ja alles Deutsche gehasst, aber mir haben sie eine Erlaubnis gegeben, weil eben jener kriegsversetzte Louis immer bei uns zu Abend gegessen hat. Viele kriegsversetzte Jugoslawen sind übrigens später Partisanen geworden. Die haben sich dann gerächt, auch bei uns im Dorf, an den Leuten, für die sie arbeiten mussten. Die haben die in die Kaserne geführt und alle erschossen! Aus Rache. Deshalb sind die Kärntner so ängstlich vor den Jugoslawen. Der Haider hat davon genossen.

SZ: Den gibt's ja jetzt auch nicht mehr.

Lassnig: Ich hab' mich ja schon nimmer sagen traun, ich bin eine Kärntnerin. Alle haben doch gedacht, dass wir Kärntner Nazi sind. Furchtbar. Deshalb hab' ich ihn zum Teufel gewünscht.

SZ: Hoffentlich hat's der Teufel nicht gehört.

Lassnig:Ja eben! Dass er ihn geholt hat . . . Aber dann hat er mir eigentlich leid getan.

SZ: Kann man mit Kunst eigentlich die Gesellschaft, das Leben der Menschen beeinflussen?

Lassnig: Die Welt lernt sowieso nix aus der Kunst. Heute vielleicht, durch die Werbung. Der André Malraux zum Beispiel, der französische Kulturminister nach dem Krieg, der hat auf die Welt eingewirkt. Selber hat er auch geschrieben und gewusst, wo es mit der Kunst langgeht. Als Schreiber kann man's also schon! Aber als Maler nicht. Bilder sind zu beiläufig, die Fotografie, fast alle Künstler sind zu beiläufig. Die meisten Menschen merken die Kunst ja gar nicht.

SZ: Können technische Medien die Kunst abtöten? In einem Ihrer Bilder lacht die Malerei als Monster die Fotografie aus...

Lassnig: Die Malerei kniet vor der Fotografie, aber sie hat so einen Wimpel, der ihr die Zunge rausstreckt.

SZ: Ein Wunschtraum?

Lassnig: Das ist doch kein Wunschtraum. Oder meinen Sie, dass die Malerei doch siegt?

SZ: Wer gewinnt denn sonst?

Lassnig: Mein Gott ... Ich muss in letzter Zeit leider immer über die Welt hinausdenken. Wie lang sie dauert. Und es wird ja vielleicht doch nur Wasser am Ende da sein. Was kann man da mit unserer Malerei machen? Man sollte vielleicht etwas aus einem Material machen, was alles überdauert. Alle Schrecken. Stein zersetzt sich, alles zersetzt sich. Die ganzen Katastrophen, die noch kommen könnten.

SZ: Aber es heißt ja immer: ars longa, vita brevis.

Lassnig: Ach Gott, ein Hoffnungsstrahl...

SZ: Die Pyramiden stehen doch auch noch.

Lassnig: Ja, aber die haben auch nicht sehr viel überdauern brauchen, nicht? Dagegen die ganzen Felsmalereien - die graben ja jetzt sehr viel aus in der Wüste, unglaublich schöne Sachen. Ich möchte sehr gerne mal in die Wüste fahren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum erst die roten Krawatten kommen und dann die grünen.