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Im Gespräch: Maria Lassnig:Die Göttin Hera des Häuslichen

SZ: Wann wussten Sie, dass Sie Künstlerin werden würden?

Lassnig: Als Kind hab' ich schon gezeichnet, in einer Ecke. Ich hab' mich mit Kritzeleien beschäftigt. Meine Mutter hat immer gedacht, das sei abnormal, denn ich hab' die Hände beim Zeichnen so gekrümmt gehalten, wie die Narren das tun. Deshalb hat sie Angst gehabt. Sie hat immer Angst gehabt. Deshalb ist sie mit einem Foto von mir zum Wahrsager gegangen, um zu wissen, was mir blüht. Und der hat zur Mutter gesagt, sie soll mich fördern. Der hat das gesehen. Am Foto, dass ich ein künstlerisch begabtes Kind bin. Aber sie hat das vergessen. Sie hat das nicht ernst genommen. Sie wollte mich verheiraten, unbedingt.

SZ: Aber das war ja gerade nichts für Sie . . .

Lassnig: Ich hab nicht eingesehen, zu was das gut sein soll. Nur bei anderen. Ich hab' immer Ehen gekittet. Ich war die Göttin Hera des Häuslichen. Weil ich selbst nie einen heimischen Herd gehabt hab'.

SZ: Wussten Sie als Kind, dass Sie besser waren als andere?

Lassnig: Ich hab' davon nichts gemerkt. Später, da war ich schon fast 20, war ich bei den Wandervögeln, den Boy Scouts. Die waren ohne Politik. Da hat ein Freund gesagt, du musst unbedingt auf die Akademie. Ich hab' das nicht ernst genommen. Ich war ja Lehrerin, ich hab' einen Schnellsiederkurs gemacht.

SZ: Was ist das denn?

Lassnig: Man wurde in einem Jahr Volksschullehrerin. So war das auf dem Land, auf 1100 Metern Höhe, während des Krieges. Ich hab maturiert, als die Nazizeit angefangen hat, dann der Schnellsiederkurs und sofort aufs Land. Dort oben hab' ich auch die Kinder, die ich unterrichtet hab', gezeichnet. Das hab' ich dem Schulinspektor gezeigt, und der hat gesagt: Ja, Sie müssen schon. Mit dem Rad bin ich nach Wien zur Akademie und der Professor hat gesagt, kommens unbedingt zur Aufnahmeprüfung, und ich hab' gezittert und geweint und gesagt, I werd bestimmt umfall'n, das heißt, auswaggoniert werden. Na, naa, is' alles sehr gut gegangen. Und von da an hab' ich gewusst: Nix is' wie Malerei.

SZ: Wunderbar. Aber trotzdem sind Sie dann aus Ihrer Malklasse rausgeflogen.

Lassnig: Ja, schon. Obwohl mich mein Professor, der Wilhelm Dachauer, geliebt hat. Weil er selbst auch Bauernmalerei gemacht hat. Und ich hab' ja als Wandervogel immer Dirndl angehabt. Ausgelacht worden bin ich in der Klosterschule mit meinem Dirndl. Die ham das nicht brauchen können. Furchtbar. Ich war immer der "Laughing Stock".

SZ: Gemein.

Lassnig: Ich hab da gelitten. Ich war nicht gern in der Schule. Die dumme Ridi, haben sie gesagt. Ridi, von Maridi, Maria. Also ja, ich bin rausgeflogen. Eine war neidisch. Sie war angemalt im Gesicht. Hergerichtet. Die hab' ich ausgespottet. Da hat sie mich bei einem Studentengericht angeklagt. Ich hab' gezittert. Hab' nicht gewusst, was mir passieren konnte. Aber ein anderer Professor hat mich dann wieder aufgenommen.

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