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Im Gespräch: Maria Lassnig:Der Druck, der sich im Körper fortpflanzt

SZ: Die Künstlerin Tracey Emin hat geschrieben, Kunst ist ein Geliebter, aber alleine reicht sie auch nicht. Sie kommen nicht von der Kunst los, oder?

Lassnig: Ich könnt' jetzt nix Besseres sagen.

SZ: Sie malen "Körperbewusstseinsbilder". So haben Sie sie mal genannt. Können Sie das erläutern?

Lassnig: Also: Wenn man zum Beispiel das Knie anwinkelt, bekommt man ein bestimmtes Körpergefühl, einen Druck, der sich im Körper fortpflanzt, weitervermittelt, und das malt man dann. Das ist mir nur irgendwann aufgefallen. Weil ich diesen Körperdruck gespürt habe. Ich habe meine Bilder, das begann um 1949 herum, dann "introspektive Erlebnisse" getauft.

SZ: In Ihren Tagebüchern schreiben Sie: "Grün ist leichtsinnig und leichtsinnig ist grün". Also: Farben drücken Gefühlszustände aus.

Lassnig: Ach, gerade die Farben, die Körpergefühlsfarben, sind bei mir doch unglaublich primitiv. Die Formen sind viel mehr ausgeprägt. Von der Wirklichkeit hab' ich das hergenommen. Von meinen Erfahrungen.

SZ: Sie meinen: Gefühle. Schmerz, Liebe.

Lassnig: Nein, das nicht. Die großen Gefühle hab' ich nie verarbeitet.

SZ: Franz Kafka hat gesagt, das einzig Reale ist der Schmerz.

Lassnig: Na ja, das ist schon ungefähr dasselbe, was ich gespürt habe. Ich kann mich aber nicht mit Kafka gleichsetzen!

SZ: Nein, aber diesen realen Schmerz könnten ja auch andere als er erleben.

Lassnig: Haben sie aber nicht. Oder sie achten nicht drauf. Ich habe ja immer gesagt, dass meine Kunst eine allgemeine Kunst gewesen ist und keine Frauenkunst. Dagegen hab' ich mich immer gewehrt. Die Männer sollen doch genauso empfindsam sein. Dann würden sie ihre Krankheiten vorausahnen und abwehren.

SZ: Männer sind nicht empfindsam?

Lassnig: Sie beachten das Empfinden nicht. Aber sie haben es. Sie lassen den Kopf hängen und tun nichts.

SZ: Sie haben mal gesagt, Männer sind Machos.

Lassnig: Ja, das ist wieder was anderes. Das hängt aber jetzt nicht damit zusammen, bitte. Nein, aber das Schämen ist sehr stark bei den Männern. Sie schämen sich.

SZ: Obwohl man die Scham ja traditionell der Frau zuschreibt.

Lassnig: Naa, naa! Mir hat mal eine Frau gesagt, junge Mädchen schämen sich weniger. Sie hat sich schon sehr früh in Kroatien nackert am Strand ausgezogen. Ich hätt' mich geschämt.

SZ: Das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Und Sie sind auf dem Land aufgewachsen.

Lassnig: Ja. Nullkommajosef Selbstvertrauen! Das war ja so von Kindheit auf. Wenn man in Kärnten ein Mädchen ist, wird man nicht freudig begrüßt wie die Erbhofbuben. Es hat immer geheißen, wenn ein Bub auf die Welt kommt, trink' ma an Schnaps, und bei den Mädchen ein Wasser oder gar nichts. Und das ganze Leben lang geht's halt so weiter. Nur manchmal hat man Atouts ...

SZ:... Trümpfe also ...

Lassnig: Ja, wenn man ganz hübsch ausschaut. Ich hab' mehr natürlich ausgeschaut. Heiraten wollten mich allerhand Leute, da fühlt man sich a bisserl umworben. Aber als Künstlerin bin ich nicht verwöhnt, weiß Gott nicht.

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